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Gartenbau: „Durch Corona gibt es einen neuen Zusammenhalt“

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Eva Kähler-Theuerkauf ist seit 2016 Präsidentin des Landesverbandes Gartenbau Nordrhein-Westfalen und seit zwei Wochen außerdem Vizepräsidentin des Zentralverbandes Gartenbau (ZVG). Die TASPO befragte die Unternehmerin aus Kempen zu aktuellen Themen und Herausforderungen für die Grüne Branche.

Eva Kähler-Theuerkauf wurde zur neuen ZVG-Vizepräsidentin gewählt und stand der TASPO Rede und Antwort. Foto: Wardeski/Gartenbau NRW

Sie wurden am 4. Dezember zur ZVG-Vizepräsidentin gewählt. Was hat Sie dazu motiviert, dieses Amt zu übernehmen?

Der Gartenbau hat in diesem Jahr große Herausforderungen gemeistert und wird auch im kommenden Jahr sicherlich nicht geschont werden. Probleme wie zunehmende Regelungswut und nationale Alleingänge der Politik machen es uns Gärtnern nicht gerade einfach. Deshalb ist es mir wichtig, die Repräsentanz des Gartenbaus in seiner Vielfältigkeit auch in der Spitze des ZVG erweitern zu können. Das Vertrauensvotum der Mitglieder ist für mich Ansporn, in einem starken Team auf Bundes- und Landesebene unsere Branche sichtbar und nachhaltig zu vertreten.

Welche Themen wollen Sie als ZVG-Vizepräsidentin vorrangig bearbeiten?

Ich denke, die in diesem Jahr entstandene höhere Wertschätzung der Menschen für gartenbauliche Produkte sollten wir nutzen, um mehr junge Menschen für den Gärtnerberuf zu begeistern. Dafür muss die zukunftsorientierte Weiterentwicklung der Ausbildung oberste Priorität haben. Auch möchte ich gern dafür werben, den neuen Zusammenhalt der Verbände untereinander zu erhalten und zu fördern.

Was sind in nächster Zeit die größten Herausforderungen für die Grüne Branche?

Mir bereitet der Klimawandel große Sorgen, denn wir spüren schon heute die Wetterextreme wie Hitzeperioden mit langen Trockenzeiten, Stürme und Starkregen-Ereignisse sowie milde Winter. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, braucht es nicht nur angepasste Bäume und Gehölze sowie Blumen und Stauden, sondern auch eine gemeinsame Kraftanstrengung für eine grüne und blaue Infrastruktur. Die große Zukunftsfrage wird sein, wie wir mit der knapper werdenden Ressource Wasser umgehen. Dafür müssen wir grundlegend neu denken, wie wir wohnen und wie wir produzieren. Das kann meines Erachtens nur gemeinsam mit allen relevanten Akteuren aus Gartenbau und Naturschutz sowie aus Städten und Gemeinden in einem offenen Diskurs für zukünftige Maßnahmen und Instrumente diskutiert werden.

Nach verschiedenen Quellen geben pro Jahr etwa zwei Prozent der Betriebe auf. Wie lautet Ihre Prognose für den Strukturwandel der Grünen Branche?

Aus der Historie unseres Landesverbandes weiß ich, dass in den 1960er-Jahren allein im Rheinland über 7.000 Mitgliedschaften bestanden. Der Prozess des Strukturwandels verläuft seit Jahrzehnten konstant mit einem jährlichen Rückgang von zwei bis drei Prozent. Gleichzeitig haben sich die Anbauflächen unter Glas und im Freiland wie auch die Verkaufsflächen in den Betrieben vervielfacht. Die Gründe für das Ausscheiden von Betrieben sind vielfältig. Unser Bestreben ist, auf der einen Seite soziale Härten zu verhindern und auf der anderen Seite für die zukunftsfähigen Betriebe praktikable Rahmenbedingungen zu erreichen. Dabei ist es immer eine individuelle Entscheidung in den Gärtnerfamilien, ob Motivation oder Voraussetzungen für eine Übernahme bestehen. Wichtig ist, zukunftsfähige Betriebskonzepte zu unterstützen. Hier ist die Politik in der Verantwortung, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die sich nicht jederzeit wieder ändern. Denn nur so kann ein positives Investitionsklima erzeugt werden.

Müssten Jungunternehmer, die einen Betrieb übernehmen, besser gefördert werden? Ist die Rechtsform GbR für den Gartenbau gut geeignet oder gibt es bessere Rechtsformen?

In Nordrhein-Westfalen haben wir über die Landwirtschaftskammer NRW und auch über unsere Geschäftsstelle die Möglichkeit, Jungunternehmer in Betriebsübernahme, Entwicklung und auch Finanzierung zu begleiten. Insbesondere im landwirtschaftlichen Bereich verfügen die Betriebe zur Absicherung von Darlehen über Grundbesitz. Die Absicherung von Finanzierungen wird in den meisten Fällen darüber erfolgen. Haftungsbegrenzende Rechtsformen bestehen deshalb überwiegend in unseren Dienstleistungs- und Einzelhandelsbetrieben. Die Gründe hierfür sind vielfältig.

