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Jahrhundert-Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes

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Tief Bernd. Der Wetterdienst hatte vor Starkregen und Überflutungen gewarnt. Aber niemand hatte mit dieser Zerstörung im Westen Deutschlands gerechnet. Viele Menschen sind ums Leben gekommen, Existenzen wurden vernichtet. Die Aufräum- und Wiederherstellungsarbeiten stellen Privatleute, Unternehmen sowie Hilfsorganisationen und Bundeskräfte vor immense Anstrengungen und gewaltige Aufgaben. Landwirte und Garten- und Landschaftsbauer waren als Freiwillige vom ersten Tag an im Einsatz.

Die Flut ließ nichts als Zerstörung, Schutt und Schlamm zurück. Die Aufräumarbeiten werden lange Zeit in Anspruch nehmen. Foto: Gerlinde Witt

„Eine solche Katastrophe hat Rheinland-Pfalz noch nicht erlebt“

„Eine solche Katastrophe hat Rheinland-Pfalz noch nicht erlebt. Es übersteigt das, was auch erfahrenste Hochwasserretter bei uns je erlebt haben. Flusspegel stiegen auf eine bislang nicht gesehene Höhe an. Häuser, Brücken, Straßen wurden massiv beschädigt oder einfach mitgerissen“, sagt Malu Dreyer, Ministerpräsidentin Rheinland-Pfalz.

Bisher verloren mehr als 170 Menschen durch das Hochwasser ihr Leben – über 130 in Rheinland-Pfalz, fast 50 in Nordrhein-Westfalen. Allein im stark betroffenen Kreis Ahrweiler wurden bis zum letzten Freitag immer noch rund 150 Personen vermisst. Dort waren bis am Freitag über 760 Personen verletzt. Und inzwischen kommen täglich noch weitere Verletzte, darunter auch viele Helfer, neu hinzu.

Die Flut hat in der vergangenen Woche mindestens 467 Gebäude mitgerissen, darunter mindestens 192 Wohnhäuser. Auf einer Strecke von 40 Kilometern sind rund 7.000 Gebäude und rund 32.000 Menschen betroffen. Mindestens 17.000 Menschen haben ihr Hab und Gut verloren (Stand: 23.07.2021). Im rheinland-pfälzischen Kreis Ahrweiler wurden allein 62 Brücken vollständig zerstört, und 13 weitere sind schwer beschädigt. Die meisten Schulen im Ahrtal (14 von 16) sind nicht mehr zu nutzen. Außerdem sind 19 Kitas dem Hochwasser zum Opfer gefallen. Der Schaden für Betriebe und Unternehmen dürfte in die Milliarden gehe. Auch viele Produktions- und Handelsbetriebe sowie Dienstleister, aus dem Wein-, Garten- und GaLaBau sowie Landwirte sind betroffen.

Infrastruktur zerstört

Die Infrastruktur ist in vielen Orten zusammengebrochen. Am 16. Juli hatte Jürgen Pföhler, Landrat des Kreises Ahrweiler, den Katastrophenfall ausgerufen. In der Region haben immer noch viele Menschen kein „Netz“, also weder eine Telefon-, Internet- oder Handyverbindung. Sie sind zudem von der Versorgung mit Trinkwasser, Gas und Strom und abgeschnitten, weil die Leitungen gerissen oder zerstört wurden. Straßen und Eisenbahnlinien wurden unterspült oder sind abgerutscht. Die Wassermassen haben nach Angaben der Deutschen Bahn allein sieben Regionalstrecken in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz so stark beschädigt, dass man sie neu bauen oder umfangreich sanieren muss. Gleise auf rund 600 Kilometern und 80 Bahnstationen seien betroffen. Die Deutsche Bahn geht davon aus, dass es Jahre dauern wird, bis die durch das Hochwasser zerstörten Zugstrecken im Ahrtal und der Eifel wiederaufgebaut sein werden. DB-Vorstandsmitglied Volker Hentschel sagte, insgesamt sei an den Strecken und Bahnhöfen in Deutschland ein Schaden von schätzungsweise 1,3 Milliarden Euro entstanden. „Diese Katastrophe wird unser Land auf lange Zeit prägen“, sagte Malu Dreyer am letzten Donnerstag. Der Wiederaufbau werde langwierig werden und sehr viel Geld kosten. Dafür sei eine „nationale Kraftanstrengung“ notwendig.

