Pflanzenschutz

58. Deutsche Pflanzenschutztagung: Pflanzenschutz alternativlos!?

Unter dem Motto „Pflanzenschutz – alternativlos“ fand die 58. Deutsche Pflanzenschutztagung in diesem Jahr vom 11. bis 14. September an der Technischen Universität (TU) Braunschweig statt. Über 1.100 Teilnehmer hatten sich zu der größten Fachveranstaltung für Pflanzenschutz und Phytomedizin in Europa angekündigt. 380 Vorträge standen auf dem Programm, rund 280 Poster wurden gezeigt und diskutiert. 

Moderator Hellmuth Henneberg (v. l.), Dr. Manfred Bartels, Henning Noske und Prof. Dr. Ulrich Gisi im Dialog. Foto: Clemens Meyer-Hoitz

Mit „Pflanzenschutz – alternativlos“ war auch eine Plenarveranstaltung am zweiten Tagungstag überschrieben, zu der die Veranstalter – das Julius Kühn-Institut (JKI), die Deutsche Phytomedizinische Gesellschaft (DPG) und der Pflanzenschutzdienst des 2012 gastgebenden Bundeslandes Niedersachsen – als Referenten Dr. Manfred Bartels (ehemals Landwirtschaftskammer Niedersachsen), Prof. Dr. Ulrich Gisi (Universität Basel) und den Wissenschaftsjournalisten Henning Noske (Braunschweiger Zeitung) eingeladen hatten. Unter der Moderation von TV-Journalist Hellmuth Henneberg (rbb) argumentierten sie, warum moderner Pflanzenschutz alternativlos ist – oder nicht.

Der gerade in den Medien kontrovers wahrgenommene Pflanzenschutz in Form von chemischem Spritzmitteleinsatz könne in der heutigen Zeit durchaus mit einem Fragezeichen versehen werden, eröffnete Henning Noske. Fragwürdig sei ebenso eine Agrarökonomisierung mit der Zielsetzung „immer mehr, immer günstiger“, die sich immer weniger daran orientiere, „welchen Preis wir und andere dafür zahlen“, so Noske.

Aus Anwendersicht versuchte darauf Dr. Manfred Bartels die Notwendigkeit eines integrierten Pflanzenschutzes darzulegen. In den letzten Jahren habe vor allem die Politik den Anbau bestimmt. Der Zwang zur Kostenminimierung verbunden mit der Konzentration auf wenige Marktfrüchte habe zu sehr engen Fruchtfolgen geführt, so Bartels. Zusammen mit dem weitgehenden Verzicht auf mechanische Unkrautvernichtung gebe es so immer wieder neue und auch größere Pflanzenschutzprobleme. Nicht zuletzt durch den Pflanzenschutz sei es aber gelungen, die Erträge dennoch zu steigern. Für die Kontrolle von Pflanzenkrankheiten und Schädlingen, für eine ökonomisch tragfähige und nachhaltige Landwirtschaft sowie für eine ausreichend gesicherte Nahrungsmittelversorgung sei Pflanzenschutz deshalb alternativlos, schloss Bartels.

Wie Prof. Dr. Ulrich Gisi im Anschluss betonte, sei nicht die Frage, ob, sondern welche Pflanzenschutzmaßnahmen wann und wo ökonomisch und ökologisch sinnvoll sind. Um das Verständnis für einen sinnvollen Pflanzenschutz zu fördern, sei laut Gisi eine intensivierte Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen Hochschulen, Firmen, Beratern, Ämtern, Behörden, Politik und Gesellschaft anzustreben. Pflanzenschutz solle ähnlich alternativlos vertreten werden wie Gesundheitsprogramme in der Medizin. Den Hochschulen komme dabei in der Forschung und Kommunikation eine Schlüsselrolle zu. Sie könnten mit innovativen Forschungsprojekten den Pflanzenschutz wieder aufwerten und ihm den nötigen Stellenwert in der Agrarwissenschaft verleihen, so der Schweizer.

In seinem gesonderten Plenarvortrag am Nachmittag stellte der Agrarökonom Prof. Dr. Harald von Witzke, Humboldt-Universität Berlin, heraus, dass moderner Pflanzenschutz integraler Bestandteil einer produktiven Landwirtschaft und schwer verzichtbar sei. Die wachsende Weltbevölkerung, deren veränderte Ernährungsgewohnheiten und die zusätzliche Nachfrage nach agrarischen Rohmaterialien zur Energiegewinnung mache eine Steigerung der Produktivität notwendig. Ein höherer Flächenertrag sei zudem zentral im Kampf gegen den Klimawandel und für den Erhalt der Biodiversität, da sich so die Überführung von natürlichen Lebensräumen in die Produktion verringere. In der Diskussion über das Pro und Kontra von Pflanzenschutz müssten daher zumindest die empfundenen Risiken des Einsatzes gegenüber den realen Risiken des Nichteinsatzes sachlich abgewägt werden, appellierte von Witzke. (ds)