Essbare Stadt: „Anfangs wurden wir belächelt“

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Entlang der historischen Stadtmauer begann das Projekt essbare Stadt in Andernach. Foto: Foto: Stadtverwaltung Andernach/ Maurer

Im Jahr 2010 wurde mitten in der rheinland-pfälzischen 30.000-Einwohner Stadt Andernach entlang der alten Stadtmauer die „essbare Stadt“ realisiert. Auf 1,6 Hektar wurden Gemüsebeete und Spalierobst angepflanzt. Für die Bewohner:innen der Stadt und Gäste ist seitdem naschen ausdrücklich erlaubt. Nach anfänglicher Skepsis habe sich das Konzept mittlerweile als erfolgreich herausgestellt.

Bepflanzung mit essbaren Obst- und Gemüsepflanzen

Nicht zuletzt die Corona-Pandemie hat urbanem Grün Aufwind gegeben. Städte sollen durch die Begrünung mit Bäumen und Pflanzen lebenswerter gemacht und darüber hinaus auch widerstandsfähiger gegenüber dem Klimawandel gemacht werden. In Rheinland-Pfalz geht man in der Stadt Andernach seit 2010 noch einen Schritt weiter und rief die „essbare Stadt“ ins Leben. Entlang der historischen Stadtmauer wurden Rasenflächen und Beete mit Wechselbepflanzung umgestaltet und Gemüsebeeten und Spalierobst bepflanzt, dazu gehörten Apfel- und Birnbäume, sowie Pfirsich, Granatapfel, Knackmandel, Mispel und Feige. Beim Gemüse setzte man auf über 100 verschiedene Tomatensorten. Hinzu kamen jährlich wechselndes Gemüse, wie Bohnen oder Zwiebeln. Nach ein paar Jahren wurden weitere Zonen innerhalb des Stadtgebietes mit Naschobstbeeten und Hochbeeten mit Salaten und Kräutern versehen. Genießen und naschen war von Beginn an ausdrücklich erlaubt.

Anfängliche Kritik schnell verstummt

Den Impuls für die „essbare Stadt“ gaben der Leiter des Sozialamtes und der Oberbürgermeister Andernachs. „Anfangs wurde die Idee von Teilen der Stadtpolitik und von anderen Kommunen belächelt und kritisiert, doch nachdem sich schnell Erfolge und hohe Akzeptanz einstellten, verstummte die Kritik“, zieht Johannes Mader, bei der Stadt im Sachgebiet Umwelt und Nachhaltigkeit verantwortlich, ein positives Fazit. Auch erfahre man mittlerweile die Unterstützung sämtlicher politischer Parteien. Finanziell müsse Andernach für die Pflege der Flächen einen niedrigen sechsstelligen Betrag aufbringen. Diese Arbeiten werden von einer gemeinnützigen Gesellschaft zur Integration von Langzeitarbeitslosen in den Arbeitsmarkt unter Anleitung von Gartenbaumeistern und Agrarwirten übernommen.

Hohe Annahme bei der Bevölkerung

Ein anderes Problem, was vielerorts für Kritik an „essbaren Städten“ zu hören ist, sei befürchteter Vandalismus. Dieser halte sich aber in Andernach in Grenzen und sei laut Mader nur eine „seltene Randerscheidung.“ Vielmehr sei die Annahme in der Bevölkerung enorm hoch, bis hin zum Engagement beim Rebschnitt oder der Pflege von Spalierobst-Anlagen. Auch werden beispielsweise Salate, Grün- und Rosenkohl komplett abgeerntet. Es geht aber auch um Ästhetik, denn Gemüse und Gehölze werden so kombiniert, dass sich je nach Jahreszeit blühende und Pflanzen mit nutzbaren Früchten in räumlicher Beziehung zueinander befinden. Eine weitere Rolle spielt dabei eine urbane Biodiversität. Daher werde auf den Einsatz chemischer Pflanzenschutz- und Düngemittel verzichtet und will in Sachen Ressourcenschonung künftig auch auf effiziente und gezielte Tröpfchenbewässerung setzen. Das Engagement der Stadt wurde schließlich auch belohnt und schon zweimal mit der Goldmedaille „Entente Florale“ ausgezeichnet. Zudem haben sich bereits weit über 100 Städte und Gemeinden zur Nachahmung gefunden, Tendenz steigend.

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