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Interview: „Extremwetterlagen sind keine Seltenheit mehr“

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Wetterextreme haben zugenommen, Gartenbau-Betriebe und Unternehmen müssen mit den Folgen der Unwetter kämpfen. Ist eine Mehrgefahrenversicherung die Lösung? Welche Möglichkeiten gibt es noch? Die TASPO sprach mit Michael Lösche, Generalbevollmächtigter der Vereinigten Hagelversicherung VVaG.

Subjektiv entsteht der Eindruck, dass die Wetterextreme in den vergangenen Jahren zugenommen haben – können Sie das aus Sicht eines Ernteversicherers bestätigen?

Wir als Ernteversicherer können anhand unserer Schadendaten feststellen, dass sich in den vergangenen zwanzig Jahren wetterbedingte Schäden enormen Ausmaßes in der Landwirtschaft und den Sonderkulturen ereignet haben und dass es zu erwarten ist, dass sich dieser Trend auch künftig in verstärktem Maße weiter fortsetzt.

Doch nicht nur bezüglich des Umfangs und der Intensität der Schäden ist eine Veränderung zu beobachten, auch in die Art des Risikos hat sich in den letzten Jahrzehnten ein Wandel vollzogen. Traten früher insbesondere „klassische“ Hagelschäden auf, so setzen heutzutage auch vermehrt großflächige Sturm-, Starkregen- und Frostereignisse den landwirtschaftlichen und Sonderkulturbetrieben zu. Im Jahr 2016 zum Beispiel fielen in einigen Regionen Deutschlands Starkniederschläge von bis zu 130 Litern je Quadratmeter innerhalb eines Tages.

Extremwetterlagen dieser Art sind längst keine Seltenheit mehr und beschränken sich nicht auf einzelne wenige „dafür prädestinierte“ Regionen; deutschlandweit war in den vergangenen Jahren ein Großteil der klassischen landwirtschaftlichen und Sonderkulturbetriebe ein- oder mehrmals von extremen Witterungsereignissen betroffen.

Ereignen sich mehr Schäden durch Starkregen als durch Hagel?

Nein, dies lässt sich anhand unserer Daten nicht bestätigen. Es kommt auch im Bereich der Hagelschäden immer wieder zu extremen Situationen, die zu besonders hohen Produktionsausfällen für die Gemüse- und Obstbau-Betriebe führen.

Die bei uns gemeldeten Hagelschäden sind vielfältiger Natur: Sie können zum Teil sehr begrenzt sein, das heißt, sie treten mitunter nur in einzelnen Landkreisen in starker Abgrenzung zur Nachbarregion auf, oder aber sie erstrecken sich über mehrere Bundesländer, wie zum Beispiel der „Hagelstrich“ aus dem Jahre 2016, der von Baden-Württemberg über Bayern bis nach Tschechien reichte und in diesen Regionen Schäden in Millionenhöhe hinterließ.

In Baden-Württemberg wurden Ad-hoc-Hilfen in Höhe von bis zu 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt, um die Frostschäden aus dem April 2017 zu kompensieren. Warum sollten sie trotzdem versichern?

Die Ad-hoc-Hilfen, die von der Landesregierung in Baden-Württemberg für die geschädigten Obstbau-Betriebe und Winzer zur Verfügung gestellt wurden, sind ein wichtiger Beitrag zur Sicherung der Liquidität der Betriebe.

Wir haben allerdings in der Vergangenheit immer wieder im Bereich der Ad-hoc-Hilfen feststellen müssen, dass insbesondere die Administration, das heißt, von der Antragstellung durch die geschädigten Betriebe bis hin zur Auszahlung seitens der in den einzelnen Bundesländern zuständigen Behörden, einen hohen bürokratischen Aufwand erfordert.

Ferner stehen häufig die notwendigen Haushaltsmittel nicht zur Verfügung, um den Betrieben eine kurzfristige Ad-hoc-Hilfe zu gewähren. In der Regel sind diese Ad-hoc-Hilfen auch in ihrer Auszahlung limitiert oder an bestimmte Bedingungen gebunden. Ergänzend hierzu besteht für die Landesregierung die Möglichkeit, den Betrieben zinsvergünstigte Darlehen zu gewähren.

Also besser versichern?

In Zusammenarbeit mit den zuständigen Vertretern der Fachgruppen des Obst- und Gemüsebaus in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren intensiv darüber diskutiert, neben dem Hagelrisiko auch weitere Wetterrisiken in den Deckungsschutz aufzunehmen.

Bei einem Blick über die Grenzen zu unseren europäischen Nachbarn ist festzustellen, dass für die Betriebe in nahezu allen diesen Ländern die Möglichkeit besteht, ihre Produktion mit einer umfassenden Mehrgefahrenversicherung, das heißt, der Versicherung der landwirtschaftlichen Erträge gegen mehrere Wetterrisiken, abzusichern.

Warum gibt es eine solche umfassende Mehrgefahrenversicherung nicht auch in Deutschland?

Wir haben in den vergangenen Jahren unter dem Gesichtspunkt des Versicherungsbedarfs unserer Mitglieder entsprechende neue Deckungskonzepte entwickelt. Es ist jedoch weiterhin ein deutlicher Nachteil für die deutschen Betriebe, dass sie – im Unterschied zu ihren europäischen Nachbarn – keinen Zuschuss zu ihrer Versicherungsprämie erhalten.

Nehmen wir als Beispiel einen Obstproduzenten aus der Steiermark und einen aus der Bodenseeregion, deren Bruttoprämien für die Hagel- und Frostversicherung gleich hoch sind. Der Unterschied zwischen dem österreichischen und dem deutschen Produzenten ist nun, dass der erstere aufgrund des österreichischen Fördersystems aus nationalen Mitteln von einer Bezuschussung seiner Versicherungsprämie in Höhe von 50 Prozent profitieren kann, während der Obstbaubetrieb aus Deutschland die Versicherungsprämie vollständig selbst tragen muss.

Dieses System ermöglicht es dem Obstbau-Betrieb aus der Steiermark, bei einer vergleichbaren Bruttoprämie, sein Risiko zum „halben Preis“ zu versichern.

Warum greifen Länder auf das Instrument der Förderung von Versicherungsprämien zurück?

Die Fördersysteme bieten für die einzelnen Betriebe ein wesentliches Plus an Verlässlichkeit und Sicherheit. Zudem sind die staatlichen beziehungsweise europäischen Fördermechanismen im Ganzen betrachtet über die Jahre deutlich nachhaltiger und insbesondere für die politischen Verantwortlichen auch besser kalkulierbar.

Glauben Sie, dass die Entwicklung eines Systems zur Förderung der Versicherungsprämien für die deutschen Betriebe in absehbarer Zeit zu erwarten ist?

Dies ist eine schwierige Frage. Schon seit vielen Jahren gibt es eine aktive Diskussion zwischen dem Berufsstand und den politisch Verantwortlichen, allerdings hemmt uns so manches Mal unser föderalistisches System daran, eine einheitliche Lösung in diesem Bereich zu finden.

Es bleibt zu hoffen, dass es uns vor dem Hintergrund der Frostschäden aus dem vergangenen Jahr gelingen wird, in naher Zukunft ein System zu entwickeln, das allen Betrieben – nicht nur in Baden-Württemberg, sondern auch in den anderen Bundesländern – ein finanzierbares und nachhaltiges Konzept zur Risikovorsorge bietet.

Mehr zum Thema Wetterextreme lesen Sie im TASPO dossier I/18 „Lässt uns der Klimawandel eine Chance? Neue Herausforderungen für die Grüne Branche“.