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Interview: „Ein nachhaltiger Umgang mit Hanf würde allen guttun“

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Obst zum selber ernten – im Prinzip nichts Neues. Was aber, wenn sich auch Hanf selber pflücken ließe für eine gewerbliche Weiterverarbeitung? Josef Bayer hat es ausprobiert. Der gelernte Gärtner betreibt Deutschlands erste „Selbsthanfpflücke“ in Kronach. Ein Gespräch mit der TASPO über das Pilotprojekt, bürokratische Hürden und illegale Zaunbesucher.

Josef Bayer sieht in Hanf viel Potential und fordert zu mehr Nachhaltigkeit im Umgang mit der Pflanze auf. Foto: Josef Bayer

Sie sind auf Obstbau spezialisiert. Jetzt betreiben Sie eine „Selbsthanfpflücke“. Wie kam es dazu?

Das Thema Selbstpflücke ist für mich nichts Neues. Auf dem elterlichen Betrieb bauen wir seit über 30 Jahren Erdbeeren an. Dazu gehören einige Selbstpflückflächen. 2015 habe ich aufgrund einer chronischen Magen-Darm-Erkrankung und erheblichen Beschwerden, eine Eigentherapie mit CBD-Öl angefangen. Eines der hochwertigsten Produkte, das man aus dem Nutzhanf herstellen kann.

Hat toll geholfen! Bis heute! Seitdem bin ich absolut von Hanf überzeugt. 2017 war ich dann das erste Mal beim Hanfernten dabei und habe schon auf dem Feld gedacht: Erdbeerselbstpflücke schön und gut - müsste ja mit Hanf auch gehen?! Als ich Ende 2017 die schriftliche Bestätigung vom örtlichen Landratsamt hatte, dass sie gegen mein Vorhaben Hanfselbstpflücke keine Einwände haben, konnte ich alles in die Wege leiten, um die Hanfselbstpflücke auf die Beine zu stellen.

Wie sieht Ihre Arbeit aus? Was sind die Hauptkostenfaktoren beim Anbau der Pflanzen?

Selbst und ständig. Angefangen bei der Büroarbeit, Buchhaltung, Social Media über Kundenbetreuung bis hin zu verschiedensten Medien. Ob Interviews, Zeitung, Radio oder Fernsehen - es war alles dabei. Und das mir ja nicht langweilig wird, steht ja auch noch 1,5 Hektar Hanf auf dem Feld: ein Hektar der Sorte Finola und 0,5 Hektar Santhica 27. Beides EU-zertifizierte Nutzhanfsorten. Da ich den Verkauf nicht an Privatpersonen anbieten und auch die Gewerbetreibenden bei weitem nicht die Blütenmassen ernten konnten, musste schnell eine Erntemaschine und Trocknung gebaut werden. Seit Ende Juli bin ich nun täglich damit beschäftigt, Hanf zu ernten und zu trocknen. Täglicher Kundenkontakt inbegriffen. 

Hanf ist eine absolut genügsame Pflanze. Der Anbau und die Kulturführung machen nur einen sehr kleinen Teil der Kosten aus! Das, was mir bisher die meisten Kosten verursacht hat, ist der Rechtsanwalt. Ernte und Trocknung stehen an zweiter Stelle der Kosten, vor allem Handernte. Dazu braucht man viele Überzeugungstäter bzw. Helfer.

Welche Voraussetzungen mussten Sie erfüllen, um Ihr Projekt umsetzen zu können?

Nutzhanf darf in Deutschland nur von landwirtschaftlichen Betrieben angebaut werden. Die zugelassenen EU-Nutzhanfsorten dürfen dann auch nur auf einer landwirtschaftlichen Fläche von mindestens einem Hektar ausgesät werden. Daher habe ich meinen eigenen landwirtschaftlichen Betrieb gegründet und eine landwirtschaftliche Fläche von 1,5 Hektar gepachtet. Eine Meldung beim örtlichen Landwirtschaftsamt sowie eine Anbauanzeige, Blütemeldung und Erntefreigabe beim Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) sind grundlegend!

Welche Vorteile bietet Hanf?

