Interview: „Für mich gibt es keine Unkräuter“

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Die Diplom-Gartenbauingenieurin Kristin Brandt widmet sich in ihrem Garten auf dem Gelände eines alten Pfarrhofs ganz bewusst dem Anbau von Unkräutern. Foto: Kristin Brandt

Für die einen sind sie ein Graus, für die anderen bieten sie dagegen einen Mehrwert im eigenen Garten: Unkräuter. In Börzow, bei Grevesmühlen, hat sich die studierte Gartenbauingenieurin Kristin Brandt auf das ungewöhnliche Grün mit ihrer Bio-Kräuter- und Blütengärtnerei „brandtgrün“ spezialisiert. 

Auf rund 2.5 Hektar baut Brandt, die sonst für Ihre Kunden Kulturlandschaften, essbare Gärten, Parks und öffentliche Anlagen gestaltet, seit 1996 auf dem Gelände eines ehemaligen Pfarrhofs zahlreiche Unkräuter, Gräser und Blumen an. Diese bietet sie nicht nur im hofeigenen Café vor Ort sondern auch in ihrem eigenen Kräuter-Versand an. TASPO Online sprach mit ihr über das bundesweit einzigartige Konzept und wie sich auch hinter vermeintlichem Chaos mehr als eine Struktur verbirgt.

Frau Brandt, ein Bio-Kräutergarten aus Unkräutern: Welche Idee steckt dahinter?

Für mich gibt es an sich keine Unkräuter. Schon von Kindesbeinen an habe ich mich für Wildpflanzen interessiert und sie im Alltag kennenlernen dürfen. Ausschlaggebend war mein naturverbundener Vater, der durch sein Studium für die Natur offen war und mich früh für dieses Thema sensibilisiert hat.

Schon als junger Mensch war ich grün aktiv und mit dem Studium zur Diplom-Gartenbauingenieurin konnte ich mein bisheriges Wissen vertiefen. In Botanik war ich in der Artenkenntnis super, in der Theorie durfte ich an der Uni noch einiges dazulernen, dabei blieb mein Interesse ungebrochen. Meine universitäre Forschungsarbeit konzentrierte sich letztendlich auf die Hochmoore in Mecklenburg-Vorpommern. Durch die Moorforschung hatte ich einen echten Bezug zur wilden Natur, nicht ganz ungefährlich aber atemberaubend. Außerdem konnte und musste ich mich noch tiefer in die Botanik einarbeiten, da zu den gewöhnlichen Samenpflanzen nun auch noch Pilze, Moose und Flechten hinzukamen. Das bedeutet Fein- und viel Fleißarbeit, denn in diesem Fachbereich kann man zum Teil nur mit dem Mikroskop arbeiten. In dieser Zeit eignete ich mir ein sehr breites botanisches Fachwissen an, was ich tagtäglich nutze und vertiefe.

Nach dem Studium arbeitete ich noch ein ganzes Jahr in der Moorforschung an der Universität Greifswald. Anschließend verbrachte ich ein halbes Jahr in Irland auf biologischen Höfen, um mich mit dem ökologischen Anbau der Neuzeit vertraut zu machen. Anschließend suchte ich mir ganz bewusst in meiner Heimat in Mecklenburg ein zu mir passendes Grundstück. Meine Vision war und ist, ein selbstbestimmtes und autarkes Leben führen zu können. 

Ich habe mir in den letzten 22 Jahren eine eigenständige Tätigkeit aufgebaut, die auf meinem Wissen beruht, die mich und meine Familie nährt und versorgt und ich sogar visionär weiter an den kommenden Zielen arbeiten kann. 

Heute bin ich glücklich darüber, nicht im konventionellen Gartenbau zu Hause zu sein. Über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln habe ich noch nie nachgedacht. Ich habe stets versucht, ein ökologisches Gleichgewicht aufzubauen. Wichtig ist eine große Breite an Arten zu fördern und zuzulassen, die wiederum eine Fülle von Vögeln und Insekten mit sich bringt. Nicht zu vergessen die vielen unsichtbaren Helfer wie Spinnen, Schlangen und Kröten oder auch die große Anzahl von Fledermäusen, die sich entgegen dem Trend auffallend vermehren. Ich beobachte ziemlich genau, was um mich herum passiert und bin begeistert, in welcher Vielfalt sich in nur 20 Jahren aus einer recht ausgeräumten Landschaft ein Naturraum entwickeln konnte, der mit einem großen Reichtum zu jeder Jahreszeit aufwartet. 

