Das Gartenjahr für Menschen mit Demenz

Veröffentlichungsdatum: , Irene Seidel

Ulrike Kreuer, gelernte Gärtnerin für Obstbau, ist Inhaberin des Unternehmens „Der Dritte Frühling – Gärten für Menschen mit Demenz“. Foto: Rendel Freude

Gartenbau-Ingenieurin Ulrike Kreuer ist auf die Planung und den Ausbau von therapeutisch wirksamen Gärten für Seniorinnen und Senioren spezialisiert, insbesondere für Menschen mit Demenz. Unter dem Titel „Der dritte Frühling“ bietet die Gartentherapeutin Schulungen und Praxis-Projekte zum Themenfeld „Gartengestaltung für Menschen mit Demenz“ an. Im Interview mit TASPO GartenMarkt gibt sie Einblicke in ihr Konzept.

Aktuell führen Sie Gartentherapietage in Seniorenheimen durch – wie sieht ein solcher Tag aus? Beziehungsweise was bieten Sie an solchen Tagen an?

Ulrike Kreuer: Bewegliche Finger führen zu beweglichen Gedanken. Jeder darf sich dabei nach seinen Fähigkeiten einbringen. Ich mache verschiedene gärtnerische Angebote, zum Beispiel können draußen an einem großen Tisch Kräuter von Seniorinnen und Senioren in Teebeutel eingefüllt werden, ein eher ruhiges Angebot. Die Aktiven knipsen Rosen aus oder mähen mit mir die Gartenwiese.

Die Gartentherapietage führen Sie in Ihrer Region aus?

Ulrike Kreuer: Vor allem in Demenzgärten, die ich schon für Senioreneinrichtungen bauen durfte. Ich führe einmal im Monat Aktionen durch und leite so durch das gesamte Gartenjahr. Für die Häuser sind sie Anregung und Entlastung, sie fördern das Wohlbefinden der Betreuenden und der alten Menschen. Alle haben Spaß dabei.

Bei einem Bauprojekt haben Sie sogar im Garten eines Seniorenheims gezeltet?

Ulrike Kreuer: Ja, diese Aktion ist schon fast legendär. Wenn ich Fortbildungen gebe, werde ich immer wieder darauf angesprochen. Das Zelten ist vielen in lebhafter Erinnerung geblieben. Natürlich auch bei den Heimbewohnern, die früher oft im VW-Käfer zum Zelturlaub nach Italien gefahren sind.

Sie gestalten „Milieus“ – was heißt das?

Ulrike Kreuer: Der Begriff Milieugestaltung ist aus der Milieutherapie abgeleitet und wird in der Arbeit mit dementiell erkrankten Menschen vielfach angewendet. Ich habe es auf den Garten übertragen. Milieus erzeugen Stimmungen. Alte Gerätschaften, wie Spindelmäher, Laubbesen, Gießkannen, rufen bei Menschen mit Demenz Erinnerungen wach. Sie beginnen automatisch, die passenden Tätigkeiten auszuführen. Diese Gestaltung der Umgebung gibt Orientierung, steigert Wohlbefinden und Lebensqualität der Menschen mit Demenz.

Erstaunlich ist, dass die alten Designs heute wieder gefragt sind, oder?

Ulrike Kreuer: Was das Angebot bestimmter Gartenmärkte zeigt. Auch Duftpflanzen spielen eine wichtige Rolle für die Wahrnehmung und Erinnerung. Da gibt es viele schöne Züchtungen oder alte Sorten, die in spezialisierten Gärtnereien oder Gartenmärkten zu bekommen sind.

Die Nähe zu den Heimbewohnern ist Ihnen wichtig?

Ulrike Kreuer: Die Teilhabe der alten Menschen an der Entstehung ihres neuen Gartens ist mir extrem wichtig und gehört zu meinem Gesamtkonzept „Der dritte Frühling“. Pflanzen und Gießen, Weidenzäune flechten, all dies können Bewohner wahrnehmen – natürlich unter unserer Anleitung. Baggerarbeiten oder Pflasterungen hingegen übernehmen wir Profis.

Sie erwähnten Fortbildungen. Wie können Interessierte solche Angebote wahrnehmen?

Ulrike Kreuer: Ich habe schon viele Workshops direkt vor Ort in Seniorenheimen gegeben, an denen das Pflegepersonal ebenso teilnehmen kann wie Verwaltung, Heimleitung oder Sozialdienst. Andererseits biete ich Fortbildungen an der Rotkreuzakademie in Bonn an und für die Internationale Gesellschaft Gartentherapie. Hier melden sich auch viele pflegende Angehörige und Demenzbegleiterinnen an. Denn was oft unterschätzt wird: Die meisten älteren Menschen – immerhin zwei Drittel – werden zuhause gepflegt!

Ich gebe den Teilnehmenden einen Leitfaden, wie ihnen die Natur sinnstiftend helfen kann, gemeinsam Erinnerungen aufleben zu lassen. Die Rückmeldung ist unglaublich, die praktischen Anregungen werden förmlich aufgesaugt.

Können Sie bitte Beispiele geben?

Ulrike Kreuer: Ich pflanze bei meinen Projekten gerne eine Erdbeerwiese, und zwar mit der Sorte ʻFlorikaʼ. Ihr Vorteil: Sie breitet sich flächig aus und besitzt große Früchte, nützlich in jedem Garten. Die Sorte ist eine Kreuzung aus Wald- und Gartenerdbeere. Natürlich wird daraus Erdbeermarmelade gekocht. Das Wissen um die Haltbarmachung ist für Menschen mit Demenz ein wertvoller Erinnerungsschatz.

