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Der Traum von einem Leben ohne Schmerz

Bauer oder Gärtner sein, das wollen die Landlust-Verehrer bestimmt nicht. Dennoch treibt sie eine Sehnsucht nach dem guten alten Landleben. Für Thomas Kirschmeier vom Rheingold-Institut ist diese neue Lust aufs Land der Sehnsucht der Menschen nach einem wirklichen und sinnhaften Leben geschuldet: Einem Leben, das noch durch natürliche Rhythmen und nachvollziehbare Gesetze geprägt ist - aber eben nicht zu sehr.

Es geht um ein Leben, in dem sich der Einzelne noch eingebunden fühlt in natürliche Zusammenhänge und das Gefühl hat, gebraucht zu werden und mitwirken zu können. Im heutigen Alltagsleben hätten immer mehr Menschen das Gefühl, sich sinnlos in einem Hamsterrad abzuplagen. „Unser Leben ist ungeheuer beschleunigt, es gibt nur noch wenig Ruhephasen“, so Kirschmeier. Man reibe sich immer stärker in seinen beruflichen oder privaten Pflichten auf. „Aber am Ende des Tages wissen viele Menschen gar nicht, was sie überhaupt getan haben und welchen Zielen sie gefolgt sind“, so Kirschmeier.

Dieser Zustand einer überdrehten Erstarrung sei Ausdruck einer unbewussten Ersatzreligion, dem digitalen Lebensideal, das unser Denken immer stärker bestimme. „Früher hatten die Menschen noch ein analoges Lebensideal. Das Leben funktionierte wie eine Schallplatte: Wie die Plattennadel war man in einer verbindlichen Schicksalsspur eingebunden. Man folgte den abenteuerlichen Drehungen und Wendungen des Lebens und rieb sich dabei zwangsläufig auf. Es entstanden Risse, Kratzer, und irgendwann war die Platte zu Ende gespielt. Aber man fühlte sich auch sinnlich unmittelbar im Leben stehend und brachte mit Hingabe die Musik des Lebens zum Schwingen und Klingen.“

 Das neue digitale Ideal hingegen suggeriere, dass das Leben wie eine DVD funktioniert: „Wir können in ewigem Glanz leben. Ein Leben ohne Alter, Krankheit und Tod.“ Unliebsames werde auf Knopfdruck einfach weggedrückt. „Die Cellulitis oder die krumme Nase werden einfach wegoperiert. Aber auch schlechte Laune, Unpässlichkeiten sollen mit Hilfe der Stimmungsapotheke Fernsehen oder durch Einnahme von Medikamenten weggezaubert werden.“

Das digitale Lebensideal greift, so Kirschmeier, eine Paradieserwartung auf, die die Menschen zu allen Zeiten hatten: den Traum von einem Leben ohne Schmerz, Schuld, Schicksal, Arbeit. Doch während das Paradies bislang im Jenseits erhofft wurde, werde es jetzt zu einem irdischen Anspruch. „Man versucht, das Paradies ins Diesseits zu transportieren.“ Das habe unser Leben jedoch nicht schöner gemacht, sondern in eine Art Vorhölle verwandelt, so Kirschmeier.

Denn aufgrund der übersteigerten Erwartung vom Leben werde all das, was den Alltag auszeichnet – dass man etwas durchmacht, sich aufreibt, aber auch sich weiterentwickelt – als Betriebsstörung empfunden. Besonders deutlich werde dies bei der Einstellung zu Kindern, die auf Jahre hinaus zur analogen Verbindlichkeit zwängen und somit die digitalen Freiheiten unterbänden. Die zurückgehenden Geburtenraten der letzten Jahrzehnte zeugten von diesem digitalen Lebensideal.

Die neue Lust aufs Land und auch die mit ihr aufkommenden Magazine zum Thema Land werben nun für eine analoge Lebens-Haltung, die sich entschieden von dem hektischen Alltag des digitalen Lebensideals abkehrt. Dabei gehen auch die Geburtenzahlen wieder hoch, so Kirschmeier.

Allerdings ist die neue Lust aufs Land eher eine Mischung aus beidem, dem analogen und dem digitalen Lebensmodell: Man will zwar die Natur und den Stolz des selbst Gemachten entdecken, blendet aber die damit verbundene Mühsal aus. Man pickt sich nur die positiven Seiten des Landlebens heraus, um zu entschleunigen. „Manchen reicht schon das Durchblättern einer Zeitschrift, die das Landleben beschreibt.“(rve)