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Interview: „Es ist Quatsch, Walnüsse von irgendwo herzukarren“

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Walnüsse wachsen seit Jahrhunderten in Deutschland, bleiben jedoch im professionellen Anbau weitestgehend unbeachtet. Vivian Böllersen möchte dies ändern: 2015 gründete sie ihre Firma „Land- und Gartenwirtschaft Böllersen“ in Brandenburg und verfolgt seitdem als Walnussbäuerin das Ziel, Licht ins Dunkel des Walnussanbaus hierzulade zu bringen. Mit der TASPO sprach sie über die Grundlagen ihrer Arbeit in einer besonderen Branche und über ihre Ambitionen dahinter.

Vivian Böllersen setzt sich für einen gezielten Anbau von Walnüssen in Deutschland ein. Foto: Vivian Böllersen

Frau Böllersen, wie kamen Sie dazu, eine Walnussmeisterei zu eröffnen?

Etwas Neues, weitgehend Unerforschtes voran zu bringen, ist unglaublich inspirierend! Mit Kartoffeln, Spargel und Co. kennen sich in unserer Gegend schon genügend Bauern aus, die das seit Generationen betreiben und erfolgreich wirtschaften. Aber Walnüsse im Anbau? Davon hat noch keiner gehört. Aber dass die hier wachsen, dass man von den Schalen im Herbst braune Finger bekommt und ein Nusskuchen aus selbst geknackten Walnüssen aus Omas Garten einfach unwiderstehlich ist, wissen wiederum sehr viele. Diese Diskrepanz erschien mir irgendwann als unbegründet und ich wollte nach Abschluss meiner Masterarbeit zu dem Thema das unbedingt ausprobieren um auch jedem Supermarktkunden zu zeigen – gute Walnüsse müssen nicht aus Kalifornien kommen!

Mit Walnüssen haben Sie sich auf einen ungewöhnlichen Bereich spezialisiert. Was wollen Sie damit langfristig verändern?

Es gibt hier kaum Wissen um den Walnussanbau; es gibt nur eine Hand voll Anbauer und kaum Forschung. Das hat mich gereizt und die Frage ist wirklich spannend: wieso wird eine Kultur, die hier seit Jahrhunderten wächst und fest bei uns in den Gärten und auf den Nikolaustellern dazu gehört, bei uns nicht angebaut? Wieso müssen 100 Prozent der Handelsware aus dem Ausland und dabei zum Großteil aus Übersee eingeführt werden? Dass ich keine guten Gründe gefunden habe, hat mich motiviert anzufangen nach ihnen zu suchen und dran zu bleiben.

Es sollen mehr Walnüsse in Deutschland angebaut werden! Was soll der Quatsch, sie von irgendwo herzukarren, wenn man sie für einen guten Preis aus der Region anbieten könnte? Deutsche Walnüsse können genauso gut schmecken wie die Französischen, das muss man nur vorführen können! Es muss aber mutige Anfänger geben, die die Pionierarbeit leisten und es muss mehr geforscht werden, damit hiesige Ergebnisse auch objektiv Relevanz zugesprochen bekommen.

Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit und wie können Sie diese mit den Walnüssen umsetzen?

Ich habe „Öko-Agrarmanagement“ im Master studiert und davor „Ökolandbau und Vermarktung“ im Bachelor – und konnte somit die weitreichenden Folgen einer auf kurzfristige Erträge konzentrierte Landnutzung kennen und vermeiden lernen. Die Walnuss passt sehr gut in eine enkeltaugliche Denkweise: Sie wächst über Generationen, braucht kaum Pflanzenschutzmittel und kommt besser als manch andere Baumart mit den zu erwartenden Klimaveränderungen zurecht. Ein zukunftstauglicher Baum würde ich sagen!

Was muss man beim Anbau in Deutschland beachten?

Die Sortenwahl ist elementar. Während es in hier kaum auf Ertrag oder Robustheit gezüchtete Sorten gibt, sieht das im Ausland ganz anders aus. In Tschechien, den Niederlanden oder Frankreich wurden hervorragende Sorten selektiert, die auch mit Spätfrostlagen, schwachen Böden oder starken Niederschlägen zurechtkommen. Man muss die Auswahl seines Standortes gemäß vornehmen. Die Walnuss braucht zur Fruchtproduktion eine gleichmäßige Wasserversorgung – Grundwassernahe Standorte bevorzugt. Das ist wie im Obstbau – ohne Wasser geht hier nichts. Ansonsten gibt es kaum Gegenargumente, die lange Warte- und „Umtriebs“-Zeit ist aber für manche ein Hindernis. Mit fünf bis zehn Jahren sollte man rechnen, bevor nennenswerte Erträge fallen. Bei mir sind jetzt nach drei Jahren die ersten vereinzelten Früchtchen dran – das stärkt den Optimismus.

