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Streiks an deutschen Hochschulen - Studiengebühren und straffe Lehrpläne machen den Studierenden zu schaffen

Seit Mitte November ist der Lehrbetrieb in mancher Fachhochschule und mancher Universität eingeschränkt. Studenten besetzen Hörsäle und stellen Forderungen auf, was sich wie ändern muss an deutschen Hochschulen. Dabei variieren die Wünsche der Studierenden von Ort zu Ort, einig sind sie sich aber in den folgenden drei Punkten. 1. Studiengebühren: Da geht es zum einen um die Bezahlbarkeit des Studiums. Wer kann studieren, wer bekommt BAföG, und welcher Studienstandort fordert Studiengebühren? Denn seit 2007gibt es in sechs von 16 Bundesländern Studiengebühren und Studienbeiträge, die zwischen 300 und 500 Euro im Semester liegen (siehe untenstehender Artikel). Die Studenten fordern hier die Abschaffung der Studiengebühren und ein elternunabhängiges BAföG (Berufsausbildungsförderungsgesetz) ohne Alters- und Semesterbegrenzung und ohne Rückzahlungspflicht. Zurzeit wird BAföG für Studierende an Hochschulen, höheren Fachschulen und Akademien zur Hälfte als Staatsdarlehen gewährt, was anschließend zurückgezahlt werden muss. Schüler-BAföG dagegen wird immer als Vollzuschuss gewährt. An den Studiengebühren können die Hochschulen selbst nichts ändern, denn dies sind Vorgaben der Länder. An der FH Osnabrück wurden aber immerhin diese Gelder dazu verwendet, um beispielsweise den 250 Quadratmeter großen Raum "Lern- und Planerlandschaft" für die Studierenden der Landschaftsarchitektur einzurichten, den gesamten Campus medial zum Beispiel mit den notwendigen Beamern auszustatten oder Lehrkräfte für Englisch und Kommunikaton einzustellen. Allerdings fließen die Mittel nicht an allen Hochschulen so zielgerichtet in den Lehrbetrieb ein. 2. Lehr- und Lernbedingungen: Viele Studenten betrachten zwar das Ziel, das mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master erreicht werden sollte - nämlich die Vergleichbarkeit der verschiedenen Studiensysteme in Europa und damit das problemlose Wechseln von einer Lehreinrichtung auf die nächste - als positiv, sehen sich jedoch nicht in der Lage, den Sprung zum Studium ins Ausland so einfach zu bewerkstelligen. Zu straff und eng ist häufig das Lehrprogramm an der eigenen Fachhochschule oder Uni und zu wenig vergleichbar mit Angeboten im Ausland, was es aufwändig macht, die Anerkennung von Studienscheinen aus dem Ausland zu erhalten. Beklagt werden außerdem überfüllte Vorlesungsräume, eine zu geringe Dichte an Lehrpersonal und die Unterfinanzierung der Hochschulen ganz generell - Problemfelder, die die meisten Hochschulen genauso kritisch sehen wie die Strei- kenden.

