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Interview: Ein „Kochbuch“ für Gartenbau-Freunde

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Ein Buch, das gleichzeitig für Studierende und Praktiker nutzbar ist – im Produktionsgartenbau, vielleicht sogar in Garten, Terrasse oder Balkon – das ist das Projekt dreier Gartenbau-Studenten der Humboldt-Universität Berlin. Sein Thema: Wie kann man die Qualitäten durch die Steuerung verschiedener Produktionsfaktoren verbessern? Wir haben bei den jungen Wissenschaftlern nachgehakt.

Die drei Studierenden (v. l.) Adrian Vollmer, Roland Sier und Veronika Strauss arbeiten an einem Lehrbuch für Studierende und Praktiker, mit dem sie auch Lust auf den Produktionsgartenbau machen wollen. Foto: privat

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Lehrbuch zum Qualitätsgartenbau für Studierende und Praktiker zu schreiben?

Adrian Vollmer: Die Idee, das Buch so zu gestalten, dass es gleichzeitig für Studierende und für Praktiker nutzbar ist, ist aus dem Eindruck entstanden, dass es für Studierende oftmals sehr viel greifbarer ist, sich einem Thema zu nähern, wenn es wirklich anschaulich und logisch dargestellt ist. Auch damit man es dann noch leichter in der Praxis anwenden kann. Wir Autoren haben also versucht, eine Art „Kochbuch“ für Gartenbau-Freunde zu schreiben – indem also die Rezepte beziehungsweise deren Umsetzung so ansprechend und einfach präsentiert sind, dass man sie am liebsten gleich „nachkochen“ möchte!

Was genau wird Inhalt des Buchs sein?

Adrian Vollmer: Das Buch wird sich um die Qualitäten, ganz besonders um die Inhaltsstoffe von gartenbaulichen Kulturen drehen und wie man die Qualitäten durch die Steuerung verschiedener Produktionsfaktoren verbessern kann. Das Buch ist dabei in drei Teile gegliedert.

Im ersten Teil geben wir einen groben Überblick über geschützten Anbau, pflanzliche Stoffwechselprozesse und die Bedeutung und Funktion von pflanzlichen Sekundärmetaboliten für Pflanzen, aber auch Menschen.

Im zweiten Teil des Buchs gehen wir dann genau auf die einzelnen Produktionsfaktoren wie Licht, Temperatur oder auch Mischanbau ein. Wir erklären anhand vieler Beispiele, Abbildungen und Tabellen, wie sich eine Steuerung dieser Faktoren generell auf die Pflanze auswirkt, wieso die Pflanze auf die Anreicherung von Inhaltsstoffen reagiert und wie man diese Produktionsfaktoren so steuert, dass die Pflanze die gewünschten Inhaltsstoffe anreichert.

Im dritten Teil des Buchs geben wir dann Step-by-Step-Anleitungen, die die Dozenten mit ihren Studierenden oder auch GartenbauerInnen in ihren Betrieben anwenden können. So beschreiben wir zum Beispiel im Detail, wie man sehr einfach die Qualität von Tomaten allein durch einen leichten Salzstress verbessern kann.

Sie wollen „einfache und kostengünstige Mittel“ aufzeigen, mit denen ein Gärtner die Qualität von Gemüse- und Arzneipflanzen steigern kann. Welche schweben Ihnen da vor?

Roland Sier: Eine Möglichkeit, die Qualität von Gemüsepflanzen zu erhöhen, ist beispielsweise ein gezielter Mangel. Hier eignet sich Phosphor-Mangel, der zu einer Anreicherung von Anthocyanen führt. Diese Anthocyane sind sekundäre Pflanzenstoffe, die der Pflanze als Schutz vor Radikalen dienen. Eine Anreicherung in der Pflanze durch den Phosphor-Mangel ist zum Beispiel an einer Violettfärbung der normalerweise weißen Blattspreite von Mangold zu sehen. Diese sekundären Pflanzenstoffe haben, wenn vom Mensch durch die Nahrung aufgenommen, antikanzerogene Wirkung. Das Verfahren ist kostengünstig, da man Dünger einspart und der Mangel nur so schwach ist, dass sich die Erträge nicht schmälern.

