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Post-Corona-Zeit: Verbraucher-Verhalten als Chancen nutzen

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Bereits vor Corona hatte die Nachfrage nach Blumen und Pflanzen angezogen – ein Trend, der durch die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen stark beschleunigt wurde. Was aber wird bleiben, wenn sich die Zeiten wieder normalisieren, und welche Maßnahmen muss die Grüne Branche ergreifen, um den Pflanzenhype nicht ganz abreißen zu lassen? Marketingberater Norbert Elgner schildert verschiedene Szenarien für den Grünen Fachhandel.

Balkon- und Terrassenpflanzen sind in Corona-Zeiten mehr denn je gefragt. Gleichzeitig hat sich die Pandemie als Treiber für den Absatz von dekorativen Grünpflanzen sowie Kräuter- oder Gemüsepflanzen für den Eigenanbau erwiesen. Fotos: Norbert Elgner

Pflanzenhandel erlebte durch Corona regelrechten Hype

Noch hat uns die Pandemie fest im Griff. Aber sie rückt näher, die Zeit danach. Schon jetzt ist klar, sie wird ihre Spuren in vielfältiger Weise hinterlassen. Besonders hart traf es Menschen, die schwer erkrankten, sogar verstarben. Viele Selbstständige mussten aufgeben, etliche Beschäftigte stehen am Ende der Pandemie vor ihrem beruflichen Scherbenhaufen. Die Liste der Betroffenen ist lang. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Gesamtlage des Grünen Einzelhandels geradezu als eine „Insel der Verschonten“ dar. Vor allem der Pflanzenhandel erlebte in der Pandemie einen Hype, der so von niemandem in der Branche erwartet werden konnte. Was hierzulande vom Gartenbau und von Baumschulen produziert wurde, fand seine Abnehmer, ja, reichte oft nicht, um die Nachfrage zu decken. Im Grunde nicht verwunderlich. Denn wenn nichts mehr geht, weder Reisen, noch Besuche von Veranstaltungen, zudem noch Kontaktsperren verordnet werden, von entspanntem Shoppen ganz zu schweigen, nur noch das Nötigste zum Leben eingekauft werden kann, gewinnen freilich andere Werte an Bedeutung.

In Anbetracht der bislang nach dem Zweiten Weltkrieg noch nie dagewesenen Lebensumstände bekamen Blumen und Pflanzen eine neue Wertigkeit. Und dies bezogen sowohl auf den Indoor- als auch auf den Outdoor-Bereich. Liegt es an der Rückbesinnung auf Zusammenhänge, wie sie die Natur vorgibt, auf die inspirative Kraft schöner Blüten, Blattstrukturen oder Düfte? Das Streben nach einer funktionierenden Natur sowie die Erhaltung der Artenvielfalt? Werte, die sonst in der überbordenden Hektik des Alltags vor Corona weniger Beachtung fanden. Für viele Menschen wurde es in Zeiten von Corona wichtig, ihren noch verbleibenden Lebensmittelpunkt zu Hause, mit der Familie, ein Stück weit lebenswerter zu gestalten. Es galt, einen Hort des Wohlfühlens zu schaffen, um besser durch die Pandemie zu kommen, mit all ihren negativen Begleiterscheinungen. In dieser Situation rückt das Gärtnern, wo immer möglich, zunehmend in den Fokus. Man gewinnt als Beobachter der Einkaufsszenerie im Grünen Fachhandel nahezu den Eindruck, als gäbe es im Moment achtzig Millionen Hobbygärtner in Deutschland. Es darf durchaus von einem Run auf Pflanzen für Garten, Balkon und Terrasse gesprochen werden. Auch Zimmerpflanzen, speziell Grünpflanzen zur Raumverschönerung und -gestaltung, haben Konjunktur. Insidern war bekannt, dass bereits vor Corona die Nachfrage nach Grün drinnen und draußen anzog. Die Pandemie mit ihren Einschränkungen erwies sich aber geradezu als gewaltiger Beschleuniger des Trends.

Soweit so gut. Was aber wird bleiben, wenn sich die Zeiten wieder normalisieren? Wenn alles wieder öffnet, Urlaubsreisen möglich sind, die Freizeit in all ihrer Vielfältigkeit zu nutzen ist und die Hektik der Vor-Corona-Zeit wieder Einzug hält? Welche Anstrengungen muss die Grüne Branche ergreifen um den Pflanzenhype nicht ganz abreißen zu lassen? Welche Strategien sind in der Öffentlichkeitsarbeit notwendig, um vor allem Neukunden, sprich Garteneinsteiger bei der Stange zu halten? Ihnen weiterhin Appetit auf Blumen und Pflanzen zu machen? Wir nicht wieder eine Diskussion über die Inwertsetzung von unseren Produkten beginnen müssen, sondern dass uns die Produkte die wir produzieren sozusagen aus den Händen gerissen werden? Es gilt, sich Gedanken über effiziente Maßnahmen zu machen, wie sich das starke Interesse, ja, die Begeisterung für Grün, induziert durch die besondere Situation während der Corona-Pandemie, auf die hoffentlich bald beginnenden, normalen Zeiten übertragen lassen. Dieses Feuer weiter am Lodern zu halten, nicht wieder verglimmen zu lassen, stellt sich für die Grüne Branche als eine explizite Herausforderung für die Zukunft dar.

