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Baumpflege: Eigener Ausbildungsberuf notwendig oder reicht fundierte Aus- und Weiterbildung?

Immer wieder gibt es Diskussionen, ob es notwendig ist, den „Baumpfleger“ als Ausbildungsberuf einzuführen. Dies zeigt beispielsweise die durch einen Beitrag „Ausbildungsberuf Baumpfleger überfällig?“ von Prof. Dr. Hartmut Balder angestoßene Diskussion in den„ISA-news“ auf der Internetseite der Baumzeitung (www.baumzeitung.de). Keinesfalls, finden Unternehmer, die schon lange in der Baumpflege tätig sind.

Um in der Baumpflege eine fundierte Ausbildung zu gewährleisten, ist umfangreiche Praxis und das Wissen erfahrener Baumpfleger unbedingt nötig. Darin waren sich die Teilnehmer der Veranstaltung in Leinfelden-Echterdingen einig. Werkfoto

Fachkräfte in der Baumpflege werden in ganz Deutschland händeringend gesucht. Eine fundierte Aus- und Weiterbildung ist jedoch schon seit Jahren möglich. Sie wird nur von zu wenigen Firmen angeboten. Wie sich das ändern lässt, war Thema der Konferenz „Ausbildung in der Baumpflege“ im Haus der Landschaftsgärtner in Leinfelden-Echterdingen, zu dem die „Initiative für Ausbildung“ eingeladen hatte. Neben Teilnehmern aus Baden-Württemberg konnte Initiator Albrecht Bühler auch Gerhard Zäh, Präsidiumsmitglied im GaLaBau-Verband Bayern und Peter Stockreiter, Mitglied im Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Arbeitskreis Baumpflege aus Niedersachsen, begrüßen.

Drei Szenarien inder Praxis anzutreffen

Es gibt viele Beispiele, wie gute Baumpflegeausbildung in der Praxis aussehen kann. Üblich sind drei Szenarien: eine Ausbildung in einem Garten- und Landschaftsbaubetrieb, der auch in der Baumpflege tätig ist, ein mehrmonatiges Praktikum und die Kooperationsausbildung.

Bei der kombinierten Ausbildung hat der Auszubildende am Ende der Lehrzeit neben dem Gehilfenbrief den SKT-A- und -B-Schein, den Führerschein CE sowie den Abschluss als European Treeworker. „Diese Mitarbeiter haben Meisterniveau und kämen bei einer Versteigerung meistbietend unter den Hammer“, scherzt Albrecht Bühler, Inhaber der Firma Baum und Garten in Nürtingen. Er muss es wissen, denn er bildet bereits einige junge Leute nach diesem Modell aus. „Voraussetzung ist eine starke Persönlichkeit, denn die Belastung ist hoch.“

Ein zweites Ausbildungsmodell kommt in der Praxis noch häufiger vor. Oft haben Menschen ein Interesse an Baumpflege, die bereits einen Berufs- oder Studienabschluss haben und begeisterte Kletterer sowie Naturliebhaber sind. Ihnen bietet Bühler ein mehrmonatiges Praktikum an, während dessen der Praktikant von einem erfahrenen Baumpfleger angeleitet wird und ebenfalls den SKT-A- und -B-Schein sowie den Abschluss als European Treeworker erwirbt. „Das ist nicht etwa ein Schnupper-Praktikum an dessen Ende der Mitarbeiter häckseln kann. Er soll anschließend in der Lage sein, den Beruf Baumpfleger auszuüben“, sagt Bühler.

Drittes Modell, das auch reine GaLaBau- oder Baumpflegebetriebe mit ihren Auszubildenden praktizieren können, ist die Kooperationsausbildung, bei der zwei Betriebe zusammenarbeiten und jeweils ihr Wissen vermitteln. „Hier ist es unbedingt notwendig, dass sich zwei Betriebe zusammenfinden, die eine gute Ausbildung machen. Und der Azubi muss besonders fit und motiviert sein“, weiß Bühler.

Doch es gibt noch weitere Varianten, um den eigenen Betrieb mit guten Baumpflegern zu bereichern. Ulrich Pfefferer hat vor mehr als einem Vierteljahrhundert in Müllheim die Firma Baumkultur gegründet. „Zu uns kommen in der Regel Leute, die schon einen Beruf haben und nicht mehr in eine Lehre gehen wollen.“ Meist sind es Forstwirte, die sich für die Weiterbildung als Baumpfleger interessieren. „Diplomierte Forstwirte bilde ich nicht aus wie 16-Jährige, sie bilden sich selbst aus“, sagt Pfefferer.

Diplomierte Quereinsteiger aus der Forstwirtschaft

Im März 2010 hat er drei dieser Forstwirte eingestellt und investiert pro Jahr 7.000 Euro in deren Ausbildung. Dazu kommen jährlich 10.000 Euro für modernste Ausrüstung seiner Mitarbeiter. Die Vereinbarung: Jeder der drei macht den Abschluss als Fachagrarwirt und bleibt mindestens bis 2013 in der Firma. Pfefferer und die drei Mitarbeiter waren sich einig: Keiner wollte viereinhalb Monate an die LVG Heidelberg, um sich dort in Vollzeit zum Fachagrarwirt ausbilden zu lassen.

