Zur Bundestagswahl: Pestizid-Ausstieg bis 2035 gefordert

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Landwirte und Gartenbau-Betriebe setzen verschiedene Pflanzenschutzmittel ein, um ihre Kulturpflanzen vor Schädlingen, Krankheiten oder Unkraut zu schützen. Foto: Mark Stebnicki/Pexels

Den schrittweisen Ausstieg aus der Anwendung chemisch-synthetischer Pestizide bis 2035 fordert ein Bündnis aus über 100 Bio-Unternehmen, Umweltorganisationen, Wasserwirtschaftsverbänden und Wissenschaftlern in einem offenen Brief an die Bundestagskandidaten. Das sorgt in Fachkreisen für Kritik – die Kampagne gehe „komplett an der landwirtschaftlichen Praxis vorbei“, meint etwa der IVA.

Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft als Initiator

„Chemisch-synthetische Pestizide tragen erheblich zum Verlust der Biodiversität bei“, heißt es unter anderem in dem offenen Brief an die Bundestagskandidaten von CDU/CSU, FDP, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke. Unterzeichnet wurde das vom „Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft“ initiierte Schreiben unter anderem von der Deutschen Umwelthilfe, dem Umweltinstitut München, Demeter und der Internationalen Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke im Rheineinzugsgebiet. Insgesamt mehr als 100 Bio-Unternehmen, Umweltorganisationen, Wasserwirtschaftsverbände und Wissenschaftler haben sich dem Bündnis den Angaben zufolge angeschlossen. Gefordert wird von ihnen der schrittweise Ausstieg aus der Anwendung chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel bis zum Jahr 2035 sowie „ein Verbot der für Gesundheit und Umwelt besorgniserregendsten Pestizide in den nächsten fünf Jahren“.

Bündnis will ab 2022 jährliches Monitoring und Pestizid-Abgabe

Bisherige Maßnahmen wie das kürzlich beschlossene Insektenschutzgesetz würden bei weitem nicht ausreichen, „um Mensch und Natur vor Pestiziden zu schützen“, führt Johannes Heimrath, Vorstandsmitglied des Bündnisses für eine enkeltaugliche Landwirtschaft, dazu aus. „Hier müssen die künftigen Bundestagsabgeordneten deutlich nachsteuern.“ Verbesserungsbedürftig sei etwa das Zulassungsverfahren für Pflanzenschutzmittel, finden die Unterzeichnenden – hier werde beispielsweise der Ferntransport von Pestiziden durch die Luft noch nicht ausreichend berücksichtigt. Zudem wird ab 2022 ein jährliches Pestizid-Monitoring sowie die Einführung einer Sonderabgabe für Pflanzenschutzmittel, die dem Umbau hin zu einer ökologischen Landwirtschaft zugutekommen soll, gefordert.

IVA: In Deutschland nicht zu viele, sondern zu wenig Pflanzenschutzmittel

Ein „äußerst schlechtes Timing“ bescheinigt der Industrieverband Agrar (IVA) der Kampagne des Bündnisses, da momentan Landwirte, Obstbauern und Winzer aufgrund des ungewöhnlich feuchten Sommers und des dadurch bedingten Auftretens pilzlicher Erreger um ihre Ernten kämpfen würden. Und gegen den Pilzbefall würden in dieser Lage nur Spritzbehandlungen mit Fungiziden helfen – egal ob im ökologischen oder konventionellen Anbau. „Aktuell erinnert vieles an die Situation, die wir schon im Jahr 2016 hatten, als ein feuchter Frühsommer einen hohen Pilzdruck verursachte. Die Aufwandmengen für Kupfer wurden heraufgesetzt, um Bio-Betrieben überhaupt eine Möglichkeit zu geben, ihre Ernten vor dem Totalausfall zu schützen“, macht IVA-Hauptgeschäftsführer Frank Gemmer dazu deutlich. „Was schon vergessen ist: Damals forderten die Anbauverbände nicht weniger, sondern mehr Pflanzenschutzmittel auch im Ökolandbau.“

Die Bundesrepublik und die EU würden an die Genehmigung neuer Wirkstoffe und die anschließende Zulassung neuer Produkte, die häufig mehrere Wirkstoffe enthalten, die weltweit strengsten Anforderungen stellen, ruft der IVA in diesem Zusammenhang noch einmal ins Gedächtnis. Gerade aufgrund der sehr strengen Zulassungsregeln in Deutschland gebe es nicht zu viele, sondern im Gegenteil zu wenig unterschiedliche Pflanzenschutzmittel – „in diesem Punkt geht die Kampagne komplett an der landwirtschaftlichen Praxis vorbei“, wie Gemmer betont.

► Wie sich der Zentralverband Gartenbau (ZVG) zu dem offenen Brief äußert, lesen Sie in der am 3. September erscheinenden TASPO 35/2021.

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