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) bemerkt dazu, dass zwar der Anteil der Hoch- und Fachhochschulabsolventen je Jahrgang in Deutschland von 14 Prozent (1995) auf 23 Prozent (2007) gestiegen ist. Im OECD-Schnitt stieg er aber im selben Zeitraum von 18 auf 36 Prozent. Gleichzeitig sank die Zahl der Studienanfänger in Deutschland im Jahr 2007 auf 34 Prozent. Nach der Türkei, Belgien und Mexiko ist das der geringste Wert in der OECD. Im OECD-Mittel liegt die Studienanfängerquote an Hoch- und Fachhochschulen bei 56 Prozent. 2008 stieg in Deutschland die Studienanfängerquote allerdings wieder auf 36 Prozent. So haben noch nie so viele junge Menschen in Deutschland ein Studium begonnen wie im vergangenen Jahr. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes stieg die Zahl der Erstsemester 2008 auf insgesamt 396.500 in Deutschland - das sind zehn Prozent mehr als im Vorjahr. 3. Grundlegende Veränderungen: Eine der wichtigsten Forderungen der Studenten sieht eine grundsätzliche Mas-ter-Garantie für alle Bachelor-Studierenden vor, das heißt, jeder Bachelorabsolvent kann ein Master-Studium anschließen. Das ist im Moment nicht so, denn das Aufsatteln eines Masterstudiums auf den Bachelor ist nur für eine begrenzte Zahl an Studenten möglich. Viola Herrmann, Mitarbeiterin am Institut für Hochschulforschung (HoF) in Halle, hat sich alle Bundesländer angeschaut und kommt zum Schluss: Kein Landesministerium schreibt eine offizielle Quote vor, legt also fest, wie viele Bachelor-Absolventen in ein Master-Studium wechseln dürfen. Vor Ort sei der Übergang keine Frage starr verordneter Quoten. Es gehe um Auswahlverfahren, Kapazitäten und vor allem um knappes Geld und Personal, das zwischen dem grundständigen Bachelor-Studium und dem aufbauenden Master aufgeteilt werden müsse. Die Kalkulationen aber beruhen auf der Grundannahme der Reform, dass der Bachelor der neue Regelabschluss wird.

Etwas 20 Prozent der Bachelor-Absolventen sind das beispielsweise in Osnabrück, sagt Andreas Bertram, Dekan und Vizepräsident Studium und Lehre an der Fachhochschule Osnabrück, die per Auswahl über Numerus clausus die weitere Qualifikation in Form des Masters aufsetzen dürfen. Bundesweit liegt der Wert seiner Meinung nach etwas höher. Da aber in der Regel ein "überdurchschnittlicher" Abschluss als Zugangsvoraussetzung gilt, grenze man automatisch mindestens 50 Prozent der Studierenden von einem weiterbildenden Master-Studiengang aus. "Dies ist sicher sehr kritisch" und "kein Ziel des Bologna-Prozesses", wie er betont. Für ihn erwächst der Stress, den viel Studenten verspüren, aus der mit der Einführung von Bachelor und Master in Deutschland einhergehenden Studienreform, die die Vorgabe international vergleichbarer Abschlüsse gleich mit der Verkürzung der Studienzeiten verband. Das führte dazu, dass die Kultusministerkonferenz eine Regelstudienzeit von zehn Semestern für Bachelor und Master festlegte und damit den Rahmen schon sehr straff zog. Bertram steht zwar, wie er sagt, voll hinter den ursprünglichen Zielen des Bologna-Prozesses, aber nicht hinter einer erzwungenen Verkürzung der Studiendauer.

Hier haben aber die Hochschulen nach Meinung von Bertram Spielräume. So diskutiere man in Osnabrück den sogannten "Bachelor plus", der es Studierenden erleichtern soll, zwei Individualsemester in ihr Studium zu integrieren. Diese können bei Bedarf genutzt werden, um Prüfungsrückstände aufzuarbeiten, ein Praktikum zu absolvieren oder einen Auslandsaufenthalt durchzuführen. Während eines Individualsemesters soll der Studierende beurlaubt und durch die Hochschule organisatorisch unterstützt werden. "Hier können die Hochschulen fördernd eingreifen und durch solche Programme deutlich machen, dass Flexibilität und Auslandbesuch gewünscht sind und gefördert werden", ist Bertram überzeugt.

Denkbar sei auch, so genannte "Mobilitätsfenster" einzuführen, beispielsweise im fünften Semester des gartenbaulichen Bachelors. Etwa durch die generelle Anerkennung der Wahlpflichtfächer eines vergleichbaren Studiums im Ausland müsste der Studierende sich nicht jedes einzelne Fach anerkennen lassen, was ihm das Auslandsstudium erleichtern würde. "Diese Freiräume können wir definieren und so Spielräume für die Studenten schaffen", sagt Bertram.