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Interview: Flüchtlingen im Gartenbau eine Perspektive bieten

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Junge Flüchtlinge auf den Gartenbau aufmerksam machen – das ist der Auftrag von Mathilde Bätz. Seit Oktober 2018 ist sie als integrative Bildungsberaterin für den Gartenbau am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) in Kitzingen tätig. Hier unterstützt sie junge Flüchtlinge dabei, sich im Gartenbau beruflich zu verwirklichen.

Mathilde Bätz unterstützt junge Flüchtlinge dabei, sich im Gartenbau eine berufliche Zukunft aufzubauen. Foto: privat

Frau Bätz, was ist Ihre Aufgabe beim AELF?

Ich kümmere mich um alle Belange rund um die Ausbildung junger Flüchtlinge im Gartenbau. Das beinhaltet die Beratung von Betrieben, die junge Flüchtlinge ausbilden, oder das Aufzeigen von Unterstützungsangeboten, um diesen Azubis unter die Arme zu greifen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Vorstellung der gärtnerischen Berufe in den Berufsintegrationsklassen an den Berufsschulen. Integrative Bildungsberater gibt es seit letztem Jahr an jedem der vier AELF mit Abteilung Gartenbau in Bayern.

Sie haben in vielen unterschiedlichen Ländern gelebt und dort berufliche Erfahrungen gesammelt. Wie kam es dazu?

Geboren wurde ich 1960 in Unterfranken und habe 1986 mein Studium der Landespflege an der FH Weihenstephan abgeschlossen. Danach folgten verschiedene Tätigkeiten in Planungsbüros, am Gartenamt Würzburg und schließlich als Sachbearbeiterin für ländliche Grünordnung in der Gartenbauverwaltung an der Regierung von Unterfranken. Eine echte Erfolgsgeschichte war 1998 der erste „Tag der offenen Gartentür“ – zunächst nur in Franken – den ich gemeinsam mit zwei Grünordner-Kollegen initiiert habe. Der „Tag der offenen Gartentür“ findet seitdem jedes Jahr in ganz Bayern statt.

Nach der Geburt des ersten Sohnes und anschließender Elternzeit begann ich im selben Jahr, bedingt durch die berufliche Tätigkeit meines Mannes, eine gemeinsame Odyssee um die Welt: Zunächst waren wir für drei Jahre in New York, wo mein Mann für die UN arbeitete. Im Anschluss daran brachten uns seine Tätigkeiten für die EU für jeweils vier Jahre zuerst nach Bangladesch, dann nach Laos und zuletzt nach Uganda. In jedem Land habe ich mir jedes Mal aufs Neue eine Beschäftigung gesucht. Während ich in Bangladesch noch Deutsch-Unterricht am dortigen Goethe-Institut gegeben habe, war ich in Laos dann unter anderem als persönliche Assistentin des deutschen Botschafters tätig, nur um in Uganda wieder im Gartenbau anzukommen. Dort habe ich zuerst an einer Gartenbauschule unterrichtet und später dann als Selbstständige gartenbauliche Projekte geplant und umgesetzt.

Nach einem kurzen Anschlussaufenthalt in Brüssel kam ich im Herbst 2017 nach Deutschland zurück, um meine Tätigkeit in der bayerischen Gartenbauverwaltung wieder aufzunehmen, zunächst am AELF in Fürth und schließlich in meiner derzeitigen Position zurück in Unterfranken. Das Leben im Ausland und in verschiedenen Kulturkreisen hat mich geprägt. Die Fähigkeit, mich immer wieder auf neue Situationen und Anforderungen einzustellen und stets dazuzulernen, hilft mir jetzt bei meiner Arbeit.

Wie motivieren Sie junge Geflüchtete, in den Gärtnerberuf hereinzuschauen?

Eine gute Möglichkeit der Berufswerbung sind Besuche der Berufsintegrationsklassen, die an vielen Berufsschulen eingerichtet sind. Dort mache ich auf die Chancen und Möglichkeiten durch eine Ausbildung im Gartenbau aufmerksam und stelle die verschiedenen Fachsparten und die Einzelheiten der Gärtnerausbildung vor. In vielen Herkunftsländern ist Gärtner ja ein nur gering angesehener Beruf und steht unter den Geflüchteten sicher nicht oben auf der Hitliste der Berufe.

