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Pflanzenschutz: Vorgaben des Handels unpraktikabel

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Der Handel stellt derzeit einseitig Forderungen nach Selbstverpflichtungen für die Pflanzenproduktion auf, die über das gesetzliche Maß hinausgehen. „Diese oft unnötigen Auflagen widersprechen in Teilen sogar gesetzlichen Vorgaben und sind in der Umsetzung unpraktikabel“, ist Baumschulberater Thomas Wiehler vom Erzeugerring für Hochbaumschulpflanzen Bayern (Bernau) überzeugt.

Pflanzenschutz: Berater Thomas Wiehler empfiehlt Betrieben, Selbstverpflichtungen vor Unterschrift juristisch prüfen zu lassen. Foto: Fotolia

Selbstverpflichtung: Unterschrift erst juristisch prüfen lassen

Er empfiehlt Betrieben, solche Selbstverpflichtungen vor Unterschrift juristisch prüfen zu lassen. Zudem könnten solche Forderungen nicht nur die Pflanzengesundheit, sondern in der Folge auch die Qualität der Pflanzen gefährden. Das kann vom Handel nicht gewollt sein. Denn gerade sein Abnehmer, der Verbraucher, legt großen Wert auf gute Qualität und Gesundheit der Ware.

Gute Gründe für den Handel also, seine Forderungen noch einmal zu überdenken. Denn, so zeigt Wiehler im Folgenden auf: Es gibt durchaus praktikablere Wege, die allen Seiten – auch dem Umweltschutz- und Bienenschutz – gerecht werden.

Pflanzenschutz: Forderungen des Handels berücksichtigen nicht die Praxis

Derzeit versenden einige (große) Handelsbetriebe Fragebögen mit Selbstverpflichtungserklärungen und Unterlassungsaufforderungen an ihre Lieferanten und Produzenten. Damit sollen diese weitreichende, unter Umständen sogar existenzgefährdende und unbefristete Schadensersatzansprüche übernehmen. Zu den Forderungen zählt es neben einem Verzicht auf bestimmte Wirkstoffe wie Neonicotinoide bei der Produktion auch, Auskunft über Zukauf sowie Kulturverfahren zu geben.

Baumschulen und Staudenbetriebe bekennen sich ebenso wie der Handel zur Nachhaltigkeit. Auch der Bienenschutz ist den Anbauern wichtig, weshalb sie bekanntlich beispielsweise Initiativen zur vermehrten Aufpflanzung von Bienennährgehölzen und -stauden unterstützen, Pflanzenschutzgesetz und die Bienenschutzverordnung selbstverständlich einhalten. „Allerdings sieht man über die Gesetzeslage hinausgehende Verpflichtungen für Produzenten kritisch. Einige Anbauer haben den Eindruck, als poliere der Handel sein Image durch plakative sowie populistische Forderungen auf – und dies ohne Rücksicht auf spezielle Gegebenheiten zur ordnungsgemäßen Anzucht von Gehölzen und Stauden“, weiß Wiehler.

Auflagen können ein vernünftiges Resistenzmanagement gefährden

Fraglich sei, welche Ziele der Handel mit seinen zusätzlichen Lieferbedingungen verfolgt. „Im Obst- oder Gemüseanbau führen derartige Zusatzauflagen teils dazu, dass ein vernünftiges Resistenzmanagement ad absurdum geführt wird.“ Zum einen verringere ein Verbot von einzelnen Wirkstoff(grupp)en den Einsatz von Präparaten, in denen verschiedene Wirkstoffe kombiniert sind. Zum anderen könne die Wirkung von guten und zugelassenen Mitteln nachlassen, wenn die verbleibenden zu häufig eingesetzt werden, weil es zu wenig Alternativen gibt. „Statt leichtfertig eine ähnliche Entwicklung in Gehölzen und Stauden herbeizuführen, sollten die Rahmenbedingungen allen Akteuren klar sein“, fordert der Berater und hofft auf weiterführende Gespräche.