Im Herbst sind bei mir oft Lagerfeuer angesagt, zusammensitzen mit Stockbrot oder Kartoffeln im Feuer. Da steckt alles drin, was die Sinne anregt: Du nimmst das Feuer und den rauchigen Geschmack des Essens wahr. Und es ist tatsächlich so, dass die Alten anfangen zu singen. Mit oder ohne Demenz spüren sie die Sinnhaftigkeit dieser besonderen Situation, die mit einfachen Mitteln vieles im Inneren auslöst.

All diese Anregungen fließen in Ihr neues Buch „Das Gartenjahr für Menschen mit Demenz“ ein. Ist Einfachheit der Schlüssel?

Ulrike Kreuer: Ja, es ist kein Perfektionismus gefragt. Der Weg zur Teilhabe muss einfach sein, umso mehr Personen können Selbstwirksamkeit erfahren. Wichtig dabei ist, dass die Sinnhaftigkeit berücksichtigt wird. Das heißt, das, was getan wird, macht Sinn, wie die Gartenarbeit Monat für Monat im Jahreslauf. Denn es geht nicht um Beschäftigungstherapie. Deswegen will ich auch die Augen öffnen, für das was wir haben.

Augen öffnen für was?

Ulrike Kreuer: Ist kein Garten vorhanden, bietet öffentliches Grün so viele Möglichkeiten zur Sinneserfahrung, vor allem Bäume. Wir können ihnen begegnen, als wären sie alte Freunde, die auch schon viel erlebt haben. Der Zugang speziell zu Menschen mit Demenz geht immer über Gefühle. Die Natur, vor allem die Jahreszeiten, lösen starke Gefühle aus.

Müssten Parks generell seniorenfreundlicher gestaltet werden?

Ulrike Kreuer: Ich finde es ein Unding, dass dies nicht längst konsequent umgesetzt wird und Standard für Neugestaltungen ist. Parks berücksichtigen viele Interessen von Kleinkindern bis zu Sporttreibenden. Sie alle können sich mit ihren Bedürfnissen in unseren Parks verankern, die alten Leute nicht und Menschen mit Demenz schon gar nicht. Obwohl gerade sie Begegnungsräume brauchen, die sinnstiftend sind und auch Schutz bieten, beispielsweise breite Wege für Rollator oder Rollstuhl, eine intuitiv erfassbare Wegeführung, viele Bänke, kleine Platzsituationen, Sichtachsen, Duftpflanzen – die beschriebene Milieugestaltung.

Wo könnten diese Kriterien noch sinnvoll sein?

Ulrike Kreuer: Auf Friedhöfen, die im Schwerpunkt von der älteren Generation besucht werden. Es gilt, mit den Möglichkeiten zu spielen, die uns die Pflanzen anbieten, allen voran Duftpflanzen. Denkbar wären Duftabteilungen auf Friedhöfen: ein Areal mit erfrischenden und stärkenden Duftnoten von Pfefferminze und Kiefernnadeln, oder ein anderes Areal mit aufbauenden Düften von Lavendel und Rosen, für die Besucher sicherlich unterstützend und eine Möglichkeit der Selbstfürsorge. Es könnte auch ein schöner Gedanke sein, unter Duftpflanzen, wie Minze oder Salbei, begraben zu werden.

Oder auch der Holunderbusch, dessen Mythologie Sie in Ihrem neuen Buch beschreiben?

Ulrike Kreuer: Ja, der Holunderbusch war für Kelten und Germanen heilig. Germanische Stämme opferten ihm Milch und Bier, bestatteten oft ihre Toten unter dem Busch. Auch der Name ähnelt der Muttergöttin Holda aus der germanischen Mythologie. Diese Historie habe ich natürlich in meinem Buch mit einem Praxistipp zur Herstellung von Holundersirup ergänzt, was alten Menschen aus den Nachkriegsjahren ihrer Kindheit noch vertraut ist.

Die historischen Bezüge eröffnen spannendes Wissen?

Ulrike Kreuer: Die Historie zu entdecken, ist sehr spannend. Zum Beispiel war früher die Zuckerrübenernte ein Höhepunkt, was auch Sortennamen wie der „Grafschafter Goldsaft“ ausdrücken. Vor 200 Jahren war Zucker so wertvoll, dass er mit Gold aufgewogen wurde.

Das Buch zielt auf die ältere Generation, aber auch Jüngere sind an diesem Wissen interessiert, wie die Hobby-Farmerinnen und -Farmer, die Hühner in ihren Gärten halten.

Ulrike Kreuer: Das Interesse, Lebensmittel selbst herzustellen, ist sehr gestiegen, aus gesundheitlichen oder ethischen Gründen. Seit dem Ukrainekrieg spielt ein weiterer Aspekt eine Rolle: Es geht um Verankerung und Selbstwirksamkeit in unsicheren Zeiten. In Anbetracht des Kriegs fühlen sich viele ohnmächtig: Wo geht das hin, auf was muss ich mich einstellen? Älteren ist dieses Gefühl allzu vertraut. Da ist es wichtig, durch Handeln im Hier und Jetzt seine Wurzeln zu stärken. Meine Anregungen zum Tun helfen, Ängste zu überwinden. Die Metaebene signalisiert uns: Ich kann selbst gestalten, säen, ernten. Ich bin nicht ohnmächtig. Vielleicht sind wir Gärtner*innen auch deswegen glückliche Menschen …

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