Momentan verkaufe ich meinen Hanf als Rohstoff zur Weiterverarbeitung. Hanf braucht keinen zusätzlichen Dünger oder Pflanzenschutz. Ein nachhaltiger Umgang mit Boden und Ressourcen genügt der Pflanze. Hanf hat eine leicht beruhigende Wirkung, ähnlich wie Hopfen. Zudem ist er entzündungshemmend, entkrampfend, leicht schmerzstillend, vitalisierend. Bestätigen mir immer wieder meine Kunden. Vor allem die älteren Herrschaften.

Der Sommer dieses Jahr war geprägt von anhaltender Hitze und Trockenheit. Wie kam der Hanf damit zurecht?

Perfekt! Selbst mein Vater war sehr erstaunt was der Hanf alles mitmacht! Auf den Feldern sind Getreide, Mais oder auch unsere Erdbeeren verbrannt. Der Hanf hatte wohl auch tagsüber mit der Hitze zu kämpfen, aber schon am Abend haben die Blätter wieder strammgestanden. Unglaublich robust! Vor allem die Sorte Santhica 27 mit einer sehr langen Pfahlwurzel. Die hatte nie Stress. Eine unglaublich tolle Pflanze! Die Blüten haben in den Analyseergebnissen tolle Cannabinoid-Werte erreicht, ich denke Aufgrund der hohen Temperaturen und Sonnetage. Da kann der Hanf gut mit um!

Immer wieder haperte es an rechtlichen Vorschriften und bürokratischen Hürden. Woran liegt das und was sollte sich aus Ihrer Sicht ändern?

Im November habe ich eine schriftliche Bestätigung vom örtlichen Landratsamt erhalten, dass gegen mein Vorhaben Hanfselbstpflücke keine Einwände beständen. Als ich Anfang Juli die Erntefreigabe erhalten hatte und mit dem Direktverkauf loslegen wollte, schaltete sich die Staatsanwaltschaft Coburg ein. Die Selbstpflücke sei nicht möglich, da seit einem Jahr ein neuer Paragraph im Betäubungsmittelgesetz (BtMG) eingefügt wurde, welcher mir das untersagt.

Nach etlichem hin und her mit Landratsamt, Bundesopiumstelle, Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung, Rechtsanwalt etc., konnte ich dieses Jahr nur die Ernte für Gewerbetreibende ermöglichen. Leider ist Fakt, dass in Deutschland große Mengen an illegalen, maximal geduldeten Produkten aus Hanf am Markt sind. Maximal geduldet oder toleriert solange keine Verarbeitung nach geltendem Gesetzt erfolgt ist. Eine zeitgemäße Änderung der Gesetze und ein nachhaltiger Umgang mit Hanf würden uns allen guttun! Davon bin ich überzeugt!

Sind weitere Projekte für die Zukunft geplant?

Durchaus! Dieses Jahr aber erstmal alles etwas sacken lassen! Die letzten Wochen und Monate haben mir sehr viel Kraft und Nerven gekostet. Es gibt aber schon Pläne für eine Hanfselbstpflücke 2.0.Hemptrain! Tut Tut!

Ihr Feld ist mit einem Zaun begrenzt. Treffen Sie auf viele „illegale Besucher“, die sich gerne auch etwas Hanf mitnehmen möchten?

Ohhhh ja! Das Interesse an meinem Hanf ist sehr groß.Vor allem nachts! Unser Feld ist nur 100 Meter vom Wohnhaus entfernt, somit können wir den nächtlichen Ausflüglern ganz nett bei der Arbeit zuschauen. Aber ich habe kein großes Problem damit, eher die Ausflügler, wenn sie in eine Kontrolle geraten. Dann haben die nämlich erstmal illegales BTM in der Hand…

So gehe ich meist auch auf die „illegalen Besucher“ zu. Die meisten haben auch Verständnis und zeigen Reue. Ein Problem hatte ich aber Mal: zwei Mal haben sich nächtliche Ausflügler wirklich durch meterhohe Büsche und Sträucher gekämpft und als sie vorm Zaun standen, haben sie ihn einfach aufgeschnitten. Profis eben! Hat mich nicht gestört, dass sie den Hanf geklaut haben. Aber der Zaun war teuer, Jungs!