Also wurde anhand der Heidelberger Ausbildungsunterlagen ein Selbstlernprogramm aufgestellt. „Zwei Freitage im Monat lernen die Mitarbeiter das, was sie für die Prüfung brauchen und melden sich dann als Externe in Heidelberg an“, sagt Pfefferer. Die „Lernzeit“ bekommen die drei jungen Leute bezahlt. Erstes, ehrgeiziges Ziel war es, sich bereits nach einem Jahr zur Prüfung anzumelden. Dieses Vorhaben wurde nun um ein halbes Jahr verschoben und ist damit immer noch herausfordernd genug.

Den Arbeitsvertrag bis 2013 hält Ulrich Pfefferer übrigens nicht nur deshalb für nötig, weil er in die Weiterbildung der Mitarbeiter investiert. „Nach einem Jahr Baumklettern hat man so ziemlich alle Baumgrößen einmal gesehen. Und dann dauert es mindestens noch mal ein Jahr, bis man richtig fit ist in der Baumpflege.“

Bei Sven Halm, Geschäftsführer der Forstteam GmbH in Deggingen, gibt es ein ausgeklügeltes innerbetriebliches Lehrgangsprogramm, mit dem er neue Mitarbeiter zum Baumpfleger weiterbildet. Zugeschnitten wurde das Programm auf einen gelernten Kfz-Mechaniker und auf einen Forstwirt mit SKT-A-Schein, die beide Baumpfleger werden wollten. Bereits die zweite Woche startete mit praktischen Übungen im Klettern. Mit der Hubarbeitsbühne wurden Totholz entfernt und Lichtraumprofile geschnitten. Nach zwei Monaten befassten sich die Mitarbeiter mit Kronenpflege und Aufbauschnitt, sowohl mit Hubarbeitsbühne als auch mit Seilklettertechnik. Nach einem Jahr kamen Kroneneinkürzung, Kronensicherungsschnitt und Baumfällung dazu.

„Für den SKT-B-Schein musste jeder eine eigene Fällung organisieren und durchführen und dabei auch Mitarbeiter einweisen“, berichtet Halm. Zusätzlich zur Praxis gab es innerbetriebliche Schulungen und Exkursionen, in denen theoretisches Wissen vermittelt wurde.

Ausbildung in Heidelberg soll belebt und gestärkt werden

Nur bei der Anmeldung zum European Treeworker-Kurs in Heidelberg gab es Probleme: Gleich zweimal nacheinander fand der Kurs nicht statt. Diese Erfahrung haben dort auch andere Unternehmer gemacht und finden das bedenklich. Wenn eine der renommiertesten Weiterbildungseinrichtungen für Baumpfleger die Kurse aufgrund zu geringer Teilnehmerzahlen absagen muss, stärke das die kommerziellen Anbieter. Obwohl die Ausbildung dort qualitativ gut sei, sollte man die Weiterbildungen im Bereich der Baumpflege unbedingt auch an halbstaatlichen Einrichtungen anbieten, waren sich die Tagungsteilnehmer einig. Mit Unterstützung des GaLaBau-Verbandes Baden-Württemberg soll daher die Ausbildung in Heidelberg belebt und gestärkt werden.

„Baumklettern ist keine Outdoor-Sportart“

Martin Müller, Baum-Sachverständiger in Welzheim, hat im Laufe seiner Tätigkeit schon viel gesehen (siehe Interview). Schließlich bewertet er tagtäglich Baumpflegeleistungen. Gerade beim Baumpflegenachwuchs vermisst er oft das sorgfältige, vorausschauende Arbeiten. „Baumklettern ist keine Outdoor-Sportart“, sagt Müller. „Klettern können alle, woran es krankt, ist sorgfältige Arbeit mit allem, was dazu gehört.“

Oft genug sehe er unsaubere Schnittstellen, aber auch mangelhafte Arbeitsorganisation. Lernen können das die Jungen nur von den Alten, die Erfahrung und Fachwissen haben. „Ich setze da auf die erfahrenen Mitarbeiter in den Betrieben, nicht auf die kommerziellen Anbieter“, sagt Müller.

Was seiner Ansicht nach auch fehlt, ist der Respekt vor dem Baum: der „sehr viel länger lebt als wir.“ Bevor man den Baum ohne nachzudenken mit Seil und Werkzeug erobert, sollte man sich ein bisschen Zeit nehmen und ihm zwei einfache Fragen stellen: „Wer bist du?“ und „Wie geht es dir?“. Anders ausgedrückt: Woher kommt der Baum? Ist es ein Bestandsbaum, kommt er aus dem Wald, welche Eigenschaften zeichnen ihn aus? Wohin soll und will er sich entwickeln? Wie ist sein Erscheinungsbild? Schon fünf bis zehn Minuten inne halten – statt gleich mit Seil oder Hubsteiger den Baum zu erklimmen – würde machen Fehler nicht passieren lassen, ist Müller überzeugt (siehe Interview).