Welche Pflanzen werden angebaut und wie ist der Garten aufgebaut? 

Ich arbeite auf einer landwirtschaftlichen Fläche von knapp 2,5 Hektar. Vor 12 Jahren habe ich über 100 Obstbäume gepflanzt – bewusst alte Obstsorten. Als Hecke habe ich anschließend Wildobst auf 500 Meter Länge gesetzt. Darin enthalten sind beispielsweise Kornellkirsche, Ebereschen, Berberitzen kombiniert mit Quitten, Hasel, Zwetschgen. Auf diesen Flächen sind die verschiedensten Wildpflanzen zu finden. Ganz bewusst lasse ich eine gewisse Sukzession zu, sodass sich standortstypische Pflanzen entwickeln können. Diese werden beabsichtigt durch die Art der Bewirtschaftung gefördert. Was sich zu stark ausbreitet, wird zurückgedrängt oder durch gleichstarke Konkurrenten im Zaum gehalten. Hier ernte ich fast ganzjährig Kräuter wie Giersch, Brennnesseln, Löwenzahn, Spitzwegerich, Schafgarbe, Sauerampfer, Disteln, Ackerminze, Bärenklau, Gräser und weitere Vertreter aus der liberalen Szene. Das ist eine ungewohnte Auswahl an Pflanzen, essen wir doch allgegenwärtig kultiviertes Gemüse anstelle dieser als Unkraut bekannten Pflanzen. Zum Versand kommen nur junge und zarte Kräuter, deshalb ist eine gestaffelte Mahd der Flächen unumgänglich.

Neben diesen ganz trivialen Unkräutern, die aber zu den interessantesten Pflanzen gehören, verschicke ich auch Blätter von Brombeere, Himbeere, Birke, kultivierte Kräuter und Blüten. Dazu baue ich auf einer Fläche von etwa 1.000 Quadratmetern Kresse, Senf, Lauch und Melde in verschiedenen Arten und Sorten, Borretsch, Ringelblume, Speisechrysantheme, Minzen, Melisse, Erbsen, Vogelmiere, Ehrenpreis und vieles anderes mehr. Einerseits kommen diese Pflanzen in der feinen Kräuter- und Gourmetküche zum Einsatz, anderseits sind sie aufgrund ihrer geschmacklichen Vielfalt und ihrer Farben von Interesse. 

Last but not least biete ich als Kräutergärtnerei Kräuter und essbare Stauden in Töpfen an. Das Sortiment entspricht dem, was in unserem Schaugarten zu finden ist. Hinzu kommen einjährige Pflanzen und ausgewählte, essbare Zimmerpflanzen wie Pelargonien, empfindliche Salbeiarten oder einige mediterrane Kräuter, die bei uns nicht winterhart sind. Momentan fehlt mir noch ein Gewächshaus, um auch diesen Teil auszubauen. 

Für viele Gärtner erscheint der Gedanke, Unkräuter bewusst zu pflegen oder anzubauen eher ungewöhnlich. Was ist das Besondere an den wilden Pflanzen und Kräutern und warum ist der Garten so effektiv? 

Die wilden Pflanzen sind in ihrem Nährstoffgehalt den Kulturpflanzen um ein Vielfaches überlegen. Sie sind zum Teil mehrjährig, tief wurzelnd oder an bestimmte Extreme angepasst. Unsere Kulturpflanzen hingegen benötigen viel Pflege, um groß und marktfähig zu werden. Das geht meines Erachtens kaum noch ohne Chemie. Oder besser gesagt: unsere heutigen Sorten sind labil, sie sind überzüchtet, auf Monokultur und dauerhafte Unterstützung (chemisch oder auch biologisch) ausgerichtet. Dadurch gibt es nicht den Anspruch, hochwertiges Obst oder Gemüse zu erzeugen, sondern dem Markt entsprechende Produkte zu kreieren. Mit hochwertig meine ich ausdrücklich einen hohen Nährstoffgehalt beinhaltend. Ich nenne nur ein ganz profanes Beispiel: den Chicorée. Noch bis vor wenigen Jahren ein bitterleichtes Aroma, doch heute fehlen dem Spross Bitterstoffe fast gänzlich. Der Grund ist schlicht und ergreifend der versüßte Anspruch unserer Zeit. Bitterstoffe, die in unseren wilden Pflanzen ausreichend vorhanden sind, sind ein Katalysator für die Verdauung und eines der wichtigsten Pflanzeninhaltsstoffe für eine ausgewogene Ernährung.