Unmittelbare Hilfe

In den ersten ein bis zwei Tagen konnten sich die Geschädigten lediglich auf die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer stützen, darunter Verwandte, Nachbarn, Freunde und Gäste vor Ort sowie die lokalen freiwilligen Feuerwehren, Landwirte, GaLaBauer und Bauunternehmen. Sie alle begannen direkt in den ersten Tagen damit, die betroffenen Häuser und Zufahrtswege nach Abfluss des Wassers von Schlamm, Baumstämmen, Müll und irreparablen Fahrzeugen zu befreien. Auch wenn sie selbst zu den Geschädigten zählten.

Doch wer nicht allzu stark betroffen war, packte bei anderen an: Nach Bekanntwerden der Katastrophe machten sich weitere Firmen – oft als Ersthelfer – mit Baggern, Traktoren und Gabelstaplern auf. Zunächst ohne Wissen, ob sie die Gebiete erreichen konnten oder ob sie eine Entschädigung erhalten würden. Die meisten ließen für die Hilfe ihre eigene Arbeit liegen – in der Hoffnung, die Kunden würden die Verzögerung der aktuellen Aufträge verstehen.

„Wir auf den Höhen der Eifel sind mit einem blauen Auge davongekommen. Nur 6 km weiter stehen die Menschen und damit viele unserer Freunde, Verwandten und Bekannte vor dem Abgrund“, postete das Unternehmen Walter Schmitz, Reifferscheid, auf Facebook. „Wir haben bereits am Donnerstag in Müsch mit dem Aufräumen angefangen und sind über Antweiler, Fuchshofen, Schuld nach Insul weiter gezogen. Wir haben unsere Firma geschlossen und alle Maschinen von den Baustellen abgezogen, um unseren direkten Nachbarn im Ahrtal zu helfen.“
Gartenbau Nalca, Remagen, stellt zudem drei Gewächshäuser zur Verfügung, die voller Lebensmittel, Kleidung und Dinge des täglichen Lebens sind, berichtet Thorsten Trütgen, Pressesprecher des DRK-Kreisverbandes Ahrweiler.

Die Freiwilligen schaufeln seitdem unermüdlich Schutt und Müll vor jedem einzelnen Haus auf große Hänger. Traktoren fahren alles zu einer Müll-Sammelstelle, von wo aus es auf Bau-Lastern abtransportiert wird – auch, wenn ihnen bei den Aufräumarbeiten Reifen kaputt gehen oder Hydraulikschläuche platzen.

Zügige Aufräumarbeiten

Schätzungsweise mehr als 200.000 Kubikmeter Sperrmüll sowie 560.000 Elektrogeräte, dazu Bauschutt, Autos, entwurzelte Bäume sind zu entsorgen. Für die Privatleute und freiwilligen Firmen allein ist die Räumung eine schier unlösbare Aufgabe: Kräfte von Rettungsdiensten, Feuerwehren, der Polizei und Bundeswehr sowie dem Technischem Hilfswerk und dem Katastrophenschutz kommen täglich immer mehr hinzu, um die katastrophale Lage zu bewältigen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich vor Ort, speziell in Schuld (Kreis Ahrweiler), die katastrophale und chaotische Lage angesehen und Hilfen versprochen. Seit Sonntag (18.07.2021) hat die Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) Trier die Einsatzleitung im Ahrtal übernommen.

