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Nachgehakt: Ist das Konzept Gartenschau noch zeitgemäß?

Enttäuschende Besucherzahlen, Millionen-Defizite in den Kassen und ein leicht angestaubtes Image: Über den Sinn und Zweck von Gartenschauen wird zum Teil heftig diskutiert. „Die Gartenschau muss neue Wege beschreiten“, sagt deshalb Prof. Dr. Klaus Neumann, Landschaftsarchitekt und „geistiger Vater“ der Bundesgartenschau (Buga) 2015 Havelregion. 

Mit fünf verschiedenen Standorten über eine Distanz von 80 Kilometern stellt die Buga in der Havelregion ein echtes Novum in der Gartenschaugeschichte dar. Über das neue Konzept und die Zukunft von Gartenschauen hat TASPO Online mit dem Berliner Landschaftsarchitekten Prof. Dr. Klaus Neumann gesprochen.

Wie wurde dieses völlig neue Konzept der Buga Havelregion zu Beginn aufgenommen?

Zunächst gab es viel Widerstand. Diese Gartenschau ist gegen den ausdrücklichen Willen der Landesregierungen von Brandenburg und Sachsen-Anhalt entstanden, die vehement dagegen gekämpft und in den ersten Monaten sogar verboten haben, das Wort „Bundesgartenschau“ in den Mund zu nehmen.
Noch am 11. Oktober 2007, also kurz vor der Vergabeentscheidung im November 2007 in Köln, sprach der damalige brandenburgische Finanzminister Rainer Speer der Stadt Brandenburg ihre Leistungsfähigkeit ab und erläuterte in der Märkischen Allgemeinen Zeitung: „Die Nutznießer einer Buga sind heute nur noch Busunternehmer, die Rentner quer durch die Republik zu den Bugas fahren.“
Schließlich wurde aber nach dem Motto „wir sind das Volk“ durch eine Bürgerbewegung und durch hervorragende kommunale Pressearbeit die Landespolitik in die Ecke getrieben. Geld für eine Gartenschau sollte es trotzdem nicht geben. Der eigentliche Durchbruch kam mit dem SPD-Parteitag in Hamburg, als Frank-Walter Steinmeier, der seinen Wahlkreis in Brandenburg an der Havel hat, sagte, er kann sich gut vorstellen, in Brandenburg eine Gartenschau zu machen, um diese eigentlich unbekannte Region aufzuwerten.
Stark vereinfacht ausgedrückt: Die Entscheidung ist letztendlich auf einer ganz hohen politischen Ebene erfolgt, und das nur dank der engagierten Arbeit einiger begeisterter und überzeugter Kommunalpolitiker.

Was hat Ihnen bei der Konzeption der Buga Havelregion das meiste Kopfzerbrechen bereitet?

Was uns als Ideengeber und sozusagen „geistige Väter“ sehr beschäftigt hat: In der Vergangenheit wurde für eine Gartenschau normalerweise ein Architektenwettbewerb ausgeschrieben. Bei der Havelregion ist das zum ersten Mal ganz anders gemacht worden: Die DBG wollte mit der Bewerbung der Stadt auch ein Konzept haben.
Mit Karlsruhe, Bochum – die kurzfristig zurückgetreten sind – sowie der Havelregion gab es zunächst drei, letztlich aber nur zwei Bewerbungen. Beim großen Gartenschaukongress in Köln ist dann die Entscheidung bekannt gegeben worden.
Monate später sind berufsständische Organisationen und insbesondere Architekten und Architektenkammern aufgetreten, die kritisierten, das sei Direktvergabe und wir hätten das Wettbewerbssystem ausgehöhlt. Ich halte das trotzdem nach wie vor für optimal, weil so über inhaltliche Konzepte entschieden wird.

Ist das Konzept Gartenschau überhaupt noch zeitgemäß?

Die Bundesgartenschau als strukturelles Instrument ist unverzichtbar. Aber sie muss neue Wege beschreiten, die mit Gera-Ronneburg begonnen wurden, die in der Bodenseeregion faszinierend entwickelt wurden, aber leider gescheitert sind, und wo ich glaube, dass die Havelregion eine Aufbruchsstimmung erzeugen wird.
Städte und Regionen suchen förmlich nach einem Event, weil nur ein konkretes Ziel in einem konkreten Jahr dazu führt, dass Finanzmittel, personelle Mittel und auch Rechtsinstrumentarien auf ein Ziel hin gebündelt werden. Der Bau von Straßen oder Brücken – manchmal über Jahrzehnte unmöglich, weil durch Planfeststellungs- oder Baurechtsfragen keine Entscheidungen getroffen werden – wird durch den Fokus auf ein bestimmtes Jahr erreicht.
Um sich zu positionieren, gibt es für Städte im Grunde vier Möglichkeiten: Olympische Spiele, Welt- oder Europameisterschaften im Fußball oder Sport generell, den Titel Kulturhauptstadt und Gartenschauen. Insofern bin ich fest davon überzeugt, dass das Instrument Gartenschau immer wichtiger wird. Aber: Sie ist in ihrer bisherigen Form ein Relikt von hundert Jahren.
In der deutschen Nachkriegsphase oder der Aufbauphase nach dem Mauerfall war es natürlich richtig, die Städte durch einen Ausstellungspark mit Grün zu versorgen. Heute ist jedoch eine andere Zeit. Wir haben im Grundsatz genug Grün in der Stadt. Was wir brauchen, ist eine neue Art von Grün für die Lebensqualität der Menschen.
Ich will nur ein Beispiel nennen, womit sich Gartenschauen meiner Meinung nach viel stärker beschäftigen müssen: das Thema Friedhofs- und Bestattungskultur. Wir haben in fast allen deutschen Städten einen dramatischen Überhang an Friedhofsflächen, die wir nicht mehr nutzen. Dafür Konzepte zu entwickeln, ist eine völlig neue Herausforderung.

Das komplette Interview mit Prof. Dr. Klaus Neumann zur Buga 2015 Havelregion und der Zukunft von Gartenschauen generell lesen Sie in der TASPO 19/2015, die am 8. Mai erscheint.