Interview: „Wenn ich draußen bin, dann erde ich mich“

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Mit ihrer Leidenschaft für den Gärtner-Beruf begeistert Christiane Hausmann die Studenten der Universität Hannover. Foto: Anna Uecker

Gärtnerin trotz Diplom: Nach zwei Semestern Kunstgeschichte und Slawistik entschied sich Christiane Hausmann für eine Ausbildung im Gartenbau und später auch für ein passendes Studium. Heute arbeitet die gelernte Gemüsegärtnerin und Diplom-Ingenieurin an der Universität Hannover, wo sie sich um den institutseigenen Lehrgarten kümmert. Im Interview mit TASPO Online spricht Christiane Hausmann darüber, wie wertvoll diese praktische Arbeit als Gärtnerin für sie ist. 

Wie begann ihre berufliche Laufbahn im Gartenbau?

Nach zwei Semestern Studium der Kunstgeschichte und Slawistik musste ich aufgrund privater Umstände umdenken und entschied mich für eine Ausbildung im Gartenbau, genauer gesagt im Gemüsebau. Meine Ausbildungszeit von drei Jahren teilte ich dabei auf zwei Betriebe auf.

Die ersten anderthalb Jahre lernte ich in einer großen Gärtnerei, die auf 13 Hektar Gemüseanbau betrieb und auch für den Hamburger Großmarkt produzierte. Hier musste ich hart und vor allem systematisch arbeiten. Im Kontrast dazu war mein zweiter Ausbildungsbetrieb ganz anders. Es handelte sich nämlich um eine kleine Gärtnerei, die von Gemüse, über Erdbeeren und Kräutern breit aufgestellt war. Hier konnte ich bereits als Auszubildende sehr selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten.

Welche weiteren beruflichen Stationen und Abschlüsse folgten nach Ihrer Ausbildung?

Nachdem ich meine Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, arbeitete ich in unterschiedlichen Betrieben. Zunächst war ich im Bereich der Pflanzenzüchtung tätig und arbeitete sowohl in Lübeck als auch in den Niederlanden bei verschiedenen Saatgutfirmen. Danach wechselte ich nach Hannover, ans Institut für Botanik. Hier wirkte ich über 20 Jahre lang an Experimenten und Versuchsaufbauten mit, die  nicht unbedingt den typischen gärtnerischen Aufgaben entsprachen, mir aber sehr viel Freude bereiteten.

Während dieser Zeit an der Universität Hannover wurde ich sowohl für die Weiterbildung zum Staudenmeister und zum Techniker im Umweltschutz beurlaubt, als auch für mein Studium. Durch eine Reduktion meiner Arbeitszeit auf 50 Prozent konnte ich in neun Semestern mein Diplom in der Landschafts- und Freiraumplanung absolvieren. Das war eine sehr stressige Zeit – zumal ich zwei Wochen nach Abgabe meiner Diplomarbeit auch noch Mutter wurde.

Wo arbeiten Sie heute und was sind ihre Aufgaben und aktuellen Projekte dort?

Seit zehn Jahren bin ich nun am Institut für Umweltplanung an der Leibniz Universität Hannover tätig. Mein Aufgabengebiet ist unter anderem der Zeigerpflanzengarten, der den Studenten als Lernort dient. Nachdem ich den Garten zu Beginn meiner Arbeit didaktisch aufbereitet habe, erledige ich nun gärtnerische Tätigkeiten, wie die Beschaffung von Saatgut, Bepflanzungen der Beete sowie die Ausstattung mit der entsprechenden Beschilderung. Des Weiteren pflege ich den Gehölzgarten, einen zweiten Garten für die Lehre, den ich gemeinsam mit Dozenten und Studenten geplant sowie angelegt habe.

Neben diesen planerischen und gärtnerischen Tätigkeiten biete ich im Sommersemester ein Tutorium für die Bachelorstudenten der Landschaftsarchitektur und Umweltplanung an. Hier unterstütze ich sie bei den Übungen der Pflanzenbestimmung. Ich habe das Tutorium vor einigen Jahren ins Leben gerufen, um den Studenten „Hilfe zur Selbsthilfe“ anzubieten, ihnen die Freude am Umgang mit Pflanzen zu vermitteln und Frustrationen bei der Pflanzenprüfung zu vermeiden. Aktuell unterstütze ich zudem eine meiner ehemaligen studentischen Hilfskräfte bei ihrer Doktorarbeit, die sich mit Moosen befasst. Hierfür nehmen wir die Moosflora genau unter die Lupe. 

Sie haben ihr Diplom, arbeiten aber trotzdem vorwiegend als Gärtnerin. Wie kam es zu dieser Verknüpfung von Praxis und Theorie in ihrem beruflichen Werdegang und welche Bedeutung messen Sie ihr bei?

Ich finde die Verknüpfung von Praxis und Theorie extrem wichtig – besonders für mich persönlich. Ich könnte weder das eine noch das andere ausschließlich. Für mich stand beides immer schon im Bezug zueinander. Die Praxis hat dabei für mich eine ganz besondere Bedeutung: Wenn ich draußen bin, dann erde ich mich, das ist ein Ausgleich, fast wie meditieren. Durch diese Erdung kann ich auch viel besser auf Studenten eingehen und mit der Theorie umgehen.

Ich finde es nur schade, dass gerade die praktischen Tätigkeiten, die man in einem Ausbildungsberuf erlernt, heutzutage nicht überall wertgeschätzt werden. Die höheren Abschlüsse, wie das Studium, werden im Gegensatz dazu zu hoch gewertet – sei es durch das Gehalt oder die gesellschaftliche Anerkennung. Durch die geringe Wertschätzung sehen viele Abiturienten eine Ausbildung zudem als verlorene Zeit an. Das ist aber völliger Unsinn. Im Gegenteil sind die Erfahrungen unglaublich wertvoll – sowohl persönlich, als auch für ein anschließendes Studium.

Sie kennen die Praxis, haben an der Universität aber auch täglich mit der Theorie zu tun. Können Sie darauf aufbauend Defizite in Ausbildung der Studenten erkennen und was sollte geändert werden?

Ich finde, dass die Studenten heute zum Teil zu jung ins Studium gehen. Mit 18 direkt nach dem Abitur zu studieren finde ich doch reichlich früh. Gerade in der Gartenbaubranche wäre es schon sehr hilfreich, wenn die Studenten vorher eine Ausbildung gemacht hätten. Durch erste Erfahrungen in der Grünen Branche kann auch eine viel bewusstere Entscheidung für den Studiengang getroffen werden. Dies könnte zudem durch einen höheren NC gefördert werden – eine Maßnahme, die ich definitiv befürworten würde.

Der letzte Aspekt, den ich ansprechen möchte, ist vielleicht eher als Tipp, statt als Defizit zu verstehen: Ich finde, dass jeder Student einige Kurse belegen sollte, die im nicht so gut gefallen und trotzdem das Engagement aufbringen, diese gut zu bestehen. Dadurch lernt man, unliebsame Aufgaben gewissenhaft zu erledigen – eine Eigenschaft, die meines Erachtens nach für das spätere Berufsleben besonders entscheidend ist. Schließlich sollte es im Studium nicht nur darum gehen, mit möglichst wenig Aufwand, gute Credit-Punkte zu erlangen, sondern auch um Fleiß und die Motivation, sich fachlich weiterzubilden.

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