Das Räumen der Müllberge in den Hochwassergebieten läuft mittlerweile seit über einer Woche. In den betroffenen Gebieten stapeln sich überall Möbel, Kleider, Öltanks, Fahrzeuge, Baumstämme und Häusertrümmer zu riesigen Müllbergen. Die Struktur- und Genehmigungsdirektion Nord (SGD) hat kurzfristig eine Ausnahmegenehmigung für die Deponie Eiterköpfe im Kreis Mayen-Koblenz zur Ablagerung von Haus- und Sperrmüll gegeben, sagte Umweltministerin Anne Spiegel (Grüne) in einer Sondersitzung der Landtagsausschüsse in Mainz. Diese Deponie könne auch ölbelasteten Boden annehmen. Die Abfallentsorgungsbetriebe hätten in Abstimmung mit der SGD Nord auch noch andere Ablageflächen festgelegt. Für den Elektronikschrott gäbe es noch keine Lösung. Die SGD werde auch klären, wie mit den zahlreichen Autowracks umzugehen sei.
Mittlerweile haben die meisten Bundesländer Ausnahmegenehmigungen erteilt und das Sonntagsfahrverbot aufgehoben. Lkw-Fahrten zum Zweck von Aufräumarbeiten sowie zur Versorgung der Bevölkerung im Zusammenhang mit der Unwetterkatastrophe sind nun auch am Wochenende erlaubt. Kolonnen von Freiwilligen und professionellen Helfern haben sich auf den Weg in die betroffenen Gebiete gemacht – so viele, dass es inzwischen zu Verkehrsstaus kommt: Anreisende stehen den Fahrzeugen, die Schutt abfahren wollen, teils im Weg. Entsorgungsunternehmen – unterstützt von örtlichen Landwirten mit deren landwirtschaftlichen Fahrzeugen – transportieren in einer konzentrierten Aktion am letzten Wochenende die Müllberge auf die Deponien. Die Einsatzleitung hat deshalb den Individualverkehr in den Bereichen Dernau/Rech sowie Bad Neuenahr-Ahrweiler vom 25. Juli bis 26. Juli 2021 untersagt.

Einsatzkräfte nutzten unter anderem das Haribo-Werk in Grafschaft im Kreis Ahrweiler als Lagezentrum. Im Fahrerlager, nun „Bereitstellungsbereich“ auf dem Nürburgring ist eine gigantische Helferstadt entstanden: 4.000 Helferinnen und Helfer seien laut Landesregierung Rheinland-Pfalz vor Ort. Der Katastrophenschutz bietet seit letztem Samstag allen Einwohnerinnen und Einwohnern der betroffenen Orte bei Bedarf eine kostenlose Notunterkunft an, die in den nächsten Tagen durchgängig zur Verfügung steht. Wer möchte, kann diese Unterbringungsmöglichkeit nutzen. Es werden Gratis-Shuttle-Busse eingesetzt – auch, um den Individualverkehr zu reduzieren.

Behelfsbrücken sorgen bei den Betroffenen und Einsatzkräften für Erleichterung. Dadurch können auch abgeschnittene Gebiete endlich erreicht werden. Soweit die Schadengebiete zugänglich sind, waren bereits Schadenregulierer und Sachverständige vor Ort. Doch viele Geschädigte haben keine Elementarschadenversicherung. Die Landesregierung stellt den betroffenen Menschen maximal 3.500 Euro Soforthilfen pro Haushalt zur Verfügung. Sie sollen ohne eine Bedürftigkeitsprüfung ausgezahlt werden. Zudem stellt das Land zusammen mit dem Bund 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau zur Verfügung. Auf vielen offiziell und privat initiierten Spendenkonten des Landes gehen viele Millionen Euro ein. Das Geld soll meist direkt an die Betroffenen gehen.

