Pflanzenschutz

Interview: Wenn Xylella fastidiosa im Betrieb entdeckt wird

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Mit welchen Maßnahmen müssen Unternehmer rechnen, wenn in ihrem Betrieb eine Pflanze entdeckt wird, die durch das Feuerbakterium Xylella fastidiosa infiziert wurde? Und winken im Falle einer Vernichtung des gesamten Bestands Entschädigungen von Seiten des Staates? TASPO Online sprach mit Dr. Ernst Pfeilstetter vom Julius Kühn Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen.

Dr. Ernst Pfeilstetter arbeitet für das Julius Kühn Institut und sprach mit TASPO Online, welchen Auswirkungen sich Betriebe ausgesetzt sehen, wenn ein Befall durch Xylella fastidiosa festgestellt wird. Fotos: Dr. Petra Müller

Was genau passiert, wenn in einem Betrieb eine Pflanze auftaucht, die durch die Pflanzenkrankheit Xylella fastidiosa infiziert wurde?

Der Umfang und die Reichweite der zu ergreifenden Maßnahmen wird in erheblichem Maß dadurch beeinflusst, ob es sich um ein Auftreten in Freilandbeständen oder um einen Befall in reinen Gewächshauskulturen handelt. Im ersten Fall ist das Risiko einer weiteren Verbreitung mit Vektoren (Xylem-saugende Zikaden) deutlich stärker zu berücksichtigen als bei der Pflanzenproduktion unter geschützten Bedingungen.

Die bei Befall durch den zuständigen Pflanzenschutzdienst und den betroffenen Betrieb zu ergreifenden Maßnahmen sind in einem EU-weit geltenden Durchführungsbeschluss der Europäischen Kommission festgelegt (Durchführungsbeschluss (EU) 2015/789):

  • Absicherung der Diagnose und Identifizierung der Unterart von Xylella fastidiosa.
  • Klärung der Befallssituation, u.a. Herkunft der infizierten Pflanze(n), Dauer des Vorhandenseins im Betrieb, Zusammenhang/Kontakt mit anderen Pflanzenbeständen im Betrieb.
  • Inspektion und Testung aller anderen Pflanzenbestände im Betrieb, um das Ausmaß des Befalls abzuklären und ob noch weitere Pflanzen infiziert wurden.
  • Je nach Situation ist zu entscheiden, ob ein Gebiet bestehend aus einer Befalls- und einer Pufferzone abzugrenzen ist, in dem die im Durchführungsbeschluss vorgesehenen Bekämpfungs- und Überwachungsmaßnahmen durchzuführen sind.
  • Vernichtung aller befallenen und befallsverdächtigen Pflanzen; zusätzlich sind alle Wirtspflanzen in einem Umkreis von 100 Metern um nachweislich befallene Pflanzen zu vernichten. Als Wirtspflanzen gelten in diesem Zusammenhang Pflanzen, an denen in der EU bereits Befall mit Xylella fastidiosa festgestellt wurde. Diese sind in im Internet von der EU-Kommission aufgeführt.

Ist es damit getan, alle Wirtspflanzen zu entfernen oder wird der Betrieb komplett geschlossen?

Unabhängig vom Vorhandensein von Symptomen sind entsprechend des Kommissionsbeschlusses in einem Umkreis von 100 Metern um eine befallene Pflanze alle Wirtspflanzen zu entfernen. Je nach Produktionsschwerpunkt eines Betriebes kann diese Vorgabe mehr oder weniger drastische Auswirkungen haben, dürfte in der Regel aber nicht die komplette Schließung des Betriebes bedeuten.

Pflanzen, die nicht zu den sogenannten „spezifizierten“ Pflanzen zählen, können ohne Einschränkung produziert und gehandelt werden?

Unter „spezifizierten“ Pflanzen sind die Pflanzenarten/-gattungen zu verstehen, von denen zum Beispiel aus der wissenschaftlichen Literatur bekannt ist, dass sie von Xylella fastidiosa beziehungsweise einer Unterart davon befallen werden können. Diese Pflanzen sind im Anhang I des Durchführungsbeschlusses aufgeführt.