Auf rund 4,5 Hektar bauen Sie 30 verschiedene Sorten an. Nach welchen Kriterien suchen Sie diese aus?

Ich wollte alle Sorten ausprobieren, die von Ihrer Beschreibung her und laut den Erfahrungen, die befreundete Kollegen in ganz Deutschland damit gemacht haben, nach Brandenburg passen. Neben den Vermarktungskriterien wie Fruchtgröße, Kernanteil, Knack- und Auskernbarkeit sowie Geschmack waren natürlich auch die wirtschaftlich relevanten Eigenschaften wie Ertragshöhe und -stabilität, Anfälligkeit für Blattkrankheiten und der Austriebstermin im Frühjahr von grundlegender Bedeutung. Wenn die Sorte dann noch als trockenheitsresistent oder genügsam gegenüber schwachen Standorten beschrieben wurde – war sie auf meiner Liste!

Was sind die Hauptkostenfaktoren beim Anbau?

Die Pflanzkosten sind aufgrund der schwierigen Veredlung vergleichsweise hoch und sollten mit 25 bis 50 Euro je Baum kalkuliert werden. Zudem ist der Pflegeaufwand in den ersten Jahren nicht zu unterschätzen – die Baumscheibe muss freigehalten werden, der Erziehungsschnitt muss jedes Jahr erfolgen, Haupttriebe müssen hochgebunden werden. Und die Bewässerung darf in den ersten zwei bis drei Jahren nicht vernachlässigt werden! Hat der Baum dann erst einmal seine Wurzeln gebildet und einen kräftigen Austrieb, kommt er auf vielen Standorten zurecht, solange er noch keine Nüsse produzieren muss. Ab Ertragseintritt sind dann Investitionen in beispielsweise Rüttler, Erntemaschinen und Trockner sinnvoll.

Sie sind Brandenburgs erste Walnussbäuerin. Gibt es bundesweit noch mehr? Ist die Szene groß?

Nein, von einer relevanten Größe kann man tatsächlich nicht sprechen. Es gibt verteilt über die Bundesrepublik vielleicht ein Duzend Walnussbauern im Ertrag. In jüngster Zeit kommen – auch in Brandenburg – immer mehr Junganlagen dazu und beweisen den Pioniergeist heutiger Landwirte bzw. die Suche nach Nischen auch landwirtschaftlicher Quereinsteiger.

Was macht Ihrer Meinung nach die perfekte Walnuss aus?

Geringe Bitternoten, feste Kernkonsistenz, gute Lagerfähigkeit. Das ist mir persönlich wichtig. Aber der Anbauer wird natürlich auch immer Ertragswerte und Fruchtgrößen mit berücksichtigen während ein Konsument oder eine Konsumentin mit Arthrose zum Beispiel eher auf die leichte Knackbarkeit Wert legen wird. Die Ansprüche sind eben verschieden.

Welches sind die größten Herausforderungen im Rahmen Ihrer Arbeit?

Mehr Aufmerksamkeit auf diese aussichtsreiche Kultur zu lenken, ist in vielen Bereichen gar nicht so einfach. Ich verstehe ja, dass es ein großer Schritt ist, an einer Kultur zu forschen, die erst über mehrere Jahrzehnte hinweg ernsthafte Ergebnisse zulässt. Auf der anderen Seite sind offizielle Tests zur Sortentauglichkeit, zu Düngeverfahren, Schädlingsbekämpfung und so weiter und auch zu den Nachernteverfahren und zur Verarbeitung unerlässlich, um interessierten Landwirten das Potential glaubhaft machen zu können. Die Entscheidung, auf eine derart spezielle Nischenkultur zu setzen, die dann nicht ohne weiteres revidiert werden kann, will verständlicherweise gut begründet sein

Sind weitere Projekte geplant?

Ich möchte erreichen, dass die bestehenden, alten Walnussbäume in Brandenburg mehr Wertschätzung und Pflege erfahren. Deshalb sind wir am Aufbau einer Regionalinitiative interessiert, die Schnittmaßnahmen gegen einen Teil der Ernte „tauscht“. Wie genau das funktionieren wird ist noch nicht raus, aber so könnte man leckeres Walnussöl oder andere tolle Produkte lokal vermarkten und damit 100 Prozent regionale Wertschöpfung betreiben.