Torfausstieg: „Eine simple Strategie genügt nicht“

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„Die Substratbranche muss verstehen, dass es nur mit alternativen Ausgangsstoffen weitergeht. Die Politik muss verstehen, dass es nur mit Torf weitergeht“, sagt Moritz Böcking, Geschäftsführer der Klasmann-Deilmann-Gruppe und Vorstandsmitglied des europäischen Branchenverbands Growing Media Europe AISBL.

Die Bundesregierung verabschiedet Moorschutz- und Torfminderungsstrategie sowie Bund-Länder-Zielvereinbarung. Im Koalitionsvertrag der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen heißt es, dass die Substratindustrie vorzeitig Gewinnungsflächen aufgeben soll. Im Interview äußert sich Moritz Böcking, Geschäftsführer der Klasmann-Deilmann-Gruppe und Vorstandsmitglied des europäischen Branchenverbands Growing Media Europe AISBL, zu den aktuellen Entwicklungen.

Berlin und Hannover wollen Moorböden schützen, nachhaltige Nutzungsformen für die Landwirtschaft etablieren sowie die Torfgewinnung und -nutzung beenden.

Böcking: Der globale Klimaschutz bleibt eine zentrale Herausforderung und in Deutschland gehört auch der Moorschutz dazu. Die Substratbranche steht dabei seit Jahrzehnten im Fokus. Wissen sollte man, dass die vollständige und dauerhafte Beendigung der Torfgewinnung zu einer Verbesserung der deutschen Klimabilanz um maximal 0,2 Prozent führen würde. Zum Glück kommt Bewegung in den Diskurs. Erstmalig wird die Landwirtschaft mitgedacht, die den größten Teil der Emissionen aus Moorböden verantwortet. Die Relationen werden endlich geradegerückt.

Verliert die Substratindustrie nun ihre wichtigste Ressource?

Böcking: Der wichtigste Rohstoff der Substratbranche steht hierzulande auf der Streichliste. Wir sind gespannt, wie konstruktiv und dialogbereit Bundes- und Landesregierung nun vorgehen. Eine simple Strategie zum Torfausstieg genügt nicht. Wir brauchen eine Strategie zur sicheren Substratversorgung. Der Anspruch muss viel umfassender sein. Es geht um neue kultursichere Substratmischungen, um den sicheren Zugriff auf alternative Rohstoffe und um die Umsetzung in jedem einzelnen Gartenbaubetrieb.

Anders als in der Vergangenheit beginnt also auch für die Substratbranche eine Zeitenwende.

Böcking: Die Zeitenwende in der Substratindustrie hat längst begonnen. Viele Hersteller setzen sich seit Jahren mit neuen Rohstoffen auseinander. Allein Klasmann-Deilmann hat im Jahr 2022 weltweit 800.000 Kubikmeter alternative Ausgangsstoffe eingesetzt. Die ganze Branche in Deutschland ist auf dem richtigen Weg. Der Industrieverband Garten (IVG) wird demnächst neue Zahlen veröffentlichen und wir rechnen mit einem Anteil von durchschnittlich 25 Prozent alternativen Ausgangsstoffen im Jahr 2022. Die Fortschritte sind also beachtlich.

Ist das Ende aller Torfkultursubstrate absehbar?

Böcking: Nein, die gegenwärtige Entwicklung bringt nicht das Ende der Torfkultursubstrate. Es ist an der Zeit, dass alle Beteiligten mit nüchternem Blick die Realität anerkennen: Die Substratbranche muss verstehen, dass es nur mit alternativen Ausgangsstoffen weitergeht. Die Politik muss verstehen, dass es nur mit Torf weitergeht. Für eine zuverlässige Versorgung des europäischen Gartenbaus mit kultursicheren Substraten brauchen wir alle bewährten Rohstoffe – vor allem die in Europa verfügbaren.

Ab 2026 sollen Blumen- und Pflanzerden vollständig ohne Torf produziert werden ...