Landwirtschaft und Gartenbau stark betroffen

Zwischen 2.000 und 2.500 landwirtschaftliche Betriebe in Nordrhein-Westfalen wurden von der Hochwasserkatastrophe unmittelbar getroffen. Das berichtet der Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes (RLV), Bernhard Conzen. Das Ausmaß der Schäden auf landwirtschaftlicher Seite könne aktuell noch nicht abgeschätzt werden, da die Lage in den betroffenen Regionen nach wie vor unübersichtlich sei.
Derzeit können die Verluste auf den Feldern, in den Ställen und in den landwirtschaftlichen Betrieben noch nicht verlässlich abgeschätzt werden, meldet auch die Staatskanzlei Nordrhein-Westfalen. Daneben sei die Forstwirtschaft betroffen. Das Land bietet deshalb Soforthilfen für Unternehmen der Land- und Forstwirtschaft einschließlich des Obst- und Gartenbaus sowie der Aquakultur und der Fischerei an.
„Ganze Landstriche sind zerstört“, sagt NRW-Landwirtschaftsministerin Ursula Heinen-Esser. In der Folge seien auch Tiere verendet, Ernteausfälle absehbar, einzelne Betriebe zerstört. Eine Soforthilfe des Landes sei als erste, schnelle Liquiditätshilfe gedacht, um Schäden an überfluteten Gebäuden oder Grundstücken zu beseitigen. „Vor dem Hintergrund der ermittelten Schäden werden weitere Unterstützungsleistungen zu prüfen sein.“

In den Hochwassergebieten kann es zu Totalausfällen der Ernten kommen, befürchtet der Deutsche Bauernverband. Präsident Joachim Rukwied berichtet, dass etwa 1.500 Betriebe massiv und weitere Betriebe erheblich betroffen sind. Der Verband erwartet, dass die Landwirtschaft unterstützt wird ebenso wie andere Bereiche. Es seien Betriebsgebäude zerstört, Weinbaubetriebe seien im Ahrtal betroffen. Da sei die Ernte der letzten Jahre vernichtet. Das könnten die Betriebe alleine nicht stemmen.

„Der Einsatz zeigt ganz deutlich, dass in der Landwirtschaft Solidarität gelebt wird, dass Hilfsbereitschaft da ist, unzählige Landwirtinnen und Landwirte haben ihren Kollegen geholfen“, sagt Rukwied. Derzeit würden Futterbörsen aufgebaut. Der Deutsche Bauernverband habe einen Hilfsfond aufgelegt.

Hilfe bietet auch die schon am Freitag nach dem Hochwasser gegründete Facebook-Gruppe „GaLaBau-Hochwasser-Hilfe 2021“, die am 25. Juli bereits 1.213 Mitglieder zählte. Und natürlich der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V.. „In Nordrhein-Westfalen sind sehr viele Betriebe betroffen, wenn auch nicht ganz so stark wie in Rheinland-Pfalz“, sagt Anne Schmidt, Geschäftsführerin, Verband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Rheinland-Pfalz und Saarland e. V.. Dort seien es eher Betriebe, die eine Baustelle hatten, die überflutet wurde und nun rechtliche Unterstützung benötigen würden. Allerdings sei ein Betrieb (Anmerkung: Wershofen Gartenbau, Ahrweiler) extrem betroffen. Dort wären vier bis fünf Branchenkollegen mit ihren Mitarbeitern, Geräten und Fahrzeugen vor Ort, um zu unterstützen und zu räumen. Manpower war also unmittelbar da. Allerdings benötigen die Betriebe zum Wiederaufbau im Anschluss Geld.

„In einer Krisensitzung des Bundesverbandes und der Landesverbände ist deshalb spontan entschieden worden, fernab von jeder Satzung und Reglements betroffenen Mitgliedern zu helfen“, erläutert Anne Schmidt weiter. Alle Mitglieder seien darüber informiert und zudem zum Spenden aufgerufen worden. Die Verbände selbst hätten ebenfalls Spenden eingezahlt. Es würde den Geschäftsstellen in Rheinland-Pfalz sowie Nordrhein-Westfalen obliegen, wie das Geld dann unbürokratisch verteilt wird, auch wenn staatlicherseits noch Zuschüsse erwartet würden. Außerdem soll insbesondere dem Ahrweiler Betrieb ein Unternehmensberater zur Seite gestellt werden, wenn die Zeit gekommen ist.

