Pflanzenschutz

Unkrautbekämpfung: Muss der Ackerbau umdenken?

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Ein deutliches Plädoyer kommt vom Fachbeirat „Nachhaltiger Pflanzenbau“ des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL): Für einen nachhaltigen Ackerbau ist eine veränderte Sichtweise und Pflanzenschutzpraxis – auch und insbesondere – hinsichtlich der Unkrautregulierung erforderlich. Es darf das Motto gelten: Mehr Unkräuter wagen!

Unkräuter im Ackerbau wie etwa Klatschmohn werden zum Teil intensiv bekämpft. Der Fachbeirat „Nachhaltiger Pflanzenbau“ des BVL empfiehlt dagegen, mehr Unkraut zu wagen. Foto: Pixabay

Artenvielfalt und Häufigkeit der Ackerunkräuter deutlich zurückgegangen

Geprüft hat das BVL, wie die Biodiversität der Ackerunkräuter auf Ackerflächen erhöht werden kann. Dazu hat er ein Positionspapier veröffentlicht. Demnach sind Artenvielfalt und Häufigkeit der Ackerunkräuter in den letzten Jahrzehnten in Deutschland deutlich zurückgegangen – verursacht durch eine Bevorzugung von Getreide-, Raps- und Maisanbau und der mit diesen Kulturen einhergehenden intensiven Unkrautbekämpfung.

Dem Rückgang von Ackerwildkräutern kann laut BVL nur bedingt durch Ersatzbiotope wie beispielsweise Blühstreifenmischungen entgegengewirkt werden. Maßnahmen des Greenings, Vertragsnaturschutz- und Agrarumweltmaßnahmen sowie geltende Anwendungsbestimmungen für Herbizid-Anwendungen reichten allein nicht aus, um den Artenrückgang bei Ackerwildkräutern in den Ackerbaulandschaften aufzuhalten. Deshalb sollten biodiversitätswirksame Maßnahmen nicht nur auf Ausgleichsflächen, sondern auch in den Ackerflächen stattfinden, so das BVL.

Positionspapier mit Vorschlägen für Anwender, Berater und Co.

In seinem Positionspapier hat der Fachbeirat „Nachhaltiger Pflanzenbau“ eine Reihe an Vorschlägen für Anwender, Berater und politische Entscheidungsträger zusammengestellt. Unter anderem heißt es darin:

  • Die Offizialberatung hat sich stark aus der einzelbetrieblichen Beratung zurückgezogen. Der integrierte Pflanzenbau benötige jedoch eher mehr Beratung als weniger. Zumal verbreitet freie Berater und Industrieberater tätig sind, bei denen naturgemäß das Versicherungsprinzip und Firmeninteressen im Vordergrund stehen, die einem nachhaltigen Unkrautmanagement entgegenstehen.
  • Ein Perspektivenwechsel sei erforderlich: Bei Anwendern herrsche häufig keine Bereitwilligkeit, auch geringe unkrautbedingte Ertragseinbußen hinzunehmen, um die Biodiversität zu fördern. Es gilt nach wie vor das Versicherungsprinzip. Ein Feld müsse aber nicht komplett frei von Begleitflora sein.
  • Eine angemessene Verteuerung von Pflanzenschutzmitteln sei eine Möglichkeit, dass Pflanzenschutzmittel mit größerer Zurückhaltung angewendet werden und die Grundsätze des integrierten Pflanzenbaus und das gesetzlich geforderte „notwendige Maß“ tatsächlich in der Praxis eingehalten werden.
  • Biodiversität-wirksame Maßnahmen seien finanziell zu fördern.
  • Der Aufwand für die Antragstellung für Fördermittel muss für den Landwirt vertretbar sein und die Einhaltung von Vorgaben mit Augenmaß kontrolliert werden. In der Realität seien häufig schon kleinste Abweichungen sanktionsbehaftet.
  • Verwendung von Herbiziden und andere Bekämpfungsmethoden auf das notwendige Maß begrenzen.
  • Die eingesetzten Herbizide müssen so zielartenspezifisch wie möglich sein. Diese Forderung liefe dem Prinzip einer möglichst breiten Wirksamkeit der Hersteller und Gesetzgebung entgegen.
  • Nachhaltigen biologischen, physikalischen und anderen nicht-chemischen Methoden ist der Vorzug vor chemischen Methoden zu geben, wenn diese Methoden den gestellten Anforderungen an eine selektive Bekämpfung genügen und praktikabel sind. Hier nennt die Expertenkommission insbesondere die mechanische Unkrautbekämpfung und Kompensationsflächen.

Was ist konkret zu tun, um positive Impulse zu setzen?

Positive Impulse könnten unter anderem gesetzt werden durch:

  • die Bereitstellung von Informationen zu Bekämpfungsschwellen und von ausreichend geschultem Personal
  • Integrierung aktueller Entscheidungshilfesysteme wie das DSS in ISIP (Informationssystem für die integrierte Pflanzenproduktion) und Schaffung von Voraussetzungen für eine zukünftige Aktualisierung
  • Praktizieren von Teilflächenbehandlungen für bestimmte Unkrautarten
  • gezieltes Ausrichten von Aufwandmengen an den Problemunkräutern (Datenanforderung, um Dosis-Wirkungsdaten für die Zielarten zu ergänzen)
  • Reduzierung der Wirkstoffkombinationen in Pflanzenschutzmitteln, um eine gezieltere Behandlung von einzelnen Unkräutern zu gewährleisten
  • stärkeres Berücksichtigen mechanischer Bekämpfungsmöglichkeiten in der Zulassung
  • Nutzung ökologischer Infrastrukturen innerhalb und außerhalb der Anbauflächen