Böcking: Daraus folgt, dass große Mengen an alternativen Ausgangsstoffen in den Hobbybereich umgeleitet werden und für Substratanwendungen im Produktionsgartenbau nicht mehr zur Verfügung stehen. Fortschritte im Profi-Bereich werden ausgebremst. Es ist ein Trugschluss der Politik, dass sich nachwachsende Rohstoffe in immer größeren Mengen ohne nennenswerte Hindernisse sichern lassen. Im Gegenteil. Die Konkurrenzsituation vor allem zur Energiebranche verschärft sich. Von einem vollständigen Verzicht auf Torf können wir nur abraten. Wir plädieren für Reduktionsziele mit Augenmaß und verweisen für den Hobby-Bereich auf die Selbstverpflichtung der Substrathersteller im IVG, die eine Torfminderung von 70 Prozent in Blumen- und Pflanzerden bis 2030 vorsieht.

Dessen ungeachtet soll Torf bis 2030 auch in Kultursubstraten für den Produktionsgartenbau weitgehend durch alternative Ausgangsstoffe ersetzt sein.

Böcking: Das kann auch gelingen, sofern ein gemeinsames Verständnis von „weitgehend“ erzielt wird. Es gibt Kulturen, bei denen ein Substrat mit fünfzig Prozent alternativen Ausgangsstoffen bereits heute sehr gut funktioniert, so zum Beispiel bei verschiedenen Zierpflanzen. In anderen Segmenten kommt die Entwicklung langsamer voran, unter anderem bei Jungpflanzen für die Ernährungswirtschaft. Wir können nicht verbindlich vorhersagen, welche Fortschritte unsere Branche in den verschiedenen Segmenten machen wird, aber auch im Jahr 2030 können 30 Prozent oder 40 Prozent Torfersatz „weitgehend“ sein.

Die deutsche Politik möchte das Thema auf die europäische Ebene heben.

Böcking: Eine einheitliche Regelung für ganz Europa ist ein berechtigtes Interesse, sofern sie dem Klimaschutz im europäischen Produktionsgartenbau dient und Wettbewerbsnachteile für Länder mit progressiven Torfausstiegsquoten verhindert. Den vollständigen Ausstieg aus Torfgewinnung und -nutzung wird es jedoch EU-weit bis 2030 nicht geben. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft versuchte im vergangenen Sommer, die europäischen Amtskollegen in Brüssel von einem Torfausstieg zu überzeugen, und bekam spürbaren Gegenwind. Wir sind zuversichtlich, dass eine europaweite Regelung ausgewogener ausfällt als die Ambitionen aus Berlin.

Wie könnte die Lösung aussehen?

Böcking: In den Niederlanden wurde vor kurzem eine Einigung erzielt, mit der eine reduzierte Nutzung von Torf legitim bleibt, sofern die Rohstoffe das RPP-Siegel tragen. „Responsibly Produced Peat“ ist eine europäische Nichtregierungsorganisation, in der anerkannte Verbände wie Wetlands International mitwirken. Sie steht für eine verantwortungsvolle Nutzung von Torfgewinnungsflächen und für den Schutz natürlicher Moore. RPP hat ein Zertifizierungssystem etabliert, das die Auswahl, Nutzung und Wiederherrichtung von Gewinnungsflächen mit strengen Auflagen verbindet. Klasmann-Deilmann hat bereits 86 Prozent der eigenen Flächen nach RPP zertifiziert. RPP könnte auch für den in Deutschland genutzten Torf die Lösung sein. Tragfähige Kompromisse sind möglich.

Was müsste Ihrer Meinung als nächstes geschehen?

Böcking: Mein Wunsch ist, dass bei jedem Gespräch zwischen Politik und Substratbranche mehr Erwerbsgärtner mit am Tisch sitzen. Der Bund finanziert zahlreiche Forschungsprojekte und die Produktentwicklung der Substratproduzenten läuft auf Hochtouren. Doch am Ende muss jede neue Substratmischung in jedem Gartenbaubetrieb individuell eingeführt und die Kulturführung angepasst werden. Der Aufwand ist groß. Nicht nur den Substratherstellern, sondern vor allem den Betrieben wird viel abverlangt. Hier sollte die Politik genauer hinhören als in der Vergangenheit.

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