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Interview: „Optik ist unser Schwerpunkt“

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Ob ein historischer Garten neben einer Villa, ein steiniges Flussufer für eine Getränkewerbung oder spontane Frühblüher im Januar in Athen – Barbara Jäger ist Kostüm- und Grafikdesignerin und sorgt für mehr „Grün“ in Film- und Fernsehkulissen. Wir haben mit ihr über ihre Projekte und besondere, außerplanmäßige Umstände gesprochen.

Frau Jäger, Sie gestalten Kulissen für Film, TV und Werbung.  Wie sieht Ihre Arbeit aus? Was ist der erste Schritt, wenn Sie einen Auftrag annehmen?

Für mein Unternehmen der „jäger olshausen GmbH“ gestalte ich grüne Filmkulissen. In England, dem Land der Gärten und Parks, gehört die „Greenery“, also der GaLaBau, seit Jahrzehnten fest in die Filmbranche. Seit 1989 bin ich in dieser tätig und es war gängig, dass englische Firmen eingeflogen wurden, um Sets gärtnerisch zu gestalten. So kam der Gedanke, dass wir diesen Service seit 2012 auch hier in Berlin und inzwischen europaweit anbieten wollten. Neben dem klassischen GaLaBau, gehören zu unserem Team Bildhauer, Schlosser und Theatermaler.

Mit unserer Arbeit gestalten wir in Zusammenarbeit mit dem Szenenbild Kulissen, Räume und Sets. Vor Drehbeginn gibt es eine Motivbegehung mit Regie, Kamera und Production Design: zum Beispiel wird eine Jahrhundertwende-Villa für einen historischen Film als Motiv gemietet, der Garten entspricht allerdings dem Geschmack der heutigen Zeit. Das fängt bei der Pflanzenauswahl an, der Pflasterung, den Rasenflächen, der Einzäunung, dem Anlegen von Beeten und Flächen etc.

Unsere Aufgabe ist es, nach Filmaspekten, den Garten so umzugestalten, dass man von dieser Moderne nichts mehr erahnen kann. Dabei ist die besondere Herausforderung, dass wir das Motiv nicht beschädigen dürfen, das heißt, nicht Graben oder Einpflanzen. Wir lassen auch völlig außer Acht, ob eine Pflanze an einem bestimmten Standort wirklich wachsen würde. Die Optik ist unser Schwerpunkt und hierfür braucht man neben der Kenntnis von Flora auch ein geschultes filmische Auge und Know-how.

Wie bereiten Sie sich auf einen Einsatz vor?

So unterschiedlich wie die Filme sind, so unterschiedlich ist die Herangehensweise. Ausschlaggebend ist immer das Motiv an dem gedreht wird und die Logistik, sprich wie komme ich an das Motiv, mit welchen Fahrzeugen, was kann ich einsetzen.Für eine Bierwerbung haben wir in einem wassergeschützten Fluss gedreht, der genau an der Stelle, an dem der Lichteinfall für die Kamera perfekt war, etwa zwei Meter tief war. Unsere „Biertrinker“ sollten aber vom Ufer in das Wasser gehen können, um sich dort, gemütlich auf Steinen niederlassend, ihr kühles Bier zu gönnen. Das Ganze sollte von frischem Grün umrahmt sein. Vorgefunden habe ich felsige, steile Wände ohne Steine auf denen man sitzen kann und zu tiefes Wasser.

Was tun? 36 Kubikmeter original Fluss-Substrat wurden an einer anderen Stelle des Flusses aufgenommen, an unser Motiv gebracht, um dort, mit umweltverträglich betriebenem Radlader und Bagger, eingebracht zu werden. Die Felswände haben wir mit einer Art Netz überzogen, an denen wir die Böschungsbegrünung befestigen konnten und die von uns hergestellten Steine wurden mit Verankerungen im Flussbett aufgebaut, damit sie durch den Wasserauftrieb nicht wegschwammen.

Stichwort Pflanzenkenntnisse: wie essentiell sind diese bei der Gestaltung von Kulissen im Rahmen Ihrer Arbeit?

Unverzichtbar bleibt, dass man sich informiert, schult, nachfragt und kontinuierlich den Horizont erweitert. Pflanzenkenntnis ist fundamental, als auch die technische Seite des GaLaBaus. Und ohne Fairness und ein gutes Netzwerk geht gar nichts.

Welches sind die größten Herausforderungen im Rahmen Ihrer Arbeit? Auf was müssen Sie besonders achten?