Hobbygärtner suchen fachmännischen Rat

Zur Unterstützung dieses Megatrends kommt es für Händler darauf an, sich vom Bedarfsdecker zum Problemlöser zu entwickeln. Gemeint ist, dem hilfesuchenden Kunden mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Viele junge Familien suchen fachmännischen Rat, um ihr neues Gartenhobby mit Erfolg zu betreiben. Voraussetzung ist, überhaupt an ein Gartengrundstück zu kommen, denn die derzeitige Nachfrage übersteigt bei Weitem das Angebot. Wäre da nicht der permanente Zeitdruck, unter dem „grüne“ Profis stehen, könnte es durchaus eine Option sein, an den Volkshochschulen Gartenkurse für Interessenten anzubieten, die von den Grundlagen des Gärtnerns bis zu den speziellen Trendthemen wie Gemüseanbau zur Selbstversorgung, Beeren- und Zwergobsthaltung, Kräutergärtnerei und ausgangs des Winters natürlich auch dem Obstbaumschnitt reichen. Nicht zu vergessen sind wichtige Themen des ökologischen Anbaus und Gärtnerns mit Maßnahmen des integrierten Pflanzenschutzes, der Bedeutung von Regionalität, regionale Bedarfsdeckung, Klimaschutz beim Gärtnern, wie Plastikvermeidung, Verwendung von organischen Düngern oder torffreien Erden. Alles brisante, aktuelle Themen, die nicht überdreht, sondern glaubwürdig und authentisch kommuniziert werden müssen. Ein weites Feld, das Gartenprofis nicht irgendwelchen Heilsbringern mit zum Teil obskuren Ansichten überlassen sollten, wie sie nicht selten in Beiträgen im Netz beschrieben werden. Klar ist, wer unternehmerseits Maßnahmen für mehr umweltgerechtes Handeln ergreift, sollte, nein muss sie auch entsprechend offensiv kommunizieren. Sie bringen Sympathien und wirken sich positiv auf die Corporate Identity (CI) der Firma aus.

Megathemen Selbstversorgung und Naturbewusstsein

Freilich ist „Selbstversorgung“ ein etwas überspitzter Anspruch, denn mit zwei oder drei Erdbeerpflanzen, einem Zwergapfelbäumchen und ein paar Kräutern oder gar einem Kübel gepflanzter Kartoffeln ist noch keine wirkliche Selbstversorgung machbar. Jedoch wird von Hobbygärtnern derzeit alles gekauft, was irgendwie verwertbar ist, sprich in der Küche hilft, Speisen zu verfeinern oder gar neue zu kreieren. Ganz abgesehen von dem besonderen Genuss, direkt von der Pflanze leckere Früchte zu naschen. Einen weiteren Anschub erhält das Thema mit dem Trend zu Outdoor-Küchen, voll ausgestattet mit komfortablen Grillgeräten. Perfekt, wenn das Grillgut gleich noch die besondere Note erhält mit Zutaten wie Tomaten, Paprika, Chilis sowie diversen Grillkräutern, frisch geerntet im Handumdrehen vom eigenen Naschgarten. Geschenkt, wenn dabei beim Grillmeister auch noch ein bisschen Stolz mitschwingt.

Ein Großteil des derzeitigen Trends zum Gärtnern lässt sich nicht zuletzt auf ein gesteigertes Naturbewusstsein zurückführen. Natur erleben, draußen, in Wald und Flur, ist das eine. Die eigene Beschäftigung mit der Natur, etwas wachsen und gedeihen zu sehen, sich um Pflanzen zu kümmern, das andere. Beide Aspekte mit gesteigerter Ausprägung zahlen mit ein auf den derzeitigen Pflanzenhype, der bereits durch den „Greta-Effekt“ und jetzt noch durch Corona und seine Einschränkungen weiter befeuert wurde und wird. Entwicklungen, die sich nicht nur als Bauchgefühl abtun lassen, sondern für jedermann greifbare Realität werden und ganze Sortimente in unseren Gartencentern und Gärtnereien revolutionieren, erneuern, ergänzen. Darunter fallen Themen wie Insektenschutz, Bienenfreundlichkeit oder Schaffung von Refugien zur Erhaltung der Artenvielfalt. Sie lassen sich selbst auf kleinen Arealen im Garten sowie auf Balkon oder Terrasse sehr gut praktizieren. Schlussendlich geht es darum, die eigene Freiluftoase als Sehnsuchtsort zu verstehen, als Gegenpol zum hektischen Alltag, der stets volle Konzentration voraussetzt. Hier, umgeben von Lieblingsblumen und schönen Pflanzen, ist Gelegenheit, die Gedanken schweifen, sprich die Seele für eine Weile baumeln zu lassen. Entspannung pur, Medizin bekömmlich und chemiefrei gegen den Alltagsstress und sogar das Burn-Out-Syndrom.

