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Grabsteine – aber bitte nicht aus Kinderhand: Kommunen werden aktiv

Kommunen dürfen nach einem Urteil des Bayerischen Verfassungsgerichts vom 7. Oktober 2011 Vorschriften erlassen, die das Aufstellen von Grabsteinen aus Kinderarbeit verbieten können. Nun gibt es nach Bremen und Saarbrücken auch in Hannover Bestrebungen, die Friedhofssatzung dahin gehend zu ändern. 

Kinderarbeit in Steinbrüchen ist beispielsweise in Indien nicht ungewöhnlich. Foto: XertifiX

Das Ziel: Steine aus dem außereuropäischen Ausland sollen nur noch aufgestellt werden dürfen, wenn verlässlich zertifiziert ist, dass keine ausbeuterische Kinderarbeit in ihnen steckt. Hannover könnte damit die dritte Landeshauptstadt werden, die ein Zeichen zu diesem Thema setzt.

Die überwiegende Anzahl der Natursteinhändler und Industriebetriebe kann heute Grabmale beispielsweise aus Indien mit einem Zertifikat liefern. Laut Dr. Walter Schmidt, Geschäftsführer des Vereins XertifiX (Freiburg), kann sich jeder Naturstein-Importeur beispielsweise bei XertifiX zertifizieren lassen. „Damit werden die Natursteine in Indien in den Steinbrüchen und Fabriken unangekündigt kontrolliert.“ Die Zertifizierung kostet den Importeur drei Prozent des Produktwertes („Free on Board“), sie macht damit laut Schmidt nur einen geringen Prozentsatz des gesamten Grabsteinpreises aus.

Für die hannoverschen Steinmetze ist das Thema nicht neu, die Steinmetzindustrie bietet schon seit Jahren Roh- und Fertigprodukte an, die nachweislich ohne Kinderarbeit hergestellt sind, bestätigt Axel Peinemann, Innungsobermeister der hannoverschen Steinmetze (Langenhagen). Aber die geplante Beschränkung auf zertifiziertes Material habe so ihre Tücken, warnt er: „Wenn ein Grabmal mal keine Zertifizierung hat, heißt das nicht gleich, dass dort Kinderarbeit im Spiel ist.“

Zum einen sei die Art und Weise der Zertifizierungen keinesfalls als gleichwertig zu betrachten. Damit stelle sich die Frage: Sollen alle vorhandenen Zertifikate gleichwertig gelten oder ist eine Auswahl geplant? Wenn ja, nach welchen Kriterien soll die erfolgen, und wer legt diese fest? Weiteres Problem: In zahlreichen Betrieben lagere Natursteinmaterial in nicht unerheblichem Umfang, das mehrere Jahre alt sei, oft aus einer Zeit stammt, in der noch gar nicht zertifiziert wurde. Würde ein generelles Zertifizierungsgebot eingeführt, würde dieses Material wertlos.

Heimische, europäische und nordamerikanische Natursteinmaterialien und -produkte werden gar nicht zertifiziert, da es dort glücklicherweise keine Kinderarbeit gibt. „Wie sollen jetzt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Friedhofsverwaltung entscheiden, welche Grabsteine zertifiziert sein müssen und welche nicht?“, fragt der Innungsmeister. Ferner werde bislang auch keine Blockware zertifiziert, sodass Betriebe, die selber aus Natursteinblöcken Grabsteine herstellen, für ihre Grabsteine aus überseeischen Materialien keine Zertifikate vorweisen können.

Statt einer Änderung der Friedhofssatzungsänderung schlagen die hannoverschen Steinmetze vor, mehr darauf zu achten, dass ausschließlich Innungs- oder Fachbetriebe auf den Friedhöfen tätig sein dürfen. Und die sollen vor allem auf qualifizierte Beratung setzen: „Man muss sich als kompetenter Partner in der Öffentlichkeit präsentieren. So, wie wir es beispielsweise mit den Innungen Hannover, Braunschweig und Hildesheim seit Jahren mit einem großen Stand auf der Verbrauchermesse Infa in Hannover praktizieren.“ Auch die Bundesinnung ziehe da an einem Strang, um Aufklärungsarbeit zu leisten.

Der Innung missfällt, dass die Problematik der Herstellung von Natursteinprodukten mithilfe von Kinderarbeit unsachgemäß auf den Grabstein und das Steinmetzhandwerk verengt wird. „Was nützt es, wenn Grabsteine und -einfassungen aus Kinderarbeit verboten werden, der Weg zur Friedhofskapelle aber mit günstigen Pflastersteinen aus Indien oder China belegt wird, die viel wahrscheinlicher als die Grabsteine mittels Kinderarbeit hergestellt wurden?“ Sie schlägt daher vor, einen möglichen Gesetzentwurf nicht auf den Grabstein zu beschränken, sondern ihn auf „Natursteinprodukte aus Kinderarbeit“ auszudehnen.

Das würde dann auch andere Bereiche auf den Plan rufen: „Wir machen bereits sehr gute Erfahrungen mit Importeuren von Garten- und Pflastersteinen“, sagt XertifiX-Geschäftsführer Schmidt. So hätten sich beispielsweise die „Gärtner von Eden“ entschieden, nur zertifiziertes Material aus Indien zu verwenden. In Deutschland, Österreich und der Schweiz werde immer mehr auf zertifizierte Ware zurückgegriffen.

Nichtsdestotrotz gebe es auch hier noch einen großen Aufholbedarf. Denn bislang akzeptierten alle Kommunen die sogenannten Selbsterklärungen der Händler über die Freiheit von Kinderarbeit. München mache jetzt einen Anfang und werde als erste Kommune in Deutschland Natursteine aus Asien, Lateinamerika oder Asien nur dann akzeptieren, wenn durch ein unabhängiges Zertifikat die Freiheit von Kinderarbeit bescheinigt wird. „Es ist wünschenswert, dass andere Kommunen in Deutschland nachziehen“, so Schmidt. (kla)