Angedacht ist außerdem eine Entschädigung der Firmen, die dort vor Ort sind und helfen – unter anderem für Kraftstoffe. Dafür seien die involvierten Firmen angewiesen, ihre Beteiligung und Ausgaben zu dokumentieren. „Da will sich keiner eine goldene Nase verdienen“, meint Anne Schmidt. „Die Landschaftsgärtner haben die Maschinen natürlich auf dem Hof und jeden Tag ruft mich jemand an, der helfen will. Ich finde das beispiellos und sehr ergreifend!“

Schadenhöhe nicht absehbar

Auch nach über sieben Tagen nach der Unwetterkatastrophe hat das Land Rheinland-Pfalz keinen genauen Überblick darüber, was genau im Ahrtal alles zerstört wurde. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) rechnet angesichts der Flutkatastrophe mit massiven Schäden bei Unternehmen. DIHK-Präsident Peter Adrian sagte, zwar sei es derzeit noch schwierig, eine genaue Summe zu nennen. „Was man sagen kann: Der Schaden geht insgesamt sicher in die Milliarden.“ Viele Unternehmer stünden vor den Trümmern ihres Lebenswerks, sagte Adrian, der in Trier wohnt. Er selbst habe sich das in mehreren Regionen angeschaut. Der Wiederaufbau werde eine Riesenaufgabe. Ein Problem sei auch hier der Mangel an Fachleuten. „Aktuell brauchen wir vor Ort zum Beispiel viele Elektriker, so viele gibt es aber gar nicht.“ Adrian sprach sich für unbürokratische Hilfen aus.

Nach Schätzung der deutschen Bauwirtschaft wird der Wiederaufbau nach den Hochwasserschäden mehrere Jahre dauern. „Nach der Elbflut 2002 hat es etwa drei Jahre gedauert, bis die größten Schäden behoben waren, und fünf Jahre, bis die betroffenen Gebiete wieder ordentlich aussahen“, sagte Reinhardt Quast, Präsident des Zentralverbands des Deutsches Baugewerbes. Das Ausmaß der Schäden in Westdeutschland sei immens, aber noch nicht zu beziffern. Dem Wiederaufbau zerstörter Straßen und Brücken stehen allerdings hoch ausgelastete Bauunternehmen und Materialengpässe entgegen.

Im Ahrtal wurden mehrere Kläranlagen beschädigt oder eventuell ganz zerstört. Auch das Abwasserwerk der Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler ist nach Angaben der Stadt stark beschädigt. An vielen Orten wurden neben den Trinkwasserrohren auch die Abwasserrohre zerstört. Die verbliebene Kanalisation ist vielerorts mit Schlamm verstopft. Nach Angaben der örtlichen Wasser- und Naturschutzbehörde sollen Giftstoffe, Heizöl und Chemikalien ins Wasser gelangt sein. Das Technische Hilfswerk hat deshalb an mehreren Orten entlang der Ahr Anlagen zur Aufbereitung von Trinkwasser aufgebaut. Den Anwohnern im Ahrtal und Umgebung wird

Rheinland-Pfalz hat ein Sonderförderprogramm für die Trinkwasserversorgung und Abwasserentsorgung im Katastrophengebiet aufgelegt. Damit könnten Kommunen in den von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Regionen sofort mit dem Wiederaufbau beginnen, teilte das Klimaschutzministerium mit. Kosten entsprechender Investitionen können vom Land übernommen werden, das dafür 20 Millionen Euro bereitstellt.

