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Interview: Wird der Rasen wieder grün?

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Trockener und verbrannter Rasen – nach diesem Sommer ein „brand-aktuelles“ Thema in Gärten und Parks, auf Sportplätzen und Golfanlagen. Was ist noch zu retten, wie kann man vorbeugen? Die TASPO Redaktion fragte Prof. Martin Bocksch, Rasenspezialist an der Uni Geisenheim.

Kommt der Rasen wieder? Erwarten Sie Veränderungen in der Artenzusammenstellung?

Eine gute Frage, die sich pauschal aus meiner Sicht nur sehr schwer beantworten lässt. Es hängt von der Witterung vor Ort ab (Dauer der Trockenheit, höchste Temperaturen und deren Dauer), aber auch von der Nutzung der Flächen in dieser Phase. Werden sie begangen oder weiter für Fußball und anderes genutzt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass etwas wiederkommt.

Generell haben unsere wichtigen Rasengräser der gemäßigten Zone (Kaltzonengräser) ein gutes Regenerationsvermögen nach der Trockenheit. Deutsches Weidelgras (Lolium perenne), Wiesenrispe (Poa pratensis) und auch der Rotschwingel (Festuca rubra spp.). Noch besser ist das des Rohrschwingels (Festuca arundinacea) oder das der tropischen Warmzonengräser. Deren wichtigster Vertreter ist hierzulande das Bermudagras (Cynodon dactylon).

Schlechter ist das Regenerationsvermögen der flachwurzelnden Arten wie Jährige Rispe (Poa annua) und Gemeine Rispe (Poa trivialis). Trockenheit allein wird wie gesagt relativ gut überstanden. Kommt jedoch ausgeprägte Hitze dazu, wird es für die Kaltzonengräser eng. Über 50 Grad Celsius Bodentemperatur über ein paar Stunden – und das geht bei trockenen Böden und intensiver Sonneneinstrahlung auf einen lückigen Rasen bei 35 Grad Celsius Lufttemperatur ganz schnell – halten sie jedoch nicht aus. Die Eiweiße in den Pflanzen denaturieren, und die Pflanzen sterben ab. Vor allem um den höchsten Sonnenstand herum. Dann erkennt man oft ein atypisches Bild: Im Schatten überlebt der Rasen, in der prallen Sonne ist er abgestorben.

Ob der Rasen überlebt hat, lässt sich mit einem einfachen Test jedoch überprüfen. Man entnimmt einen flachen Rasenziegel und lässt ihn in einem Wassereimer gut mit Wasser vollsaugen. Anschließend überschüssiges Wasser abgießen und die Sode im Eimer verbleiben lassen. Bilden sich an der Unterseite der Sode frische weiße Wurzeln, haben zumindest einige der Gräser überlebt. Ob sich Veränderungen in der Zusammensetzung der Rasennarbe ergeben, muss jedoch abgewartet werden.

Gibt es gravierende Unterschiede in den unterschiedlichen Rasenanwendungsgebieten? Konkret also: Welche Auswirkungen erwarten Sie in den Segmenten „privates Grün“, „öffentliches Grün“, Rasensportplätze und Golfgrün?

Golfgrüns und auch die meisten Rasensportplätze sollten während der Trockenheit bewässert worden sein. Von daher erwarte ich hier weniger bis keine Schäden. Allerdings gab es erste Warnhinweise in einigen Regionen von Seiten der Kommunen, Rasenflächen und damit auch Sportplätze eventuell bei einer Verschärfung der Wasserproblematik zukünftig nicht mehr zu beregnen.

Beim „privaten Rasen“ teilt sich die Menge recht schnell in zwei Gruppen. Zum einen die, denen der Rasen sehr wichtig ist. Hier wurde er selbstverständlich bewässert. Oft sogar mit einer fest installierten Bewässerungsanlage. Solchen Rasen fehlt auch nach diesem Sommer in der Regel nichts.

Anders sieht es mit den Rasenflächen der anderen Gruppe aus. Aus verschiedensten Gründen bewässern sie ihren Rasen nicht und müssen nun in der Konsequenz mit den geschilderten Problemen leben. Von den kommunalen Grünflächen – in erster Linie Parks – sind nur die wenigsten beregnungsfähig. Hier sind – denke ich – die größten Schäden zu erwarten, da die Flächen vielfach zudem für die verschiedensten Aktivitäten genutzt werden.

