Reerdigung: ökologische Alternative zu Sarg und Urne

Veröffentlichungsdatum: , Roman Seifert

Während der 40 Tage dauernden Transformation bleibt der Kokon geschlossen. Foto: Meine Erde

Neben den klassischen Sarg- und Urnenbestattungen gibt es nun eine weitere Erdbestattungsmethode, genannt Reerdigung. Dabei werden Leichname innerhalb von 40 Tagen in einem natürlichen Prozess zu Humuserde umgesetzt, die dann auf Friedhöfen beigesetzt wird. In der schleswig-holsteinischen Stadt Mölln läuft derzeit ein Pilotprojekt.

„Die derzeit innovativste, nachhaltigste und lebensbejahendste Bestattungsart“

Das Berliner Unternehmen Circulum Vitae hat die neue Bestattungsform auf den deutschen Markt gebracht und tritt unter dem Namen „Meine Erde“ als Anbieter für Reerdigungen auf. Ziel der beiden Firmengründer Max Hüsch und Pablo Metz ist es, Reerdigungen deutschlandweit als ökologische Alternative zu Sarg- und Urnenbestattungen anzubieten. „Eine Reerdigung stellt die derzeit innovativste, nachhaltigste und lebensbejahendste Bestattungsart dar“, sagt Metz.

Leichnam wird auf organischem Substrat gebettet

Der Umsetzungsprozess findet in einem Stahlzylinder statt – Kokon genannt. Er ist etwa 2,50 Meter lang und höher als ein Sarg. Der Leichnam wird darin auf einem organischen Substrat gebettet, das aus Stroh und Grünschnitt verschiedener Pflanzen besteht. Angehörige können auch Blumen mit in den Kokon legen. „Das Substrat wird von ,Meine Erde‘ zusammengestellt und auf die verstorbene Person angepasst. Es werden keine Mikroorganismen, Kompostwürmer, chemische Mittel oder andere Zusatzstoffe hinzugegeben“, bestätigt das Unternehmen auf Nachfrage.

Rund 150 Kilogramm Humus bleiben übrig

Nach Ende des 40-tägigen Umwandlungsprozesses kann die Erde aus dem Kokon entnommen werden. Grobe Restbestandteile wie nicht zersetzte Knochenbestandteile und Zähne werden mit einer Knochenmühle zerkleinert, ähnlich wie nach der Kremation. Übrig bleiben etwa 150 Kilogramm Humus, der nach frischem Waldboden riecht und einen pH-Wert von 4 bis 5 aufweist. Die Menge der neuen Erde sei abhängig vom Körpergewicht der verstorbenen Person. Als Faustregel gelte, dass rund das 1,5-fache des Körpergewichts an neuer Erde entsteht.

Aktuell werde auf Friedhöfen für eine Reerdigung auf einer Erdgrabfläche ein Aushub von etwa 30 Zentimeter vorgenommen. Die neue Erde wird dann dort eingebracht und ergibt einen Auftrag von etwa 15 Zentimetern. Anschließend wird das Grab mit 15 Zentimetern Friedhofserde verfüllt. Eine Reerdigung wird im Rahmen der Bestattungsgesetze der Länder grundsätzlich immer auf einem Friedhof durchgeführt werden.

„Reerdigung knüpft an Bestattungsformel ,Erde zu Erde‘ an“

Im Februar dieses Jahres startete in der schleswig-holsteinischen Stadt Mölln (Herzogtum Lauenburg) ein Pilotprojekt. Die Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Mölln und der Evangelisch-Lutherische Kirchenkreis Lübeck-Lauenburg arbeiten dabei zusammen an den Rahmenbedingungen wie Angeboten zu Seelsorge, Begleitung der Angehörigen sowie Trauerfeier. Im Pilotprojekt in Mölln dient eine Friedhofskapelle vorübergehend als Aufbewahrungsort für den Kokon (Alvarium). Nach dem biologischen Abbauprozess entscheiden die Angehörigen, wo sie die Erde beisetzen lassen möchten. „Die Reerdigung ist eine natürliche ökologische Transformation des Körpers. Sie knüpft an unsere Bestattungsformel ,Erde zu Erde‘ an. Wir sind die Experten für gute Rituale und begleiten deshalb dieses Pilotprojekt mit Blick auf die Vielfalt von Bestattungsformen auf unseren Friedhöfen“, sagt Pröpstin Frauke Eiben.

„Idee der Reerdigung hat uns sofort eingeleuchtet“

Reerdigung entspreche vollständig dem christlichen Verständnis des ewigen Lebens, das von einer Auferstehung nach dem Tod ausgeht. 40 Tage sind im biblisch-theologischen Kontext eine wichtige Zahl. Sie steht für Veränderung, Befreiung, Klärung. Hilke Lage, Pastorin in der Kirchengemeinde Mölln, meint zur Reerdigung: „Die Idee der Reerdigung hat uns sofort eingeleuchtet. Sie ist eine gute Alternative für alle, bei denen eine Bestattung im Sarg oder eine Feuerbestattung Unbehagen auslösen. Außerdem nimmt die Reerdigung mit der Nachhaltigkeitsidee den christlichen Gedanken der Bewahrung der Schöpfung auf.“

► Welche Positionen nehmen die Fachverbände beim Thema „Reerdigung“ ein, und wie sehen die rechtlichen Rahmenbedingungen aus? Einen ausführlichen Beitrag zu diesem Thema lesen Sie in der Friedhofskultur.

Cookie-Popup anzeigen