Die Effektivität des Anbaus in meinem Garten liegt in der sogenannten Polykultur – ein Begriff den es im Gartenbau so gar nicht gibt. Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Gartenbau sind in der heutigen Zeit durch Monokulturen geprägt. Polykultur ist also eine Mischkultur im weitesten Sinne. Ich baue auf meinen kultivierten Flächen weder in Monokultur noch in Reihensaat an.

Vor 22 Jahren übernahm ich einen verlassenen, über Jahre nicht bewirtschafteten Pfarrhof. Hier gab es auf den ersten Blick nur Brennnesseln, Disteln und Brombeeren und zwei kaputte Häuser. Auf den zweiten Blick: eine Vielfalt an Struktur, alte Bäume, eine echte Laube, geschmackvolle Obstsorten; viel Wasser, Überschwemmung, feuchte neben trockenen und sandigen Bereichen. Der Boden ist durch den hohen Sandanteil leicht zu bearbeiten. Und so habe ich step by step alles urbar gemacht – bewusst ohne Technik. Ich kenne hier jeden Stein und jede Pflanze.

In den ersten Jahren habe ich mit viel Ausdauer Gemüse angebaut. Das Unkraut aus dem Garten verbannt. Durfte aber immer wieder feststellen, dass ich mich mehr mit Schädlingen rumplagen musste, Katzen, die meine Saaten stets durchwühlten, Vögel, die sich allzu gern an meiner Aussaat und dem jungen Grün labten; Schmetterlinge, die ihren Nachwuchs großzügig verteilten und die Ernte oftmals nicht meinen Erwartungen entsprach. Also habe ich mir Gedanken gemacht, was ich verändern könnte, um effektiv und zeitlos zu sein. Ich habe wirklich jedes Jahr dazugelernt, habe immer noch größten Spaß am Gärtnern und bringe die gemachten Erfahrungen in die effektive Anbauweise mit ein. Ich habe noch allerhand Ideen, um das Ganze auf die nächsthöhere Ebene im ökonomischen Bereich zu stellen.

Laut Ihrer Website formiert sich das Team jedes Jahr neu. Was kann man darunter verstehen? 

Ich bin seit vielen Jahren selbstständig und auf vielen Märkten oder auch Messen gewesen. Ich habe Kontakte zu jungen Menschen aufgebaut und zu Menschen, die sich mit einer bewussten Ernährung auseinandersetzen. Gleichzeitig gibt es viele Menschen, die ein großes Interesse an effektiver und naturnaher Selbstversorgung haben. Über die Jahre ist das Interesse an meiner Arbeit immer mehr gewachsen und die Nachfrage nach Praktika kam auf mich zu.

Inzwischen habe ich seit zwei Jahren durchgehend Menschen aus der ganzen Welt bei mir. Für diese ist es etwas ganz Besonderes und für mich nicht weniger. Ich vermittle mein Wissen und lerne einen Teil der Welt durch ihr Hiersein und unseren Umgang miteinander kennen. Einige Pflanzen kenne ich inzwischen in verschiedensten Sprachen, auch wenn ich die Sprachen nicht spreche. Das amüsiert mich selbst.

In diesem Jahr hatte ich zusätzlich und für einige Monate eine Praktikantin, die sich durch die Mitarbeit im Gartenbau bewusst auf ihr Studium vorbereitete.

Von der Planung des Projektes über die Umsetzung und Eröffnung des Gartens bis heute: Welche Bilanz ziehen Sie für sich? 