Viele Gärtner klagen über zu viel Bürokratie. Was kostet besonders viel Zeit? Welche Erleichterungen für die Betriebe fordern Sie von der Politik ein?

Gerade kleine und mittlere Unternehmen haben immer mehr mit dem steigenden Verwaltungsaufwand zu kämpfen. Die Beantragung eines neuen Gewächshauses oder einer Halle, die Entsendung von Mitarbeitern ins Ausland, Aufzeichnungs- und Dokumentationspflichten sowie jede Menge Statistikerhebungen sind extrem langwierig und aufwendig – um nur einige Bereiche zu nennen. Der NRW-Wirtschaftsminister ist mit seinen Entfesselungspaketen zum Bürokratieabbau auf Landesebene auf einem guten Weg. Wir brauchen aber hier weitere Anstrengungen auf Bundes- und EU-Ebene, um den Bürokratie-Abbau voranzutreiben, und eine schnellere Digitalisierung der Behörden.

Der Fachkräftemangel ist ein Dauerthema. Wie kann sich der Gartenbau als attraktiver Arbeitgeber präsentieren, Auszubildende gewinnen und diese nach der Ausbildung auch halten? Müssten die Löhne steigen?

Nachwuchsgewinnung wird uns auch in den nächsten Jahren als zentrales Thema begleiten. Deshalb gibt es seit vielen Jahren zum einen die ZVG-Imagekampagne „Gärtner. Der Zukunft gewachsen“ und zum anderen unsere Initiative TAG – Top Ausbildung Gartenbau, bei der wir zusammen mit dem GaLaBau, dem Provinzialverband und der Landwirtschaftskammer einen Kriterienkatalog und einen Leitfaden für die Verbesserung der Ausbildungssituation in den Betrieben entwickelt haben. Wir als Verband bieten den Mitgliedsbetrieben Checklisten, persönliche Beratung und Veranstaltungen rund um die Themen Nachwuchsgewinnung und Umgang mit Auszubildenden an. Umsetzen müssen das die Betriebe, wobei ich allerdings bei vielen noch Potenzial sehe. Auch die Löhne müssen steigen, da geht kein Weg daran vorbei. Die Tarifverhandlungen sind zwar Corona-bedingt ins Stocken geraten, wir haben den Betrieben aber empfohlen, die Löhne freiwillig um zwei Prozent zu erhöhen. Dabei ist die Realität oft schon weiter als der Tarifvertrag und die meisten Betriebe vergüten ihre Mitarbeiter übertariflich.

Im Energiebereich drohen höhere Kosten durch gesetzliche Vorgaben. Wie ist hier der Stand der Dinge? Welche Forderungen stellen Sie an die Politik? Was raten Sie den Betrieben?

Nach meiner Einschätzung sind erhebliche Hilfen erforderlich, um die Produktion von Warmhauskulturen in Deutschland noch wirtschaftlich zu gestalten. Dazu gehören eine umfassende Investitionsförderung, steuerliche Vorteile und ein Ausgleich für damit verbundene Wettbewerbsverzerrungen innerhalb der EU und gegenüber Drittländern. Die Betriebe müssen zunächst einmal für die nächsten Jahre die entstehenden Mehrkosten ermitteln und die für ihre Betriebsstätte erforderlichen Investitionsmaßnahmen kalkulieren. Dies könnte den Strukturwandel verschärfen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es fast unmöglich ist, notwendige Preiserhöhungen am Markt durchzusetzen. Unbefriedigend ist, dass wir den Betrieben zurzeit als alternative Energieträger nur Hackschnitzel und Pellets empfehlen können. Andere Länder sind hier weiter und testen neue Möglichkeiten in der Kraft-Wärme-Kopplung, Wärmepumpen und Geothermie.

Die Palette verfügbarer Pflanzenschutzmittel wird immer kleiner. Erfährt der Gartenbau hier genug Unterstützung?

Mit dem Klimawandel verändert sich das Auftreten von Schädlingen und Pflanzenkrankheiten. Wir brauchen dazu intensive Forschung und Beratung im Pflanzenschutz, um dem steigenden Befall durch Schadinsekten und neue Schadpilze zu begegnen. Sichere und nützlingsschonende Pflanzenschutzmittel müssen besser verfügbar sein, um die regionale Produktion zu erhalten. Hier ist die Politik in der Verantwortung, Forschung und Beratung sicherzustellen und bessere Anreize für die Entwicklung neuer Wirkstoffe zu schaffen. Vor allem benötigen wir dringend eine EU-Harmonisierung im Pflanzenschutz ohne nationale Sonderauflagen.