„Es bleibt abzuwarten, ob es gelingt, sachliche Gespräche zwischen allen Beteiligten herzustellen, die in Ausnahmeregelungen für Baumschulen und Staudengärtnereien münden. Oder ob der Druck der Abnehmer so groß ist, dass einzelne Anbauer vorschnell Erklärungen unterzeichnen.“ Davor warnt er eindringlich: „Jeder, der eine Selbstverpflichtungserklärung erhält oder eine Haftungsübernahme für nicht exakt definierte Schadensfälle auf unbefristete Zeit übernehmen soll, ist als Produzent gut beraten, wenn er – vor Unterschrift – einen Rechtsanwalt konsultiert und sich wirklich bewusst macht, was er hier unterschreibt. Wer bereits unterschrieben hat, sollte überlegen, seine bereits erteilte Selbstverpflichtung bis auf Weiteres zu widerrufen.“

Preis und Aussehen: Gespaltene Wünsche des  Verbrauchers

Eine deutliche Mehrheit der Verbraucher stellt derzeit weiterhin den Preis in den Vordergrund, gefolgt von äußeren Qualitätsansprüchen. Beim Einkauf handelt er inkonsequent: Der Öko-Landbau in Deutschland liege laut einer aktuellen Studie von Greenpeace gerade einmal „bei sechs Prozent des Lebensmittelmarktes“.

Bei Bäumen, Sträuchern und Stauden bewegt sich der prozentuale Anteil der Nachfrage nach biologisch erzeugten Pflanzen laut Wiehler eher im Promille-Bereich. Vermutlich, weil diese Pflanzen meist nicht direkt der Ernährung dienen. Oberstes Ziel der Baumschulen und Staudengärtner sei es deshalb, den Kundenwünschen entsprechend qualitativ hochwertige, optisch ansprechende und vor allem gesunde Pflanzen zu marktgerechten Preisen anzubieten. „Bei der Anzucht von Bäumen, Sträuchern und Stauden unterschiedlichen Vorgaben einzelner Kunden nachzukommen, ist schwierig“, sagt Wiehler und begründet:

Ein Verzicht auf bestimmte Pflanzenschutzmittel kann zu häufigeren Spritzungen führen ...

... warnt er: „Im Vergleich zu einigen anderen Ländern herrschen beim Pflanzenschutz gerade in Deutschland sehr restriktive Bestimmungen, deren Einhaltung auch kontrolliert wird. Jahrzehntelang haben Umweltverbände die Verringerung der jährlich aufgewendeten Pflanzenschutzmittelmengen gefordert. Die Pflanzenschutzmittel-Hersteller und die Anbauer sind diesem Wunsch nachgekommen, indem effizientere Präparate entwickelt und eingesetzt wurden.“

Wenn nun einzelne Wirkstoffe mit längerer Wirkungsdauer oder effektiverer Wirkung pauschal an den Pranger gestellt würden, bestehe die Gefahr, dass wieder auf kürzer beziehungsweise schlechter wirksame Produkte zurückgegriffen werde, die den gleichen Effekt nur bei mehrfach wiederholtem Einsatz erzielen. „Fraglich ist, ob derart wiederholte Spritzungen mit Altwirkstoffen immer ökologischer sind als einige wenige Spritzungen mit modernen Pflanzenschutzmitteln, bei denen das Gefahrenpotenzial intensiv überprüft wurde?“, stellt der Berater in den Raum.