Für eine Werbung sollten wir in Athen, da dort das Wetter im Januar wärmer ist als bei uns, 4 große Dachterrassen gestalten. Die Werbung war für den Sommer in Deutschland ausgelegt. Das heißt, dass alle Frühjahrsblüher, wie Tulpen, Narzissen etc., die man konventionell im Großhandel und in Gärtnereien zu der Zeit erhielt, ausgeschlossen waren.

Wir mussten also mit guten künstlichen Blumen arbeiten. Ferner waren wir im Mittelmeerraum, somit war auch das Spektrum an für unsere Breitengrade typischen Pflanzen eingeschränkt. Thermotransporter, mit Pflanzen aus unserer Region, waren aus Kosten- und Zeitgründen nicht möglich. Zudem hatte das Motiv keine Aufzüge, sodass passende Hebetechnik für die schmalen Athener Gassen gefunden werden musste, was für die Produktion meist eine Straßensperrung bedeutet, die genehmigungspflichtig ist. Dies alles konnte geleistet werden – also theoretisch.

Denn: genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir eintrafen, wurde ein landesweiter Generalstreik aller agrar- und landwirtschaftlichen Betriebe ausgerufen, somit auch aller Gärtnereien, Großhandel, Rasenschulen. Hinbekommen haben wir es, es wurden jedoch sehr lange Stunden, da wir im Deckmantel der Nacht zu Betrieben fuhren, die uns dennoch die Türen geöffnet haben, wir aus privaten Gärten von Mitarbeitern Pflanzen holen durften und alles sah zum Schluss und pünktlich wie selbstverständlich aus. Um dies zu erreichen, bedarf es einer guten und zugleich flexiblen Planung und, ganz wichtig - diese Arbeiten gehen nur im Team und Schulterschluss.

Wie kamen Sie dazu, Filmkulissen gärtnerisch zu gestalten? Was ist Ihre Motivation hinter dem Beruf?

Etwas ungewöhnlich ist mein Weg. Als Tochter einer Botanikerin und Apothekerin, konnte ich schon an der Hand meiner Mutter nicht über eine Wiese gehen, ohne dass sie mich auf die Einzigartigkeit der Natur aufmerksam gemacht hat. Sie hat meinen Blick geschult. Den brauchte ich auch, denn für mich war sehr früh klar, dass ich in der Filmbranche tätig sein wollte. Visuell Geschichten zu erzählen, hat mich schon immer fasziniert und so ging es seit 1989 vom Kostüm, zur Ausstattung und schließlich zur Greenery.

Meine Motivation ist einfach der Spaß an der Arbeit, das Team, dass kein Projekt dem anderen gleicht und das ich jedes Mal vor neuen Herausforderungen stehe darf, mit Menschen und Umständen in Berührung komme, die ich so oft nicht erwartet hätte und die immer eine Bereicherung sind. Außerdem, dass ich gestalten darf, mich jedes Projekt etwas Neues lehrt, da oft ungewöhnliche Lösungen gefunden werden müssen und ich so keiner Routine unterliege.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die perfekte „grüne Kulisse“ aus?

Ein perfektes Set ist das, in dem ich mit Grün erzählen kann, was ein eingerichteter Raum im Film erzählt: ein Wohnzimmer ist ein Wohnzimmer, eine Polizeistation eine Polizeistation. Eine Brache erzählt etwas anderes als ein Garten – doch wie zeigt man, dass hier ein Mann, eine Familie oder vielleicht nur Kinder wohnen? So sind Gärten, Grünflächen, Gestecke, Erde, Hügel, Wege: sie erzählen Geschichten. Und klar - ein gestaltungsreicher Fantasy-Film ist immer herzlichst willkommen wie zum Beispiel Pan‘s Labyrinth II, der Herr der Ringe Teil IV  oder „Aquaman“ an Land...

Ihr letztes Projekt mit Vorbildcharakter?

Dieses Jahr durften wir Projekte wie die englische Verfilmung von „Honig im Kopf“ mit Nick Nolte begleiten, haben blumenreiche Werbungen in Barcelona ausstattet, hatten begrünte Messebauten und zum Ende des Jahres waren wir bei der Neuverfilmung von „3 Engel Für Charlie“ dabei.

Hier haben wir aber nicht „in Grün“ gemacht, sondern im Studio den Nachbau eines Tagebauwerkes eingestaubt, ein explodiertes Hotelzimmer mit Trümmern ausgestattet. Unser Aufgabengebiet ist extrem umfassend, so auch Nachkriegs- oder Bürgerkriegstrümmer, Pflasterarbeiten mit und ohne Bombenkrater – aber das ist eine andere Geschichte.