Gibt es konkrete Maßnahmen, die Sie empfehlen? Wie lässt sich dem Rasen durch mechanische oder andere Maßnahmen helfen?

Ja, die gibt es, und es gilt dabei: weniger ist mehr. Das vielfach beobachtete Vertikutieren nach Trockenheit kann ich nicht empfehlen. Bei hartem, trockenem Boden ist es zudem weder gut für die Hände (Weißfingrigkeit) und Handgelenke noch für die Maschinen. Zu diesem Zeitpunkt muss jedoch etwas erfolgen. Ein einfacher Eisenrechen oder auf großen Flächen der Striegel sind hier völlig ausreichend. Damit werden abgestorbene Pflanzen aus dem Bestand entfernt. Es entstehen Lücken, ohne dass der Boden dabei geöffnet wird und dort befindliche Samen zur Keimung angeregt werden. Anschließend direkt nachsäen.

Ist mit der Regeneration großer Teile der alten Narbe zu rechnen, erfolgt die Nachsaat mit einer speziellen Nachsaatmischung, die bis zu 100 Prozent aus Deutschem Weidelgras (Lolium perenne) besteht (RSM 3.2). Nur dieses ist frohwüchsig und konkurrenzstark genug, sich in einer etablierten Narbe zu entwickeln. Zeigt der Test oder die beginnende Regeneration der Narbe nur eine geringe Erholung der Gräser, kann mit einer der klassischen Ansaatmischungen je nach gewünschtem Rasentyp nachgesät werden.

Die Regelsaatgutmischungen (RSM) der FLL bieten hier für verschiedenste Anwendungen sehr gut geeignete Mischungen an. Die sind mittlerweile glücklicherweise nicht nur im Fachhandel, sondern weit verbreitet erhältlich. Nach der An-/Nachsaat ist dafür zu sorgen, dass die Samen Bodenkontakt haben, um sicher und kontinuierlich Wasser aufnehmen zu können. Das kann durch starkes Einregnen erfolgen, durch eine schonende Nutzung, auf dem Sportplatz beispielsweise durch Nutzung durch Jugendmannschaften oder durch ein erneutes leichtes Durchharken der Flächen.

Wichtig ist jedoch, diese Maßnahme möglichst erst dann durchzuführen, wenn wieder mit kühleren Temperaturen und gesicherteren Niederschlägen gerechnet werden kann. Denn ist eine Keimung der Samen erst angestoßen, muss der Samen kontinuierlich mit Wasser versorgt werden. Das ist mit Bewässerung fast nicht zu machen. Daher diese Maßnahme lieber etwas später als zu früh durchführen. Nach der ersten sichtbaren Erholung der Gräser ist eine Düngergabe mit Stickstoff sinnvoll und wichtig, um die Regeneration der Gräser zu fördern. Kombinationen von sofort verfügbaren und Langzeitformen, die erst umgesetzt werden müssen, sind hier am sinnvollsten.

Gibt es im Vorfeld Maßnahmen, auf solche Wetterextreme zum Wohle des Rasens zu reagieren?

Ja, die gibt es, und es wird immer wichtiger werden, unsere Rasenflächen in diesem Sinne auf Trockenperioden vorzubereiten.

1. Früherer Start mit der ersten Rasendüngung: Wer zu spät die erste Rasendüngung verabreicht, läuft heute bereits Gefahr, in die Frühjahrstrockenheitsphase zu fallen. Dann liegen die zumeist Granalien (Düngerkörner) im Rasen und lösen sich nicht ausreichend auf. An die Wurzeln gelangen die Nährstoffe allenfalls sehr viel später. Je nach Witterung und Lage kann und sollte der Rasen ab Mitte Februar mit Nährstoffen, insbesondere Stickstoff, versorgt werden.

Wichtig bei früher Düngung: Es müssen Düngemittel mit rasch pflanzenverfügbaren Stickstoffkomponenten gewählt werden. Also Ammonium- oder Nitratstickstoff. Organische oder synthetisch-organische Düngerformen, bei denen der Stickstoff erst noch umgewandelt werden muss, funktionieren zu diesem Zeitpunkt noch nicht, da das dafür notwendige Bodenleben seine Tätigkeit erst ab zehn Grad Celsius Bodentemperatur aufnimmt.