Veronika Strauss: Der Clou an der Sache ist, dass zum großen Teil bereits vorhandene Mittel genutzt werden, um die Qualität im Sinne des Lehrbuchs zu steigern. Beispiel Trockenstress: Ein Bewässerungssystem ist in jedem Gewächshaus vorhanden. Ein kontrollierter Trockenstress kann also durch einfache Herunterregulierung der Wasserzufuhr herbeigeführt werden. Hier müssen also keinerlei Investitionen getätigt werden, es muss nur ein geänderter Bewässerungsplan erstellt werden und das Personal andere Weisungen ausführen.

Sie möchten mit dem Buch auch „Lust auf den Produktionsgartenbau“ machen. Wie ist bei Ihnen persönlich die Lust auf Gartenbau geweckt worden?

Roland Sier: Ich habe schon während meines Bachelorstudiums der „Nachwachsenden Rohstoffe“ gemerkt, dass alles rund um die Produktion mein Interesse weckt. Nach einem Kurs in einer Aquaponik-Farm in Kalifornien wusste ich, dass ich die Produktion der Zukunft mitgestalten möchte. Vertikaler Gemüseanbau und der Anbau in Kreislaufsystemen nahe den Verbrauchern sehe ich als die Zukunft an. Nach meinem erfolgreichen Bachelorstudium an der TU München habe ich dann den internationalen Master an der Humboldt-Universität zu Berlin begonnen.

Adrian Vollmer: So richtig erwacht ist meine große Freude am Gartenbau durch ein Praktikum in einem Demeter-Betrieb. Dort war ich für zwei Wochen, um ein Betriebspraktikum einer Schulklasse als Mitbetreuer zu begleiten. Dann hatte mich der Film „Tomorrow“ sehr berührt, in dem unter anderem ganz praktisch und überzeugend angewandte Möglichkeiten der Permakultur aufgezeigt werden. Nach einem Wochenendseminar über Permakultur habe ich mich danach endgültig dazu entschlossen, mein Studienfach von der Informatik zum Gartenbau zu ändern.

Ich würde durch dieses Studium sehr gerne die Grundsätze der Permakultur beziehungsweise der generellen naturnahen Anbauweisen mit einem wissenschaftlichen Background so erschließen können, dass ich in Zukunft vielleicht einen Permakultur-Produktions- oder Ausbildungsbetrieb aufbauen könnte, der dann vielleicht sogar als Muster für andere Betriebe dienen könnte.

Veronika Strauss: Ich bin schon in der Schule durch einen engagierten Erdkundelehrer für die Problematik der Umweltzerstörung sensibilisiert worden. Später war ich bei Greenpeace aktiv, aber zu meinen Überzeugungen fehlte mir fundiertes Hintergrundwissen. Das wollte ich mir unbedingt aneignen. So bin ich schließlich zum Studium der Gartenbau-Wissenschaften gekommen.

Mich interessiert besonders die Gratwanderung zwischen sicherer Nahrungsmittelproduktion und nachhaltiger Ressourcennutzung. An meinen Überzeugungen hat sich wenig geändert, aber jetzt kann ich aktiv dazu beitragen, Lösungen für die Probleme zu entwickeln!

Über die Buchautoren

Veronika Strauss (34), Studentin „Prozess- und Qualitätsmanagement für Landwirtschaft und Gartenbau“, Roland Sier (25), Student des internationalen Master-Programms „Horticultural Sciences“, sowie Adrian Vollmer (27), Student der Gartenbau-Wissenschaften, gehören zum zwölfköpfigen Autoren-Team des Buchs „Controlled Environment Horticulture – Improving Quality of Vegetables and Medicinal Plants“. Im Mai 2019 soll es erscheinen.

Das komplette Interview mit Veronika Strauss, Roland Sier und Adrian Vollmer lesen Sie in der TASPO 51/2018, die Sie in unserem TASPO Online-Shop abrufen können.