Praxis und Wissen als Zauberformel

Fazit der Veranstaltung: Es ist nicht alleine damit getan, die jungen Leute mit entsprechenden Nachweisen auf Bäume zu schicken und zu erwarten, dass das Ergebnis gut ausgebildete Baumpfleger sind. Praxis, Praxis, Praxis und Wissen, das von erfahrenen Baumpflegern an die jungen Kollegen weitergegeben wird, lautet die Zauberformel, wenn das Ergebnis nicht nur ein geschnittener Baum, sondern ein fachmännisch geschnittener Baum sein soll. Worauf es ankommt, sind Qualität, Arbeitssicherheit und Respekt für den Baum, vermittelt in einem angenehmen Betriebsklima. Genau hier liegt die Schnittmenge mit den Zielen der „Initiative für Ausbildung“, weshalb sich zunehmend auch Baumpflegebetriebe zertifizieren lassen und damit Bewerbern eine Top-Ausbildung garantieren.

Im März 2010 gründeten führende Ausbildungsbetriebe der grünen Branche die „Initiative für Ausbildung“. Inzwischen ist die Zahl der Netzwerk-Betriebe auf über 50 angewachsen. Sie alle werben mit dem Siegel als „Top-Ausbildungsbetrieb“ und garantieren dem interessierten Nachwuchs eine Top-Ausbildungsqualität anhand von zwölf Kriterien. Die Initiative ist nicht nur auf GaLaBau-Betriebe beschränkt: Unter den beteiligten Unternehmen befinden sich auch etliche Baumpflegefirmen, die von der Initiative zertifiziert wurden. (ts)

 

Interview zum Thema:

Wie gut werden Baumpflegearbeiten ausgeführt. Das folgende Interview mit Martin Müller, Sachverständiger, gibt einen Einblick.

 

Herr Müller, als Sachverständiger müssen Sie täglich Bäume beurteilen. Wie ist Ihre Bilanz?

Ich habe viele Aufträge von Kommunen, bei denen ich die Leistung von Baumpflegern bewerten muss. Es kommt ganz selten vor, dass ich sagen kann: Da war ein Baumpfleger am Werk, wie ich ihn mir wünsche.

 

Was bemängeln Sie an Baumpflegern?

Klettern können alle. Mit der praktischen Umsetzung des Wissens im Baum hapert es allerdings. Ich sehe beispielsweise oft genug unsaubere Schnittstellen. Auch das ,Drumherum’, also die Arbeitsorganisation ist zum Teil mangelhaft. Da wird der Hubsteiger in die Straße gedreht, der Häckslerstaub auf die Straße geblasen oder die Äste, die herunterfallen, nicht sofort aufgehoben. Was fehlt, ist das Mitdenken.

 

Wo und wie wird denn Fachwissen über den Baum vermittelt?

Einerseits in den entsprechenden Weiterbildungskursen. Hier bin ich sehr dafür, dass wir alle gemeinsam dafür sorgen, das Feld nicht nur den kommerziellen Anbietern zu überlassen, sondern auch die halbstaatlichen Einrichtungen zu unterstützen. Das hat nichts mit mangelnder Qualität der kommerziellen Ausbildung zu tun. Aber man sollte die Wahl haben, wo man seine Kurse absolvieren möchte. Außerdem setze ich bei der Wissensvermittlung auf die erfahrenen Mitarbeiter in den Baumpflegebetrieben. Sie sind wichtig, wenn wir weiterhin fachkundigen Nachwuchs haben wollen. Die wirklich wichtigen Dinge lernen Sie nicht in einem Kurs, sondern nur durch die jahrelange Mitarbeit in einem Betrieb.

Das heißt, die praktische Ausbildung ist das A und O in der Baumpflege?

Ja. Im Prinzip kann jeder, der eine Astschere, eine Motorsäge und eine Leiter hat, an einem Baum herumschneiden. Ein Kletterkurs und eine Motorsäge befähigen ebenfalls noch nicht zur Baumpflege. Hierfür braucht es unbedingt Berufspraxis. Was noch wichtig ist: Baumpflege ist keine Outdoor-Sportart. Es ist nicht damit getan, sich bunte Klamotten, schicke Werkzeuge und einen lässigen Pick-up zu kaufen. Wichtig ist vor allem, Respekt vor dem Baum zu haben. Wir arbeiten an einem Individuum, das sehr viel länger lebt als wir.

 

Wie sieht Respekt vor dem Baum aus?

Wer von Baumpflege etwas versteht, wird nicht gleich mit dem Schnitt anfangen, sondern sich erst einmal fragen, wo der Baum herkommt. Ist er ein Bestandsbaum? Kommt er aus dem Wald? Wie ist sein Erscheinungsbild? Wie geht es ihm? Und wird dann erst anfangen, an ihm zu arbeiten.

(ts)