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Wenn Gewächshäuser Kunst schwitzen lassen

Wer hätte gedacht, dass die weltweit bekannte Ausstellung für zeitgenössische Kunst, Documenta in Kassel, ihren Ursprung in einer Bundesgartenschau hat? Schon dem Chefplaner der Buga 1955 in Kassel, Hermann Mattern (Landschaftsarchitekt, 1902-1971), sowie dem Künstler Arnold Bode war die Kunst wichtig und so wurden damals die ersten Kunstwerke im Fridericianum präsentiert und die erste Documenta geboren. In Anlehnung an die Entstehung der Documenta ließen Leiter Roger Buergel und Kuratorin Ruth Noack für die aktuelle Ausstellung ein mittels Gewächshaussystem geplantes temporäres Museumsgebäude in der Kasseler Karlsaue, direkt vor der Orangerie, errichten. Die französischen Architekten Lacaton & Vassal planten für den Aue-Pavillon eine als besonders leicht und luftig gedachte Gewächshaus-Konstruktion, die Transparenz zwischen innen und außen ermöglichen sollte. Da aber die dort ausgestellten Kunstwerke zum Teil sehr empfindlich gegenüber Feuchtigkeit, Temperatur und Licht sind, wurde es nötig, für entsprechenden Schutz zu sorgen. So ist von der Vision der Architekten allein der Grundriss geblieben. Eine riesige Klimaanlage, Schattierungen in der Dachkonstruktion und an den Stehwänden stören nun die als besonders leicht gedachte Konstruktion. Das Gewächshaus wurde von dem weltweit agierenden Gewächshaushersteller Filclair (F-Venelles Cedex), bekannt für den Bau von Kunststoff-Gewächshäusern, geliefert (www.filclair. com). Die französische Firma S.A.R.L. Gillots (F-Egreville) hat den 9500 Quadratmeter großen Gebäudekomplex nach Kassel transportiert und dort aufgebaut. Die Tragkonstruktion des Aue-Pavillons besteht aus verzinkten Stahlprofilen. Bei den Stehwänden entschieden sich die Planer für gewellte Polycarbonatplatten. Die für Filclair-Häuser typischen, halb runden Dächer der einzelnen Schiffe sind eingedeckt mit einer luftgefüllten Doppelschlauchfolie (Ethyl-Vinyl-Acetat-Folie). Die nötige Schattierung ist durch eine Horizontalverschattung als Sonnenschutz auf dem Dach und in der Unterdecke eingebaut. Beides bietet Filclair standardmäßig in seinem System an. Besonders lichtempfindliche Exponate werden zusätzlich durch Vorhänge in der Fassade geschützt. Um eine ausreichend tragfähige Fläche zu haben, wurde der Oberboden des Auegeländes gefräst und bis 25 Zentimeter Tiefe mit Kalk verfestigt. Als Unterbau für die Deckschicht aus Asphalt trug die ausführende Firma ein 15 Zentimeter dickes Schotterbett auf. In dem großen Gewächshausbau, der aufgrund der empfindlichen Kunstwerke keine Lüftungsmöglichkeiten zulässt, ist eine riesige Klimaanlage installiert, um ein angemessenes Raumklima zu schaffen und die Bildung von Kondenswasser zu vermeiden. Weiterhin ist eine Beleuchtung für die Exponate angebracht sowie für die benötigte Infrastruktur wie Sanitäranlagen und Café gesorgt. Mit Hilfe von Trennwänden in Trockenbauweise sind die Ausstellungsflächen räumlich voneinander getrennt.

Das "Gewächshaus auf Zeit", es wird nach Ende der Documenta abgerissen und die Karlsaue wieder in ihren Ausgangszustand versetzt, bezeichnen viele Skeptiker auch als "Kunst"-Schwitzkasten, der ein zunehmend hässlicheres Aussehen mit nicht minder hässlichen und lauten Klimaanlagen erhalten habe. Um sich ein eigenes Bild vor Ort zu machen, haben Besucher der "Documenta 12" in Kassel noch Zeit bis zum 23. September. Die Ausstellungen öffnen täglich von 10 Uhr bis 20 Uhr. Weitere Informationen sind auf der Internetseite www.documenta.de zu finden.