Alle News

Laub in Aktivkohle verwandeln

, erstellt von

Lässt sich mit der Verwertung von Herbstlaub und Grünschnitt auf lange Sicht Geld verdienen? Dieser Frage gehen Wissenschaftler der Universität Kassel derzeit gemeinsam mit anderen in einem international angelegten EU-Projekt nach. Die Vision: Biomasse wird von Kommunen zu wertvoller Aktivkohle verarbeitet und als Filterstoff in Kläranlagen einsetzen.

Rund 34 Millionen Tonnen Restbiomasse aus Landschafts- und Stadtpflege bleiben im Jahr ungenutzt.

34 Millionen Tonnen Restbiomasse ungenutzt

Jeden Herbst stehen Kommunen vor dem gleichen Problem: Berge an Laub müssen entsorgt werden, zusätzlich zu dem Rasen- und Grünschnitt, der durch die Pflege öffentlicher Flächen anfällt. Die Entsorgung in Kompostierungsanlagen kostet Geld, die Vermarktung des gewonnenen Humus ist schwierig. Schätzungen besagen, dass jedes Jahr in Nordwesteuropa rund 34 Millionen Tonnen Restbiomasse aus Landschafts- und Stadtpflege ungenutzt bleiben.

Für Aktivkohle gibt es hingegen Bedarf, da der feinkörnige Kohlenstoff als Filter unter anderem in Trinkwasseraufbereitung und Abwasserbehandlung eingesetzt wird. 2.000 bis 4.000 Euro kostet eine Tonne.

Wobei das Material bislang hauptsächlich aus fossilen Brennstoffen gewonnen wird. Würde sie hingegen aus Biomasse gewonnen, wäre dies förderlich für die Öko-Bilanz. Zum einen, weil die Aktivkohle aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnen wird. Zum anderen, weil das Laub nicht mehr verrottet und CO2 freisetzt. Darüber hinaus kann die Aktivkohle nach dem Gebrauch reaktiviert und wiederverwendet oder zur thermischen Nutzung verbrannt werden.

Hohe Anschaffungskosten für Anlagen zur Umwandlung von Laub in Aktivkohle

Die Idee klingt zukunftsweisend. Damit Aktivkohle allerdings gewonnen werden kann, muss in teure Anlagen investiert werden. Auf mindestens zwei Millionen Euro schätzt Projektkoordinator Dr. Frank Hensgen die Anschaffungskosten für eine Anlage, die 1.000 Tonnen Biomasse jährlich vorbehandelt und zu 300 Tonnen Aktivkohle verarbeitet. Deshalb würde sich ein solches Verfahren voraussichtlich nicht für einzelne Betriebe rechnen, wohl aber für größere Kommunen mit entsprechender Menge an Biomasse.

In den kommenden drei Jahren wollen die Wissenschaftler erst einmal herausfinden, wie eine solche Anlage genau aussehen kann und wie effizient das Verfahren ist. „Wir werden innovative Technologien kombinieren, um Restbiomassen in regionalspezifischen Kreislaufsystemen zu hochwertigen Kohleprodukten zu veredeln“, fasst es Professor Michael Wachendorfn, Leiter des Fachgebiets Grünlandwissenschaft und Nachwachsende Rohstoffe an der Universität Kassel, zusammen.

Praxistauglichkeit: Europäische Union gibt Geld

Ein Standort für den Test zur Praxistauglichkeit ist Baden-Baden. Dort wird im Rahmen des Projektes die Stadt in eine Bio- und Aktivkohle-Anlage investieren, die an das Klär- und Kompostwerk angeschlossen ist. Die Aktivkohle soll dort komplexe chemische Verbindungen wie zum Beispiel Medizinrückstände aus dem Wasser filtern. Eine zweite, kleinere Anlage entsteht in Großbritannien in Wales. Beide Standorte waren bereits an einem internationalen Vorgänger-Projekt „Combine“ (www.combine-nwe.eu) beteiligt, bei dem aus Biomasse Brennstoffe in Form von Briketts hergestellt wurden. Auf diese Forschungsergebnisse kann nun aufgebaut werden.

Geld für die Aktivkohle-Forschung kommt dabei von der Europäischen Union, die das Verbundprojekt „Re-Direct“ mit elf Partnern aus fünf Ländern für die nächsten drei Jahre mit rund 3,2 Millionen Euro fördert. 1,3 Millionen Euro gehen dabei an die Uni Kassel. Wissenschaftler der Uni Kassel bauen in Baden-Baden eine Anlage, die Biomasse in Aktivkohle umwandelt.