2. Schnitthöhe der Gräser anpassen: Ist mit einer Trockenphase zu rechnen oder ist sie eingetreten, sollte die Schnitthöhe um mindestens einen Zentimeter, besser 1,5 Zentimeter, angehoben werden. Das schafft nicht etwa mehr Verdunstungsfläche, sondern regt die Pflanzen zur Bildung von weiteren Wurzeln an, da sie bestrebt sind, das Gleichgewicht von ober- und unterirdischer Masse wieder herzustellen. Generell sollten Rasenflächen nach Möglichkeit nicht unter vier Zentimeter und in Trockenphasen nicht unter fünf Zentimeter tief gemäht werden.

3. Schonung in Trockenphasen: Während einer Trockenphase sind alle Maßnahmen (mähen, vertikutieren, nutzen), die die Gräser noch zusätzlich stressen, zu vermeiden.

4. Rasenbewässerung: Besteht die Möglichkeit, den Rasen zu bewässern, sollte die in solchen Phasen unbedingt, aber mit Augenmaß und sinnvoll für die Gräser genutzt werden. Das heißt: Bewässerung nur dann, wenn die Gräser erste Trockenheitssymptome zeigen – bläulich-stumpfe Farbe und Trittspuren bleiben im Rasen sichtbar und verschwinden nach dem Betritt nicht sofort wieder. Dann sollte eine intensive Bewässerung mit rund zehn Litern Wasser (zehn Millimeter im Regenmesser) pro Quadratmeter erfolgen.

Gibt es (oder sind in der Entwicklung) Forschungen zu hitzeverträglicheren Rasenarten und -sorten für spezielle Rasenmischungen, die auf Hitze besser eingestellt sind?

Von speziellen neuen Sorten mit verbesserter Trockenverträglichkeit der üblichen Rasengräser unserer Breiten weiß ich bisher noch nichts. Aber Züchtung ist ein langwieriger Prozess. In Folge des Supersommers 2003 hat die Gräserzüchtung dieses Thema aufgegriffen. Das liegt nun 15 Jahre zurück, und es ist daher in den nächsten zwei bis drei Jahren durchaus mit ersten Ergebnissen dieser Arbeiten zu rechnen.

Eine Grasart hatte nach 2003 einen starken Hype – der Rohrschwingel (Festuca arundinacea). Diese Art bildet breitere, dunkelgrüne Blätter aus und besitzt ein sehr tief reichendes Wurzelwerk. Sie ist damit, ebenso wie der Wiesenschwingel (Festuca pratensis), der jedoch keine schönen, dichten Rasenflächen bildet, in der Lage, Wasser aus tieferen Schichten, an das die übrigen Gräser nicht kommen, zu erreichen und zu nutzen. Er hält daher bei Trockenheit wesentlich länger aus.

Versiegen jedoch auch diese Wasservorräte, leidet er genauso an Trockenheit wie die übrigen Gräser. In der Folge wurden Samenmischungen und auch Fertigrasen mit Rohrschwingel gut nachgefragt und vielfach angeboten. Das hat sich jedoch in den letzten Jahren geändert. Zum einen waren diese alle meist recht feucht, und der Rohrschwingel konnte seinen Vorteil hierzulande nicht richtig zeigen.

Zum anderen verlangt diese Grasart eine etwas andere Rasenpflege, mit der viele Garten-/Rasenbesitzer nicht zurechtkommen. Unterbleibt die jedoch, verschwindet diese Art nach einigen Jahren wieder aus der Rasennarbe, und die Rasenbesitzer sind unzufrieden. Bei der nächsten Rasenanlage entscheiden sie sich für eine andere Mischung, wie wir das in den letzten Jahren erleben mussten.

Heute bieten aufgrund dieses Nachfragerückgangs nur noch einige wenige Rasenschulen Fertigrasen mit Rohrschwingel an. Saatgutmischungen gibt es jedoch noch unverändert. Was im Einzelnen die Besonderheiten des Rohrschwingels sind, erläutere ich gerne im November einmal. Das wäre der beste Zeitpunkt, denn es löst die Anfang Dezember nötigen Aktivitäten auf einem Rohrschwingelrasen aus.

Mehr zum Thema „Wird der Rasen wieder grün?“ lesen Sie in der TASPO 36/2018, die am 7. September erschienen ist.