Einbringen von Schaderregern und -insekten verhindern

Gehölze und Stauden werden in die freie Natur, in Gärten und öffentliches Grün gepflanzt.
Hierbei gelte es, das Einbringen von an den Pflanzen anhaftenden Schaderregern und -insekten in neue Gebiete zu verhindern. Dieser Verantwortung seien sich nicht nur die Baumschuler und Staudengärtner bewusst, die Pflanzen werden auch von den Behörden durch die amtlichen Pflanzenbeschau regelmäßig kontrolliert. „Hierbei geht es nicht nur um möglicherweise nur wenig schädigende Insekten. Besonderes Augenmerk gilt vielmehr auch bestimmten Pilzen, Bakterien, Viren und Phytoplasmen, die durch tierische Schädlinge übertragen werden können“, erläutert Wiehler.
Da der Staat für einzelne Erreger hier eine Null-Toleranz vorgebe, sehen sich die Gärtner verpflichtet, derartige Schädlinge und Erreger rechtzeitig, konsequent, effektiv und damit nachhaltig zu bekämpfen. Pflanzenschutzmaßnahmen werden aufgezeichnet, von Dritten kontrolliert, auch über eine Buchprüfung, regelmäßige Kontrollen der Spritzentechnik sowie der Pflanzenschutzmittelvorräte.

Es bedarf während der gesamten Anzuchtphase Pflanzenschutz-maßnahmen ...

... um den gesetzlichen Vorgaben aus Pflanzenschutzgesetz, Pflanzenbeschauverordnung und Anbaumaterialverordnung nachzukommen.

Hierzu holten sich viele Betriebe in Deutschland Hilfe von unabhängigen, neutralen Beratungsinstitutionen ein. „Der integrierte Pflanzenschutz gibt beim Einsatz von chemischen Pestiziden vor, Wirkstoffgruppen zu wechseln, um einer Resistenzbildung der Schädlinge und Schaderreger vorzubeugen. Deshalb und aufgrund unterschiedlicher Verträglichkeit bei der Vielzahl der angebauten Arten und Sorten in Baumschulen und Staudengärtnereien sind viele Wirkstoffgruppen unabdingbar“, so der Experte.

Umfangreicher und konsequenter Pflanzenschutz ist (nicht nur) im Baumschulbereich unerlässlich ...

... erläutert Wiehler: Im Rahmen der Klimaveränderungen und der Globalisierung sei seit einigen Jahren eine zunehmende Zahl invasiv auftretender Schadorganismen festzustellen. Diese könnten auch auf im Freiland angebaute Baumschul- und Staudenpflanzen einwirken. Die Bekämpfung wer-de aber immer schwieriger, weil die Zulassung von Pflanzenschutzmitteln ohnehin immer strenger gehandhabt wird. Künftig seien eher weitere Einschränkungen zu erwarten, die nur durch Substitution neuer, wirtschaftlich und fachlich vertretbarer Wirkstoffe ausgeglichen werden kann.

Baumschulen und Staudengärtner sind mehr als andere auf diezugelassenen Pflanzenschutzmittel angewiesen ...

... „und benötigen hier eine entsprechend breite Auswahl“, so Wiehler: Denn das Gesamtsortiment der deutschen Baumschul- und Staudenbranche umfasst über 300.000 Artikel – aus rund 25.000 Gehölzarten und -sorten sowie 15.000 Stauden in unterschiedlichen Größen und Anzuchtformen. „Für die Pflanzenschutzmittelindustrie ergeben sich aufgrund der dargestellten Vielfalt kaum lukrative Absatzmöglichkeiten“, so der Baumschulberater.

Daher gebe es auch nur sehr wenige Pflanzenschutzmittel, die ausdrücklich für Baumschulen und/oder Stauden zugelassen sind. Dies läge einerseits an der kostenintensiven Pflanzenschutzmittel-Zulassung und andererseits an dem bundesweit betrachtet geringfügigen Umfang (Hektarzahl), in dem diese Pflanzen kultiviert werden. Hinzu kommt laut Wiehler die Tatsache, dass der Zulassung vorausgehende Verträglichkeitsversuche für jede einzelne Kultur aufwendig und teuer sind. „Anbauer müssen hier häufig eigene – teils sortenspezifische – Erfahrungen sammeln.“

Systemisch wirksame Präparate, zu denen beispielsweise auch die Neonicotinoide gehören, sind wichtig ...

