Pflanzenschutz

Wissenschaftler warnen: nachhaltige Produktion von gesundem Obst in Mitteleuropa gefährdet

Wissenschaftler der Institute für angewandte Forschung im Obstbau KOB-Bavendorf (Bodenseeregion), Esteburg (Altes Land/Niederelbe) und des Versuchszentrums Laimburg (Südtirol) haben anlässlich der 21. Bundesarbeitstagung für Pflanzenschutzberater im hessischen Grünberg eine Warnung herausgegeben. Der Obstanbau in Mitteleuropa sei gefährdet durch wissenschaftlich unbegründete Forderungen von Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels (LEH).

Die Anzahl der Pflanzenschutzwirkstoffe im Obstanbau müsse demnach begrenzt und die Höchstgrenzen für Rückstände deutlich gesenkt werden. „Wenn man die Anzahl der Wirkstoffe begrenzt, steigt zwangsläufig durch die wiederholte Anwendung gleicher Mittel das Risiko der Entstehung von resistenten Schädlingen – ein bekanntes Phänomen in der Biologie“, erklären die Wissenschaftler. Erste Resistenzen einzelner Schaderreger sind bereits nachgewiesen worden.

„Wir müssen uns daher von dieser wissenschaftlich nicht haltbaren, kontraproduktiven Forderung lösen, wenn wir auch in Zukunft gesundes Obst zu verbraucherfreundlichen Preisen haben wollen. Die Begrenzung der Anzahl der Wirkstoffe verschärft das Problem des Pflanzenschutzes, anstatt es zu lösen“, so die drei Obstbauinstitute.

Auch die Forderung nach einer Reduktion der Höchstgrenzen für Rückstände sei wissenschaftlich nicht haltbar. Laut den langjährigen Erhebungen der staatlichen Lebensmittelkontrolle und eigenen Untersuchungsergebnissen der Institute werden die gesetzlich festgelegten Rückstandsmengen grundsätzlich weit unterschritten und haben keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Verbraucher. Eine qualitativ hochwertige und quantitativ ausreichende Obstproduktion zu günstigen Preisen ohne Nutzung chemischer Pflanzenschutzmittel sei derzeit noch nicht möglich.

Seit vielen Jahren werden in den Obstanbauregionen Südtirol, Bodensee und Altes Land umfangreiche Rückstandsuntersuchungen durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die gesetzlich festgelegten Rückstandshöchstmengen in über 90 Prozent der Analysen um zwei Drittel unterschritten werden und demnach die erlaubten Mengen nur zu einem Drittel ausgeschöpft werden. Somit sei eine weitere Regulierung der Höchstmengen nicht notwendig.

Die zugelassenen Rückstände seien vielmehr so gering, dass sie die Gesundheit der Verbraucher weder bei lebenslanger täglicher Aufnahme noch bei einmaligem Verzehr großer Lebensmittelmengen schädigen.

Seit mehr als 20 Jahren werde in Mitteleuropa Obst nach den Richtlinien des kontrollierten „Integrierten Obstbaus“ angebaut. Die Richtlinien der Integrierten Produktion zielen auch auf eine Reduzierung der Rückstände auf dem Obst ab. Innovationen aus der Wissenschaft und intensive Beratung der Obstbauern hätten in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu großen Fortschritten geführt, indem etwa natürliche Gegenspieler tierischer Schädlinge gezielt geschützt und gefördert wurden. Die Pflanzenschutzmaßnahmen würden durch Beobachtungen und Prognosemodelle an die Erfordernisse angepasst. Dadurch könnten den Verbrauchern gesunde, qualitativ hochwertige Lebensmittel in ausreichender Menge und zu günstigen Preisen angeboten werden.

Zudem durchlaufe jedes Pflanzenschutzmittel vor seiner Zulassung ein strenges Prüfverfahren, in dem seine Wirkung auf den Naturhaushalt, Mensch und Tier von unabhängigen Behörden eingehend untersucht wird. Für jeden Wirkstoff wird eine Rückstandshöchstmenge festgelegt, die auf und in pflanzlichen Lebensmitteln nicht überschritten werden darf und in allen Mitgliedstaaten der Europäischen Union gleichermaßen gilt. „Die an der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln beteiligten unabhängigen Institute schließen Risiken für Verbraucher hinreichend sicher aus und erfüllen das in der Europäischen Union geltende Vorsorgeprinzip“, so das Fazit des Bundesinstituts für Risikobewertung im Jahre 2010. (ts/vs)