Benennen wir mal einen Teil meiner Arbeit: den Versand von Wildkräutern als Projekt. Die Idee wurde geboren bei einer der regelmäßig stattfindenden Kräuterwanderungen. Ich hatte eine Gruppe hochmotivierter Frauen an meiner Seite, die unbedingt die Kräuter, die wir sammelten, auch zugesandt haben wollten. Heute versende ich deutschlandweit und fast ganzjährig. Das ist wohl recht einmalig, da ich auch im Winterhalbjahr meine Kunden bedienen kann. Der Versand geht an Feinschmecker in München und im Ruhrgebiet, an Restaurants in Berlin und viele private Kunden in ganz Deutschland.

Den Garten wiederum öffne ich schon seit vielen Jahren. Einerseits bietet er eine unglaublich schöne Kulisse für jede Art von Kunst, anderseits ist er für mich ein Ort der Begegnung und des Miteinanders. Das, was in meinem Garten angebaut wird, ist dem normalen Besucher oftmals gar nicht ersichtlich. Viele Menschen haben das Gefühl, sie betreten einen wildromantischen Garten, dabei steckt hier wirklich professionelles Wirken und effektivste Arbeitsweise dahinter.

Was mir persönlich so gut gefällt an meinem essbaren Garten ist, dass ich all das, was ich selbst bin, hier wiederfinde und anbieten kann. Ich kann heute naschend durch meinen Garten wandeln, ihn bewerben, ihn vielfältig nutzen, von ihm leben und auch noch andere Menschen und das Café mit wertvollen Lebensmitteln versorgen. 

Was passiert in der Zeit von November bis März, wenn das Hofcafé und der Garten geschlossen sind?  

Das ist eine gute Frage: ich habe in der Saison einen Fulltimejob – sieben Tage die Woche. In der Woche bin ich für Kunden unterwegs und gestalte Kulturlandschaften, essbare Gärten, Parkanlagen oder auch öffentliche Anlagen. Das Interesse an gestalteter Landschaft bzw. lebendigen Gärten wird immer mehr zum Thema. Auch hier lege ich großen Wert auf nachhaltige Gestaltung und zukunftsweisende Ausführung. Für mich ist es wichtig, von Beginn einer Baustelle an mit am Tisch der Entscheidungen zu sitzen, um beispielsweise den Boden schon im Vorfeld zu schonen.

Die Pflege und auch die Bewirtschaftung meines biozertifizierten Unternehmens funktioniert nur ganzjährig – also 365 Tage im Jahr. Fast ganzjährig werden auch die Kräuter gesammelt und versandt. Der Garten wird von Februar bis Dezember bewirtschaftet. Neben einem reduzierten Obstbaumschnitt wird im Winter Holz gemacht. Ansonsten habe ich viel zu tun, um all die Werbung, Termine, Vorträge an Hochschulen und Anfragen abzustimmen, neue Produkte für den Hofladen zu kreieren, Design zu entwickeln, Messen zu besuchen und Produkte vorzustellen. Es gibt das ganze Jahr erheblich mehr zu tun, als ich schaffen kann.

Stichwort Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit: Warum sollte die Grüne Branche mehr auf wilde Kräuter und Pflanzen sowie auf derartige alternative Konzepte zurückgreifen? 

Aus meiner Sicht muss das Buch der Ernährung neu geschrieben werden. So, wie wir in der heutigen Zeit leben und uns ernähren, ist wohl ein Ende unseres Wohlergehens vorprogrammiert. Grüne Pflanzen haben einen enorm hohen Nährwert, sind einfach anzubauen, benötigen keine Pflanzenschutzmittel, bringen die Vielfalt zurück in die entartete, von Raubbau geprägte Landwirtschaft und lassen die heutigen Kampfmaschinen, die man auch Traktoren nennt, außer Acht.

Wir besitzen drei Grundbausteine für unser Dasein: das Wasser, die Luft und unseren Boden. Ganz ehrlich, wie steht es durch die heutige Art der Kultivierung um diese Schätze oder Grundwerte? Liegt die Problematik nicht begründet in einer nicht mehr aufzuhaltenden monetären Misswirtschaft, die mit einer nachhaltigen Landbewirtschaftung nur noch wenig zu tun hat? Die Landwirtschaft gehört inzwischen zu einer Agrarindustrie. Nachhaltig zu wirtschaften, halte ich in einem imperialen System fast für ausgeschlossen.

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