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Eine neue Agrar-Uni soll in Weihenstephan entstehen

Einen gewagten und viel diskutierten Vorstoß unternimmt derzeit der Bayerische Bauernverband (BBV): Er fordert die Einrichtung eines eigenständigen agrarwissenschaftlichen Kompetenzzentrums in Weihenstephan, einer neuen "Universität Weihenstephan". Hintergrund für diese hochschulpolitische Initiative des BBV ist die Sorge um eine qualifizierte Ausbildung in der Agrarwissenschaft und damit auch der Gartenbauwissenschaft in Bayern. Durch die nach Einschätzung des BBV seit Jahren zu niedrigen Studentenzahlen fehlten die für einen wachsenden Arbeitsmarkt in der Agrar- und Ernährungswirtschaft benötigten Universitätsabsolventen, so der Verband. Als Agrarland Nummer eins wolle Bayern in diesem Bereich auch Ausbildungsstandort Nummer eins sein. Ein erstes Konzept für die Pläne hatte Gerd Sonnleitner, Präsident des Bayerischen und Deutschen Bauernverbandes, dem bayerischen Ministerpräsidenten Günther Beckstein bereits im Oktober des vergangenen Jahres vorgelegt. Beckstein hat mittlerweile den Auftrag an die entsprechenden Fachministerien erteilt, bis Mitte Februar ein genaues Konzept auszuarbeiten. Was beinhalten die Pläne des BBV konkret? Der Verband schlägt eine Ausgliederung der Agrar-, Garten-, Forst- und Umweltwissenschaften aus dem Wissenschaftszentrum Weihenstephan (WZW) und eine Zusammenführung dieser Forschungs- und Wissenschaftsressourcen mit der Fachhochschule Weihenstephan vor. Die neue Universität soll aus der Verbindung von Kernlehrstühlen der Technischen Universität (TU) München (am Standort Freising-Weihenstephan) mit Professuren der Fachhochschule Weihenstephan entstehen. Dazu soll eine enge Kooperation mit den Landesanstalten, ebenfalls in Weihenstephan, kommen. Warum unternimmt der BBV diesen Vorstoß? Wie der bayerische Verband gegenüber der TASPO ausführte, habe der Ruf Weihenstephans als universitäres Zentrum der Agrar- und Gartenbauwissenschaften unter anderem deshalb gelitten, weil nach der Integration der Agrarwissenschaften mit Biologen und Ernährungsmedizinern an der TU wichtige Lehrstühle über Jahre unbesetzt geblieben seien, Berufungen an grundlagenorientierte Wissenschaftler anstelle anwendungsorientierter Professoren gingen und sich die TU insgesamt von den Agrar- und Gartenbauwissenschaften als "zu anwendungsorientiert" und zu praxisorientiert abwende.

Wie sieht die derzeitige Situation für die Agrar- und Gartenbauwissenschaften in Weihenstephan aus? Wie ein Professor der Fachhochschule (FH) Weihenstephan bestätigt, hat es an der TU München in Weihenstephan in den letzten Jahren tatsächlich nahezu "rasante" Strukturveränderungen gegeben: Nach einem Memorandum ihres derzeitigen Präsidenten im Jahr 1997 hat sich die TU - passend zu ihrem eigenen Eliteanspruch - zunehmend auf die Grundlagenforschung konzentriert - Bioengineering of Plants, Biogene Bau- und Werkstoffe, Resistenzmechanismen auf Genebene lassen sich hier als Beispiele aufführen. Gemeinsam mit der Fachhochschule Weihenstephan entsteht zurzeit zudem in Straubing das mit je drei Professorenstellen ausgestattete Kompetenzzentrum für nachwachsende Rohstoffe. Die traditionelle Ausbildung zum Diplom-Ingenieur an der TU wurde dagegen abgeschafft. Die Bachelor-Ausbildung ist nun mehr auf die Wissenschaft ausgerichtet, wobei beispielsweise die Gartenbaustudierenden der TU den praxisorientierten Teil ihrer Ausbildung an der FH Weihenstephan belegen. Parallel zu diesen Entwicklungen gab es auch eine Verschiebung in den Studentenzahlen der TU von den Agrarwissenschaften einschießlich des Gartenbaus hin zur Biologie - von rund 300 Studienanfängern vor zehn Jahren zu heute weniger als 60. Dagegen hat sich die praxisorientierte Ausbildung an der FH Weihenstephan in den letzten zehn Jahren auf rund 4.000 Studierende verdoppelt. Als Ursachen zählen hier die Einführung vieler neuer Studiengänge wie der Bioinformatik, dem Landschaftsbau und Management oder der °©Lebensmitteltechnologie. Dieses Miteinander von Uni und FH ist nach Einschätzung von vielen Befürwortern der jetzigen Struktur die besondere Stärke Weihenstephans: Zwei Hochschulen mit klaren Profilen nebeneinander, die sich, so heißt es, in beinahe idealer Weise ergänzen. "Ich habe keine Befürchtung um den künftigen Forschungsstandort Weihenstephan", bringt es ein FH-Professor auf den Punkt. Von der Möglickeit für besonders gute FH-Absolventen, anschließend zum Masterstudiengang an der TU und anderer Universitäten zugelassen zu werden und dort zu promovieren, machen in der Regel rund 50 Absolventen der FH Gebrauch. Somit sei gewährleistet, dass auch künftig hervorragend wissenschaftlich ausgebildete Personen mit einer realitätsnahen Grundausbildung dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.