Die Pflanzenproduktion erfordert den Einsatz von Ressourcen. Gesellschaft und Politik verlangen Einsparungen, zum Beispiel bei Torf oder Kunststoff (Töpfe, Verpackungen). Sind die Forderungen überzogen und übereilt? Ist die Branche mit Umstellungen zu zögerlich? Will der Verbraucher Veränderungen, die ihn Geld kosten?

Wir haben schon eine ganze Menge umgesetzt und produzieren immer nachhaltiger. Auch arbeiten die Betriebe eng mit der Landwirtschaftskammer zusammen, um Wege zu finden, wie zum Beispiel der Torfanteil weiter reduziert werden kann. Der verantwortungsvolle Umgang mit der Umwelt gehört schlichtweg zum Selbstverständnis des deutschen Gartenbaus. Ich erinnere gern daran, dass bereits 1961 Gärtner an der Grünen Charta der Mainau mitgewirkt und umweltrelevante Verhaltensregeln aufgestellt haben. Diesen Weg werden wir konsequent weitergehen. Wenig hilft, wenn die Politik Forderungen aufstellt, die schwer umsetzbar sind, wie 100 Prozent Torfverzicht. Wir brauchen hier dringend eine gesamteuropäische Lösung und keine nationalen Alleingänge zu Lasten der deutschen Gartenbau-Unternehmen. Aber auch der Verbraucher muss bereit sein, für ein nachhaltig produziertes Produkt mehr Geld auszugeben. Diese Bereitschaft wird zwar in Umfragen häufig angegeben, an der Kasse steht dann aber doch das günstigere Produkt.

Wie kann der Gartenbau noch besser zum Insektenschutz beitragen und dies dem Verbraucher kommunizieren?

Wir produzieren ja die insektenfreundlichen Pflanzen, die der Endkunde im Garten und auf dem Balkon verwenden kann. Allerdings besteht oft ein Informationsdefizit im Hinblick darauf, welche Pflanzen insektenfreundlich sind und dass auf unterschiedliche Blühzeiten geachtet werden muss, um für einen möglichst langen Zeitraum Nahrungsquellen anzubieten. Dafür gibt es die ZVG-Kampagne „Mit uns blüht’s auf“ mit einer Webseite, wo sich jeder über insektenfreundliche Pflanzen informieren kann, und mit Broschüren, die in Einzelhandelsgärtnereien ausgelegt werden können.

In welchen Bereichen kann der Gartenbau die Digitalisierung nutzen, um Produktion und Absatz zu optimieren? Gibt es Fördermöglichkeiten für betriebliche Investitionen in die Digitalisierung?

Deutschland ist bei der digitalen Infrastruktur leider immer noch Entwicklungsland. Gerade in diesem Jahr haben wir gesehen, wie wichtig der Breitbandausbau ist, um in den digitalen Kommunikationskanälen eine vernünftige Qualität zu haben. Ich sehe es als staatliche Grundversorgungspflicht an, das endlich flächendeckend umzusetzen.

Wie sind Sie mit Ihrem eigenen Betrieb bisher durch die Corona-Pandemie gekommen?

Wie wahrscheinlich alle anderen, hatten wir vor allem Sorge um die Gesundheit der Mitarbeiter. Selbstverständlich haben wir alle empfohlenen Hygienemaßnahmen in den betrieblichen Abläufen umgesetzt. War früher oft das Wetter Thema Nummer eins, so wurde es in diesem Jahr von Corona und den damit verbundenen Maßnahmen abgelöst. Der Druck, die Ware termingerecht zu produzieren und zu liefern, war in diesem Jahr größer.

Sind Ihnen besondere Aktivitäten von Betrieben im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie in Erinnerung geblieben?

Unsere Gartenbau-Betriebe haben sich sehr schnell neu aufgestellt und zusätzliche Vertriebswege erschlossen – einige mit einem Direktverkauf, andere mit Online-Shops für ein verbessertes Ordermanagement und bessere Markenbildung. Vor allem aber gibt einen neuen Zusammenhalt der Verbände, aber auch unter den Unternehmen. Hier waren alle betroffen, sodass die Corona-Krise uns zusammengeschweißt hat.

Was möchten Sie den Gärtnern für das kommende Jahr mit auf den Weg geben?

Mein Wunsch wäre, dass wir alles daransetzen, die hohe Wertschätzung, die die Verbraucher für unsere gartenbaulichen Produkte in diesem Jahr entwickelt haben, zu erhalten oder sogar auszubauen. Gelingen kann uns das mit unserem gestärkten Selbstbewusstsein und einem guten Zusammenhalt in der Grünen Branche. Ich denke, wir haben 2020 alle Kräfte erfolgreich mobilisiert. Ich würde mir wünschen, dass uns allen dies auch im neuen Jahr gelingt.

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