Derzeit umfasst diese Liste der spezifizierten Pflanzenarten/-gattungen 217 Einträge, von denen auch einige von größerer Relevanz für die gartenbauliche Produktion sind, z.B. Kohlarten (Brassica), Efeu (Hedera helix) oder auch Oleander (Nerium oleander).

Die Produktion „spezifizierter“ Pflanzen ist nur unter Einhaltung sehr hoher Anforderungen möglich, mit denen die Befallsfreiheit des Produktionsortes garantiert werden kann und mit Genehmigung des zuständigen Pflanzenschutzdienstes möglich. Lieferungen dieser Pflanzen müssen von einem Pflanzenpass begleitet sein.

Gibt es eine einheitliche und konkrete Vorgehensweise?

Um auf einen möglichen Ausbruch von Xylella fastidiosa frühzeitig vorbereitet zu sein und im Notfall eine einheitliche Vorgehensweise bei der Durchführung der notwendigen Bekämpfungsmaßnahmen  sicherzustellen, wird derzeit vom JKI in Zusammenarbeit mit den Pflanzenschutzdiensten der Länder und in Abstimmung mit der gegebenenfalls betroffenen Wirtschaft ein Notfallplan erarbeitet.

Die im Falle des Auftretens von Xylella fastidiosa in einem Gebiet (Freiland, Wald, Park, Garten) oder in einem Betrieb zur Tilgung des Befalls zu ergreifenden Maßnahmen sind bisher im erwähnten Durchführungsbeschluss festgelegt. Relevant sind dort vor allem die Bestimmungen zur Festlegung abgegrenzter Gebiete (Artikel 4) und zu den zu ergreifenden Tilgungsmaßnahmen (Artikel 6). Für den Fall, dass Xylella fastidiosa in einem Gartenbaubetrieb festgestellt wurde oder sich ein Betrieb in einem abgegrenzten Gebiet befindet, sind die sehr strikten Anforderungen für die Verbringung „spezifizierter“ Pflanzen (Artikel 9 und 10) zu beachten (siehe oben).

Für die Anordnung und Durchführung der zu ergreifenden Bekämpfungs- und Kontrollmaßnahmen sind in Deutschland die Pflanzenschutzdienste der Bundesländer zuständig. Das Julius Kühn-Institut hat in diesem Zusammenhang beratende und koordinierende Aufgaben, es unterstützt die Länder bei der Diagnose und fungiert als nationale Referenzstelle.

Gibt es für die Folgen eines Xylella-Befalls Entschädigungszahlungen?

Die Gewährung von Entschädigungszahlungen, zum Beispiel für die Kosten, die durch die Entsorgung von Pflanzen entstehen oder für den Wert vernichteter Pflanzen, liegt grundsätzlich in der Zuständigkeit der Bundesländer. Von Seiten der EU gibt es die Möglichkeit, den Mitgliedstaaten eine finanzielle Unterstützung für die Kosten zu gewähren, die ihnen im Rahmen von Tilgungsmaßnahmen von Quarantäneschadorganismen entstehen. Dies schließt seit diesem Jahr auch Entschädigungszahlungen für den Marktwert des vernichteten Materials ein.

An einer bundesweit anwendbaren Entschädigungsregelung, die auch den Wert des im Zuge von Tilgungsmaßnahmen vernichteten Pflanzenmaterials mit einbezieht, wird vor dem Hintergrund einer möglichen Kofinanzierung durch die EU derzeit gearbeitet.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass der Durchführungsbeschluss derzeit von der Kommission und dem zuständigen „Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Lebens- und Futtermittel“ grundlegend überarbeitet wird, um in Zukunft auf verschiedene Ausbruchssituationen und dem damit verbundenen unterschiedlichen Verbreitungsrisiko für Xylella fastidiosa mit flexibleren und besser an die jeweiligen Situationen angepassten Maßnahmen reagieren zu können.