Auch Indoor-Pflanzen vom Hype erfasst

Parallel zum Pflanzenboom draußen, entwickelt sich Gleiches auch für den Indoor-Bereich. Zimmerpflanzen sind wieder en vogue. Das konnte auch schon vor Corona beobachtet werden, erlebt jetzt durch Corona nochmals einen zusätzlichen Höhenflug. Beispiel: Zu den angesagtesten Grünpflanzen zählt momentan Monstera deliciosa, das Fensterblatt. Händler sprechen von einem regelrechten Run auf den exotischen Blattgigant, der nicht nur Konsumenten inspiriert, sondern auch Designern als Vorlage für ihre Werkstücke dient. Ein echtes Juwel, das schon zu Großmutters Zeiten in Innenräumen einen Stammplatz hatte und nun von den Generationen X und Y wiederentdeckt wurde. Nicht ausgeschlossen, dass demnächst auch wieder die unkaputtbare Schusterpalme (Aspedistra elatior) ihr Comeback feiern kann, richtig in Szene gesetzt und verbunden mit der ein oder anderen passenden Story.

Lange Jahre versuchte die Grüne Branche, Verbraucher mit dem Thema „Prima Klima – Pflanzen adsorbieren Schadstoffe aus der Raumluft“ zu überzeugen. Alleine es fehlte an der durchschlagenden Akzeptanz. Dagegen brachte die Pandemie den Hype um Indoor-Pflanzen in Schwung. Überraschung? Keineswegs, denn wer mehr zuhause bleiben muss, vielfach sich sogar im Homeschooling oder Homeoffice befindet, verspürt Lust, sein Wohnumfeld mit Pflanzen zu verschönern. Bereits beim morgendlichen Öffnen des Rollladens versprüht eine blühende Orchidee, Kalanchoe oder Begonie am Fenster pure Emotion. Es sind Stimmungsaufheller, die generell, aber besonders in außergewöhnlichen Pandemiezeiten zusammen mit den grünen Gesellen unverzichtbar werden. So belegt eine Studie von Forschern um Katia Perini an der Universität von Genua, dass Menschen die sich in Corona-Zeiten fünf bis sechs Wochen zu Hause aufhalten mussten, besser mit der Situation zurechtkamen, wenn sie Grünpflanzen in der Wohnung hatten, als jene ohne Pflanzen. Letztere klagten laut der Studie eher über negative Empfindungen.

Fazit

Die Corona-Pandemie mit all ihren Einschränkungen zeigt deutlich, wie wichtig für die Menschen, besonders in schweren Zeiten, Blumen und Pflanzen sind. Sie wirken als Stimmungsaufheller und lassen uns die außergewöhnlichen Lebensumstände ein Stück weit leichter ertragen. Sie als Luxusprodukte zu bezeichnen wäre absolut deplatziert – im Gegenteil, viele „Otto Normalverbraucher“ schöpfen beim Umgang mit Blumen und Pflanze neue Energie, den Alltag besser zu meistern, da und dort sogar dem Burn-Out-Syndrom erfolgreich zu begegnen. Mit Verlaub, Corona ließ die Grüne Branche in Verbindung mit ihrer Privilegierung zu einem der Gewinner werden. Für viele unvorhersehbar, im Nachhinein aber erklärbar. Tatsache ist, dass für etliche Trends die Pandemie als Katalysator wirkte, etwa den Online-Handel auch in unserer Branche zu einem nicht mehr wegzudenkenden, ja unbedingt weiterzuentwickelnden Faktor werden ließ. Die Frage stellt sich, wie wird sich für die Branche die derzeitige Hochphase weiter darstellen, wenn möglichst bald und nicht nur in Deutschland Covid-19 eingedämmt ist und das „normale“ Leben wieder pulsiert? Kommt es zu einem Post-Corona-Boom mit weiterhin hoher Nachfrage nach Grün, nach essbaren oder bienenfreundlichen Pflanzen? Wird der Pflanzenhype zum Selbstläufer, der in unserer Branche die oft angeprangerte Überproduktion vergessen macht? Werden Werbemaßnahmen weiter auf Sparflamme gehalten werden können, weil auch so die Nachfrage produktionsseitig gar nicht gedeckt werden kann? Wird der Fachhandel weiterhin adäquat an der positiven Nachfrage-Entwicklung partizipieren oder muss er Federn lassen, weil der gesamte Handel nach der Pandemie wieder voll am Start ist? Ja, vielleicht sogar seine Aktivitäten in Richtung Blumen- und Pflanzenvermarktung intensiviert? Denn wachsende Marktpotenziale machen die organisierten Goliaths erst richtig hungrig. Wie und mit welchen Instrumenten kann der Fachhandel das hohe, zeitweise sogar überhitzte Nachfrageniveau in Gang halten? Szenarien dazu wurden hier angesprochen. Die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Blumen und Pflanzen im eigenen Umfeld für viele Menschen sind. Sie erfuhren eine neue Wertschätzung, die uns optimistisch in die Zukunft blicken lässt.

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