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Waldschäden und Klimawandel: „Unsere Konzepte von gestern stimmen nicht mehr“

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Die Deutschen Wälder befinden sich aktuell in einer dramatischen Lage. Es wird gar vom Waldsterben gesprochen. Die anhaltende Trockenheit im Zuge des Klimawandels setzt dem Wald immer mehr zu. Großflächige Waldbrände zerstören oftmals Hektargroße Flächen. Fachverbände fordern ein schnelles Handeln, worauf die Politik mit Fördertöpfen reagiert. Alain Paul, Geschäftsführer und Sprecher des Vorstandes im Verband Deutscher Forstbaumschulen (VDF) erklärt im Interview mit TASPO das heutige Waldsterben.

Die Lage in den deutschen Wäldern nimmt dramatische Ausmaße an. Foto: Gabriele Friedrich

Aus den internationalen Nachrichten hören wir, dass in ganz Europa die Waldgebiete massiv unter den Auswirkungen der Trockenheit leiden. Sie waren aktuell auf Reisen, welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Aus dem Elsass, dem Böhmerwald, dem Hunsrück, Harz und dem Sauerland, dem Saarland sowie aus der Ukraine kenne ich Berichte oder habe es selbst erlebt: Überall sieht man in den Beständen sterbende Bäume oder ganze Abteilungen brechen weg, mehr als sonst. Generell fällt nun die Fichte auch flächig aus, diese Baumart leidet am meisten. Aber es gibt auch Ausfälle bei Eichen, Buchen, erstaunlicherweise auch bei Douglasien im Südwesten Deutschlands.

Aktuell zu hören sind Vorschläge wie: Eiche statt Buche, Weißtanne statt Fichte und immer wieder die Douglasie. Können Sie zustimmen?

Ich muss widersprechen. Unsere Konzepte von gestern stimmen nicht mehr. Die waldbauliche Ausrichtung und die standortökologische Kartierung sagen aus, wie viel Wasser und Nährstoffe an welchem Standort zur Verfügung stehen, Geologie und Wasserrhythmus geben an, welche Baumarten passen. Die alten Konzepte fliegen uns derzeit um die Ohren, weil das Wetter völlig unberechenbar geworden ist. Eine Baumart durch die andere einfach austauschen, funktioniert nicht mehr. In den 80er- und 90er-Jahren hat man bereits begonnen, den Wald massiv umzubauen in Mischbestände mit Mehrstufigkeit, in Richtung Naturnähe. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen.

Hinzu kommen noch zahlreiche Sturmschäden und aktuell die Waldbrände.

Wir haben mehrere Stufen der Schädigung: Trockenheit verursacht eine geringere Vitalität, es folgt der Käfer, engstehende Bestände sind dann zusätzlich feuergefährdet. Außerdem haben wir Neopathogene, neue Krankheiten und Pilze, die früher klimatisch ausgegrenzt waren. Alle europäischen Länder haben damit ihre Sorgen.

Forstexperten sagen, dass die aktuelle Situation in Deutschland sehr viel schlimmer ist als das Waldsterben in den 80er-Jahren?

Eine Gefahr besteht tatsächlich: Damals konnte man gegen den Sauren Regen direkt und lokal etwas tun. Es waren exponierte Lagen der Mittelgebirge, im Harz oder Erzgebirge, von oben nach unten betroffen, weil oben die sauren Einträge am intensivsten waren. Regional konnten hier Schwefelemissionen rasch mit Filtern reduziert werden. Wenn aber jetzt ganz Europa von einer fest liegenden, andauernden trockenen Witterung betroffen ist, dann ist das eine globale Veränderung, und gegen diese lässt sich hier mit Einzelmaßnahmen nichts ausrichten.

Welche Auswirkungen können die Forstbaumschulen bereits spüren in Bezug auf die Kulturen?

Sie haben seit zwei Jahren extrem hohe Mehrkosten gehabt durch das Bewässern. Ohne Zisternen und Brunnen und einem Recht zu bewässern, wäre manchmal gar nichts möglich. Zusätzliches Personal und Arbeitsstunden waren nötig, zum Verlegen der Rohre, zum Wässern und rund um die Uhr parat zu stehen. Ebenfalls nötig war, junge Aussaaten und Jungbäume auf den Beeten gegen Sonnenbrand zu beschatten. Das kannte man hier bisher eigentlich nur selten. Jungpflanzen hatten teilweise verbrannte Blattspitzen durch Sonnenbrand. Dann kam in diesem Jahr noch sehr später Spätfrost hinzu. Daran erkennt man die Wetterkapriolen.

Mehr zum Waldsterben sowie ein ausführliches Interview mit Alain Paul lesen Sie in der TASPO 33/2019, die in unserem Online-Shop abrufbar ist.