... gerade zur Bekämpfung von versteckt beziehungsweise in den Pflanzen lebenden Schaderregern oder bei sehr dichten Beständen. Hier haben laut Wiehler das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und auch Greenpeace ihre Aussagen zur Bienentoxizität relativiert. Das BMEL habe beispielsweise bekannt gegeben, dass Neonicotinoide nicht alleinige Ursache für das Bienensterben seien.

Auch, wenn die Ursache für den Rückgang von Bienenpopulationen bis heute nicht eindeutig geklärt ist, hat die EU vorsorglich die Zulassung bei den Neonicotinoiden neu geregelt. Auch der deutsche Gesetzgeber hat auf die Bedenken reagiert und die Anwendung  von einigen der wenigen zugelassenen Präparaten mit entsprechenden Zusatzauflagen reglementiert – wie „kein Einsatz vor und/oder während der Blüte“. Selbst unter den Neonicotinoiden gibt es laut Wiehler jedoch auch weiterhin Pflanzenschutzmittel, die derzeit als nicht bienengefährlich (B4) eingestuft sind.

„Eine pauschale Diffamierung der ganzen Wirkstoffgruppe ist auch deshalb unzulässig, weil dies künftige Entwicklungen mit möglicherweise weiter optimierter Bienenverträglichkeit verhindern würde.“ Aufgrund der Zulassungsänderungen sei anzunehmen, dass die Bienenproblematik nicht nur jetzt ausreichend berücksichtigt wurde, sondern dies auch künftig der Fall sein wird.

Die Verteufelung und das Verbot gleich „aller für Bienen schädlichen Wirkstoffe“ ...

... wie es derzeit einigen der an die Produzenten gerichtete Schreiben zu entnehmen ist, gehen laut Wiehler weit über die Bienenschutzverordnung hinaus und schränken den Pflanzenschutz erheblich ein. Dabei werde völlig außer Acht gelassen, dass es auch bienengefährliche Mittel gibt, die bei der Anwendung nach dem Ende des täglichen Bienenfluges nicht bienengefährlich sind (B2). Weiter nicht berücksichtigt würden Präparate, die aufgrund der durch die Zulassung festgelegten Anwendung Bienen nicht gefährden (B3).

Fazit: Handel versucht einseitige Interessen durchzudrücken

Im Kern geht es dem Handel weniger um Glyphosat, Neonicotinoide oder sonstige, künftig möglicherweise in die Kritik kommende Pflanzenschutzmittel, ist Wiehlers Meinung. Vielmehr versuchten einige (große) Handelsunternehmen, unter dem Deckmantel „Branchendialog Pflanzenschutz“ einseitig ihre Eigeninteressen durchzusetzen. Kannte man dies – zumeist aus anderen Branchen – mittels Zertifikaten, sind es aktuell zusätzliche Vorgaben für die Produktion, so der Berater.

„Alle derartigen Sonderwünsche seitens der Abnehmer stellen für Anbauer einen Mehraufwand dar, der mit Kosten verbunden ist und keinen ersichtlichen Mehrwert bietet. Diesen streicht wenn, dann der Handel ein, indem er mit makellos produzierter Ware wirbt. Dieser Imagegewinn kann zu einen gewissen Spielraum bei der Preisgestaltung dem Endkunden gegenüber führen. Für die Produktion bergen die Auflagen vielmehr Risiken bezüglich der Pflanzengesundheit, sind kontraproduktiv und stehen weder im Einklang mit gesetzlichen Vorgaben noch mit den Kundenwünschen nach attraktiven, gesunden Pflanzen zu marktakzeptablen Preisen.“

Fragebögen mit Selbstverpflichtungserklärungen, mit denen die Produzenten Schadensersatzansprüche übernehmen sollen, werden dem Themenkomplex „Nachhaltiger Bienenschutz“ deshalb nicht gerecht, so der Berater.

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