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Polnische Saisonarbeitskräfte kehren Deutschland den Rücken

Nicht allein die bekannten bürokratischen Hemmnisse machen es den deutschen Obst- und Gemüseproduzenten schwieriger als früher, ausreichend Saisonarbeitskräfte zu finden: Deutschland ist für viele Bürger aus Polen nicht mehr das Land der Wahl. Sie ziehen dorthin, wo höhere (Mindest-)Löhne gezahlt werden. Die Folge: Immer öfter werden Verträge nicht angenommen, und die Zahl der Stornierungen steigt. Seit 2005 seien die Ersatzvermittlungen bei weitem nicht im gleichen Volumen wie die Stornierungen gestiegen. Julia Dixon, Teamleiterin bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV, Bonn), sprach dies beim Hessischen Gemüsebautag an. In die Veranstaltung am 4. Dezember im südhessischen Gernsheim war eine von der Beschäftigungsgesellschaft für ländliche Räume (BLR) organisierte Info-Veranstaltung "Saison-AK 2008" integriert. Seit dem Jahr 2005 kommt es in relativ großem Umfang vor, dass ausländische Saisonarbeitskräfte vorliegende Verträge stornieren. Damals - so die von Julia Dixon genannte Zahl - betraf dies 43570 Verträge. Im Jahr 2006 war die Zahl der Stornierungen um 49 Prozent auf 64593 Fälle gestiegen. Im laufenden Jahr 2007 wurde ein weiterer Anstieg der Stornierungen um 31 Prozent auf 74907 Fälle registriert. Nachdem 2004 in der deutschen Landwirtschaft mehr ausländische Saisonarbeitskräfte denn je - nämlich 324034 - tätig waren, wurden in 2007 bis Ende November noch 287111 Saisonarbeitsverhältnisse registriert. Die ZAV schätzt die Zahl fürs gesamte Jahr 2007 daher nun auf etwas mehr als 292000. Das weitaus größte Kontingent - nämlich etwa 80 Prozent - stammt nach wie vor aus Polen. Daneben kommen - mit steigender Tendenz - rumänische Staatsangehörige als landwirtschaftliche Saisonarbeitskräfte nach Deutschland. Die zuletzt recht gute wirtschaftliche Entwicklung in Polen ließ das Interesse an einer Saisonbeschäftigung in Deutschland ebenso sinken wie die Arbeitsbedingungen anderer westlicher Länder. Dort sind zum einen die Arbeitsmärkte mittlerweile offener als in Deutschland. Zum anderen locken aber höhere Löhne. So hat Frankreich einen Mindestlohn von deutlich über acht Euro und in Großbritannien ebenso wie in den Niederlanden sind es knapp unter acht Euro.

In Deutschland basiert die Entlohnung der Saisonarbeitskräfte oft auf der Pflückleistung. Besonders gute Pflücker erreichen dabei durchaus für sie mehr als zufriedenstellende Verdienste. In anderen Fällen bleibt der Lohn aber halt unterhalb dessen, was in den oben genannten Ländern längst als Mindestlohn gezahlt wird. Zugleich steigen die Verdienstmöglichkeiten in Polen selbst. Polen rekrutiert nach Angabe von Julia Dixon für wenig qualifizierte Beschäftigungsverhältnisse zunehmend Personen aus Ländern wie der Ukraine. Die ZAV-Teamleiterin erwähnte auch einige Aspekte, die im Sommer bei einem Arbeitstreffen zum Thema "Europaweiter Wettbewerb um Saisonkräfte" angesprochen wurden. Die Veranstaltung hatte unter Beteiligung branchenspezifischer Arbeitgeberverbände - darunter dem Zentralverband Gartenbau - stattgefunden. So lautete eine der Empfehlungen, die Arbeitsverträge für Saisonbeschäftigte nicht an Mindestkonditionen auszurichten. Die tatsächlich zu erwartenden Beschäftigungszeiten und Verdienstmöglichkeiten wären im Arbeitsvertrag transparent zu machen. Generell seien die potenziellen Interessenten besser als bisher über die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland - insbesondere die Akkordlohnkonditionen - zu informieren. "Weiche Standortfaktoren" dürften auch bei saisonalen Beschäftigungsverhältnissen keinesfalls unterschätzt werden: "Dafür sorgen, dass die Leute zufrieden sind!" Eine gute Unterkunft zu bieten, sei hierbei ein besonders wichtiger Faktor. Auch gemeinsame Freizeitangebote - Beispiel: Grillabend - gehören dazu. Unter Umständen wäre anzuraten, Reisekosten zu übernehmen oder mindestens zu bezuschussen.

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