Pflanzenschutz

Gemeinsam gegen Feuerbrand

Das „Feuerbrandjahr“ 2007 war für viele in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz ein Schock: Viele Hektare Obstanlagen mussten gerodet werden, aber auch hunderte vitaler Garten- und Streuobstbäume. Auch in der vorher wenig betroffenen Schweiz war man jetzt über das Ausmaß der Bakterienkrankheit alarmiert. In der Folge haben sich 13 Institutionen aus obstbaulicher Praxis, Forschung und Beratung aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Liechtensteiniom im Interreg-Projekt „Bekämpfung von Feuerbrand im Bodenseeraum“ vernetzt, um nach Lösungen sowohl für den Erwerbsobstbau als auch für den Gartenbereich und den Streuobstbau zu suchen. Nun werden die ersten Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt.

Feuerbrand an Quitte. Foto: Klaus Nasilowski

Der aus Nordamerika eingeschleppte Feuerbrand hat sich seit den 90er-Jahren im Bodenseegebiet etabliert. Betroffen waren zunächst vor allem Birnen, Quitten und anfällige Ziergehölze, später auch Apfelbäume und Weißdorn. Zunächst gab es eine scharfe Politik der Quarantäne mit der Möglichkeit der Rodungsanordnung durch die Feuerbrandverordnung. Später begann man, mit der Krankheit zu leben, zunächst in Deutschland, dann auch in Österreich und der Schweiz.

In manchen sogenannten Feuerbrandjahren waren die Nekrosen nach der Blüte überall zu sehen, in anderen Jahren schienen die Bäume wieder gesund zu sein. Mit den Jahren wurde aber deutlich, dass sich – oft wenig sichtbar – ein gefährlicher Langzeitbefall aufbauen kann, der scheinbar plötzlich ganze Bäume zum Absterben bringen kann.

Ein nach dem Pflanzenschutzgesetz zugelassenes, wirksames Pflanzenschutzmittel gegen Feuerbrand fehlt nach wie vor. Jahr für Jahr erkämpft sich der Erwerbsobstbau in Deutschland unter der Fahne der Fachgruppe Obstbau die Genehmigung zum Einsatz von Spreptomycin-haltigen Mitteln nach § 11. Die als Antibiotika eingestuften Mittel dürfen nur nach einzelbetrieblicher Genehmigung und nach Aufruf der amtlichen Pflanzenschutzberatung eingesetzt werden. Auch Streptomycine können infizierte Bäume nicht heilen. Sie schützen die Blüte der Gehölze wirksam vor Neuinfektionen. Der Einsatz von Antibiotika im Pflanzenbau ist allerdings sehr umstritten.

Rückstände des Antibiotikums in den Früchten sind bislang in Deutschland nicht nachgewiesen worden, da das Mittel ausschließlich in die Blüte gespritzt wird. Anders sieht es beim Honig aus der Obstbauregion aus. Der Landesverband Erwerbsobstbau Baden-Württemberg hat in diesem Jahr – mit Unterstützung durch das Land Baden-Württemberg – rund neun Tonnen Blütenhonig vom Bodensee vorsorglich aufgekauft und vernichtet. Dies wurde nötig, weil der gesetzlich vorgegebene, extrem niedrige Grenzwert von 0,01 Milligramm pro Kilogramm überschritten wurde. Einen Lebensmittelskandal will die Branche auf jeden Fall vermeiden.

Wenn sich das Bakterium einmal in der Pflanze ausgebreitet hat, ist eine Heilung nicht mehr möglich. In nicht gewerblich genutzten Obstgehölzen, Ziergehölzen (Cotoneaster, Photinia, Chaenomeles, Ziermalus) und Feldgehölzen (Crataegus und Sorbus) bleiben als Maßnahmen nur der Rückschnitt und die Rodung – amtlich angeordnet oder auch freiwillig.

Schmerzhafte Rodungen von Obstbäumen in Anlagen, Gärten oder in der Landschaft haben oft zu Streit auch zwischen Fachleuten geführt. Reicht ein Rückschnitt, oder kann sich der Baum gar an das Bakterium langfristig gewöhnen? Oder muss man sich gar von den schönen, landschaftsprägenden Birnen im Bodenseegebiet ganz verabschieden?

Um diese Fragen zu beantworten, wurden hunderte von Obstbäumen im Bodenseegebiet untersucht. Man stellte fest, dass ein Teil der dort stehenden Streuobstbäume das Bakterium bereits in sich trägt. Es wird mit dem Saftstrom von der Infektionsstelle – in der Regel der Blüte – aus in den ganzen Baum verteilt. Die Untersuchungen zeigten, dass die Feuerbrand-Erreger dort – oft unbemerkt – viele Jahre vital bleiben.

In anfälligen Bäumen können sie sich mit der Zeit stark vermehren und so Pflanzenteile oder die ganze Pflanze zum Absterben bringen. Man geht heute davon aus, dass Gehölze mit hohen Bakteriengehalten lebenslänglich infiziert bleiben. Diese Bäume sind und bleiben demnach zeitlebens eine Infektionsquelle für andere Gehölze in der Umgebung, auch wenn sie selbst mit der Krankheit gut leben können.

Null Toleranz empfehlen die Projektteilnehmer deswegen dort, wo der Bakterienbefall bereits durch Nekrosen von Stamm und Starkästen sichtbar geworden ist. In Gärten oder in der Landschaft sieht man solche Bäume von der Krone her absterben. Im Erwerbsobstbau zeigen sich solche Rindennekrosen oft zuerst an den Unterlagen, da die Unterlage M9 und seine Verwandten feuerbrandanfällig sind. Solche Bäume sollten sofort markiert und spätestens im kommenden Winter gerodet werden. Im Zweifelsfall ist die Diagnose der Krankheit durch einen Pflanzenschutzberater ratsam.