Um junge Flüchtlinge trotzdem zu motivieren, vielleicht ein Praktikum in unserer Branche auszuprobieren, organisiere ich Betriebsbesichtigungen für die Schüler der Berufsintegrationsklassen. Diese Fahrten sind eine gute Möglichkeit, die gärtnerischen Berufe vorzustellen. Man sieht und erlebt, wie es so zugeht in einem Gartenbau-Betrieb. Großen Eindruck macht es, wenn der Ausbildungsmeister oder Betriebsleiter mit den jungen Leuten spricht und sie dadurch erleben, dass Gärtner ihren Beruf lieben und respektable Persönlichkeiten sind.

Wie stehen Sie Betrieben zur Seite, die Flüchtlinge ausbilden?

Hier fungiere ich vor allem als Ansprechpartner. Ich weise die Betriebe darauf hin, welche Besonderheiten die Ausbildung eines Flüchtlings mit sich bringt, was man hier beachten muss oder wie die Ausbildung finanziell gefördert werden kann. Besonders wichtig ist erst einmal der Status des potentiellen Azubis: Darf er schon in Deutschland arbeiten? Oder braucht er die Genehmigung der Ausländerbehörde? Auch bei den Fördermöglichkeiten gibt es einiges zu beraten. Viele Betriebe wissen zum Beispiel gar nicht, dass die Einstiegsqualifizierung bei noch nicht vorhandener Ausbildungsreife auch für Flüchtlinge in Anspruch genommen werden kann.

Hier unterstützt die Agentur für Arbeit die Betriebe finanziell, die junge Menschen in der Zeit vor der Ausbildung beschäftigen, um sie auf die Ausbildung vorzubereiten. Während der Einstiegsqualifizierung kann auch schon die Berufsschule besucht und ein Teil dieser Zeit kann später unter bestimmten Voraussetzungen auf die Ausbildungsdauer angerechnet werden. Eine weitere Fördermöglichkeit für Betriebe, die einen Geflüchteten ausbilden, ist das Programm „Fit for Work“ für anerkannte Flüchtlinge, das aus EU-Mitteln finanziert wird.

Wie viele Flüchtlinge sind derzeit in einer gartenbaulichen Ausbildung?

Hier habe ich natürlich nur die Zahlen für Bayern. Zurzeit machen über 100 Flüchtlinge eine gartenbauliche Ausbildung – und das über alle Sparten hinweg. Besonders viele von ihnen haben sich für den Garten- und Landschaftsbau entschieden. Hier steigen die Ausbildungszahlen in den letzten Jahren kontinuierlich an. Zu den Ausbildungsabbrüchen habe ich keine genauen Daten, es gibt allerdings schon einige, die das nicht durchziehen.

Man kann sagen: Geflüchtete, die ihre Ausbildung am Ende erfolgreich abschließen, hatten meistens noch zusätzliche Unterstützung durch den Betrieb, durch die Berufsschulen, durch die von der Arbeitsagentur geförderte Nachhilfe und nicht zuletzt durch viele ehrenamtliche Helfer. Abschiebungen von Azubis habe ich persönlich noch keine erlebt.

Was motiviert Sie persönlich zu Ihrer Arbeit?

Mein Motto lautet: Jeder Mensch verdient eine Chance. Ich finde es wichtig, jungen Flüchtlingen eine Perspektive zu geben, auch wenn nicht alle für immer in Deutschland bleiben können. Es ist doch besser, in die Integration von Geflüchteten durch Ausbildung oder Arbeit zu investieren, als am Ende junge Menschen ohne Existenzgrundlage hier zu haben, die ihr Potenzial nicht nutzen können.

In den vielen Jahren, in denen ich mit meiner Familie in fremden Ländern gelebt habe, habe ich immer wieder erlebt, wie wichtig es ist, sich willkommen zu fühlen und seinen Platz zu finden – und sei es auch nur auf Zeit.