Nur eine Lösung gibt es nicht

Ein OpenSkies-Beobachtungsflugzeug sollte das Ausmaß der Katatstrophe zeigen und hochauflösende Luftbilder erstellen. Dafür flog die Bundeswehr mit einem Airbus A319 am Donnerstagmorgen (22.07.2021) im Tiefflug über das Ahrtal. Mit Hilfe von Wärme- und Infrarotkameras soll der Aufklärungsflug neue Erkenntnisse und Daten über das Flussbett nach dem Hochwasser liefern. Die Luftwaffe war bereits am Mittwoch mit Recce-Tornados über der Katastrophenregion unterwegs. Die Aufnahmen sollten nach Angaben des Ministeriums helfen, Schäden besser zu erkennen und festzustellen, wo noch Hilfe nötig ist. Pioniere der Bundeswehr, die am Boden eingesetzt sind, hatten die Unterstützung angefragt.
Die wesentlichen Ansätze, um Überschwemmungen und Hochwasser entgegenzuwirken, sind Versickerung, Rückhaltung und Verdunstung von Regenwasser, meldete der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e. V. . Städte und Gemeinden könnten neben Grünflächen weitere Versickerungsanlagen schaffen, zum Beispiel in Form von Rigolen. Auch Schachtversickerungen sowie sickerfähige Beläge seien sinnvoll. Begrünte Versickerungsoptionen gäbe es viele und sie ließen sich an jedes Gebiet individuell anpassen: von Versickerungsmulden an versiegelten Fuß- und Radwegen, bis zu platzsparenden Rigolen oder Versickerungsschächten bei schwer durchlässigen Deckschichten.

„Letztendlich sollten alle Städte und Kommunen langfristig auf ein Schwammstadt-Konzept als Zukunftsmodell hinarbeiten“, rät BGL-Vizepräsident Jan Paul. Da eine Schwammstadt grob so funktioniert, dass sie Wasser aufnimmt und zwischenspeichert, anstatt es zu kanalisieren und abzuleiten, könne sie besser auf Regen- und Trockenzeiten reagieren. Aber: „Es gibt nicht die eine Lösung. Vielmehr ist es die Summe der Maßnahmen von öffentlichem, gewerblichem und privatem Grün, die messbare Erfolge bringt“, stellt Jan Paul fest.

Neben der Bewältigung der aktuellen Notlage sind aber auch Fehlentwicklungen der Vergangenheit zu korrigieren, fordert der Rheinische Landwirtschaftsverband. Klimatische Folgen müssten endlich auch bei der Planung von Infrastrukturmaßnahmen bedacht werden. Seit Jahren warne die Landwirtschaft vor dem enormen Flächenverbrauch – also der Versiegelung von Flächen, auf denen dann auch kein Wasser versickern kann. Hier muss dringend ein Umdenken stattfinden, erklärt der Verband.

„Wir sind Opfer des Klimawandels“, meint Joachim Rukwiek. „Wir sind aber auch Teil der Lösung, beispielsweise, indem wir Humusaufbau auf den Feldern betreiben, für die CO2-Senkung sorgen. Auch die Forstwirte tragen zum Klimaschutz bei.“ Die Landwirte hätten ihre Bodenbearbeitungsverfahren verbessert. Oft würde auf den Pflug verzichtet, um Erosionsschutz zu bieten.

Konsequenzen der aktuellen Katastrophe für die konventionelle Landwirschaft? „Wir sind stark betroffen, auch durch die zunehmende Versiegelung“, sagt Rukwied. „Wir Landwirte haben die Mulchsaatverfahren ausgebaut.“ Das sei Wind- und Wassererosionsschutz. Es würden Zwischenfrüchte ausgesät, sodass die Flächen das ganze Jahr über bedeckt seien. All das seien Maßnahmen, die Erosionen reduzieren würden. Aber gegen Unwetter in diesem Ausmaß sei niemand gewappnet.

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