Besondere Aufmerksamkeit gilt den Bäumen stets unmittelbar nach der Blüte. Werden von der Blüte ausgehende Absterbe-Erscheinungen der Triebe sichtbar? In diesen Fällen ist es wahrscheinlich zu einer Neuinfektion gekommen. Doch Vorsicht: Bei einigen Gehölzarten verursachen Krankheiten wie Monilia- oder das Pseudomonas-Triebsterben ähnliche Symptome.
Bei robusten Bäumen kann der Erreger nicht in das Innere der Pflanze vordringen. Einige Triebe sterben ab, die Gehölze verlieren hier ihre Blüte, bleiben aber ansonsten gesund.

Bei anfälligeren Bäumen muss das Eindringen des Bakteriums in das gesunde Holz verhindert werden. Dies kann ein Schnitt bis in das gesunde Holz leisten. Dieser muss allerdings zeitnah, also noch in der Vegetationsperiode, erfolgen.
Die Projektteilnehmer empfehlen möglichst überall – also im Erwerbsanbau, in Gärten und im Streuobstbau – so zu verfahren. Probleme gibt es naturgemäß bei der Pflege von großen Streuobstbäumen. Hier befinden sich die fruchtbaren Astpartien oft in luftigen Höhen. Anfällige Streuobstbäume sollten deswegen mittelfristig durch entsprechenden Schnitt und Nachpflanzungen kleiner, lichter und vitaler gehalten werden.

Junge, noch nicht im Ertrag stehende Bäume, sollten bei großer Infektionsgefahr besonders sorgfältig überwacht werden. Eventuell sind die Blüten vorsorglich zu entfernen. Dies gilt für Junganlagen im Erwerbsobstbau in den ersten fünf Jahren, aber auch für Baumschulgehölze oder gepflanzte Jungbäume in Garten oder Landschaft.

Zurzeit ist das Antibiotikum Streptomycin der einzige sicher und ausreichend wirksame Wirkstoff gegen das Bakterium. Nur in fruchtenden Erwerbsobstanlagen, Reisermuttergärten und Obstunterlagenvermehrung darf dieser Wirkstoff mit einer Sondergenehmigung eingesetzt werden, nicht aber in den Baumschulen, Gärten oder im Streuobstbau. Erklärtes Ziel der Behörden aller beteiligten Länder ist der Ersatz von Streptomycin durch einen oder mehrere andere umwelt- und gesundheitsverträgliche Wirkstoffe.

Kupfermittel sind in allen drei Ländern als Pflanzenschutzmittel zugelassen, haben aber nur eine vorbeugende Teilwirkung, da sie außen an den Pflanzen haftende Bakterien abtöten. Der Wachstumsregulator Regalis ist ebenfalls in allen Ländern als Pflanzenschutzmittel zugelassen. Es kann nach der Blüte eingesetzt werden und hemmt die Triebentwicklung ebenso wie die Gefahr durch Sekundärinfektionen nach der Blüte.

Das biologische Mittel Serenade kann die Feuerbrandinfektion reduzieren (Teilwirkung). Es ist in Deutschland und der Schweiz als Pflanzenschutzmittel zugelassen, aber zurzeit nur in der Schweiz erhältlich. Auch Blossom Protect ist ein biologisches Mittel mit einer Teilwirkung. In Deutschland gilt es als Pflanzenstärkungsmittel, in Österreich und der Schweiz als Pflanzenschutzmittel. Eine gewisse Wirkung hat auch MycoSin (schwefelsaure Tonerde). Das Bio-Mittel ist in Deutschland Pflanzenstärkungsmittel, in Österreich Pflanzenhilfsstoff und in der Schweiz Pflanzenschutzmittel. Der Dünger Folanx CA29 (Calciumformiat) hat ebenfalls eine schwache Wirkung, ist aber wegen möglichen Pflanzenschäden umstritten. Als Alternativen zu Streptomycin wurden weitere 16 Mittel sowohl im Labor als auch im Freiland geprüft. Von ihnen zeigten vier eine gewisse bis erhebliche Wirkung: Antinfek, Chitoplant, Juglon, Bloomtime E325. Eines dieser Mittel hat sich außerdem bereits in Versuchen des Landratsamtes Karlsruhe und des Dienstleistungszentrums Rheinpfalz Bodensee bewährt.

Selbst wenn ein wirksames Mittel gefunden würde, könnte dieses nicht automatisch eingesetzt werden. Denn es muss jemand bereit sein, das aufwendige und risikoreiche Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel zu beantragen und zu bezahlen.

Fazit: Ein vollwertiger Ersatz für Streptomycin wurde noch nicht gefunden. Dass ein solcher gefunden werden kann, erscheint zum heutigen Zeitpunkt zumindest als möglich. Der Erfolg hängt somit auch von der Bereitschaft der Akteure (Pflanzenschutzmittelindustrie, Staat, Berufsstand) ab, für eine Lösung Geld zu investieren. Der Praxis wird möglicherweise bald eine größere Anzahl von Stoffen (Pflanzenschutzmittel, Pflanzenstärkungs- oder Düngemittel) zur Verfügung stehen, die jedoch alle nur Teilwirkungen haben. Von diesen könnte ein Teil auch im Biologischen Obstbau, in Baumschulen, in Gärten und in der Landschaft eingesetzt werden dürfen. (nas)