Wirtschaft & Politik

Gartenbauhandel folgt der gesamtpolitischen Lage

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Weitgehend stabil und optimistisch zeigt sich der Gartenbau trotz der vielen wirtschaftlichen und politischen Unsicherheiten auf den Märkten. Brexit, Russlandembargo und Terror zum Trotz dreht sich die Blumen- und Pflanzenwelt weiter, wenn auch nicht immer in den herkömmlichen Bahnen, wie die Messe Essen meldet.

Wie aus den aktuellsten Zahlen der Eurostat ersichtlich, hält der Trend der steigenden Importe von Blumen und Pflanzen in die EU sowohl in der Menge als auch an Wert an. Foto: Jeanette Dietl Fotolia

Nachfrage an Blumen und Pflanzen konzentriert sich auf bestimmte Länder

Die Charakteristika der letzten Jahre im Welthandel haben weiterhin Bestand. Die weltweite Nachfrage nach Blumen und Pflanzen konzentriert sich in den Ländern Europas, Chinas, Japan und den USA. Die Niederlande bleiben als Drehscheibe für den Handel innerhalb der EU unangefochten die Nr. 1. Sie sind für fast 70 Prozent der Exporttätigkeiten von Blumen und Pflanzen innerhalb der EU verantwortlich. Wie aus den aktuellsten Zahlen der Eurostat ersichtlich, hält der Trend der steigenden Importe von Blumen und Pflanzen in die EU sowohl in der Menge als auch an Wert an.

2015 wurden insgesamt 504.952 Tonnen (+ 8,2 Prozent) zu einem Wert von 1,68 Milliarden Euro (+ 5,3 Prozent) von der EU importiert. Hauptverantwortlich für die Importsteigerung sind wie in den Vorjahren die Schnittblumen, die 78 Prozent der Gesamtimporte in die EU ausmachen. Ihr wertmäßiges Wachstum entspricht mit 5,3 Prozent exakt dem Gesamtwachstum. Die Importzuwächse sind fast ausschließlich auf die Schnittblumen zurück zu führen; Schnittblumen sind die alleinigen Wachstumstreiber im EU-Außenhandel.

Importmengen steigen prozentual stärker als Importwerte

Die Tatsache, dass die Importmengen prozentual stärker steigen als die Importwerte, zeigt, dass der Trend der letzten Jahre zu zunehmend höherwertigen Produkten nicht mehr anhält. Die Langzeitentwicklung in der Verschiebung bei den Bezugsländern hingegen setzt sich weiter fort. Kenia bleibt mit circa 27 Prozent der Importe als Bezugsland der EU unangefochten die Nr. 1, gefolgt von Äthiopien, Ecuador und Kolumbien. Als klassische Schnittblumenproduzenten sind diese Länder für den beschriebenen Importzuwachs der EU verantwortlich. Sie bauen ihre Marktposition als Exporteur für die EU weiter aus. Exportländer wie Israel, USA und Costa Rica hingegen zeigen einen rückläufigen Trend.

Exportwerte der EU steigen – Exportmengen nicht

Laut Eurostat wurden 2015 Blumen und Pflanzen in einer Menge von 664.000 Tonnen und einem Wert von 1,98 Milliarden Euro aus der EU ausgeführt. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein mengenmäßiger Rückgang von 3,1 Prozent. Der seit zehn Jahren tendenziell steigende Export der EU ist damit seit 2013 zum zweiten Mal in Folge rückläufig. Gleichzeitig ist ein Wertzuwachs von 5,1 Prozent festzustellen, der sämtliche Sortimente bei den Blumen und Pflanzen betrifft. Sinkende Exportmengen bei steigenden Exportwerten bedeutet, dass zunehmend höherwertige Produkte durch die EU-Mitgliedsstaaten exportiert werden.

Handelsüberschuss bleibt bestehen

Trotz der gestiegenen Schnittblumenimporte der EU und damit erneuten Ausweitung der negativen Handelsbilanz im Segment der Schnittblumen und des Schnittgrüns (2015: ca. - 620 Mio. € / 2014: ca. - 500 Mio. €) stellt sich die EU-Handelsbilanz positiv dar. Die Gesamtbetrachtung zeigt einen Handelsüberschuss bei Blumen und Pflanzen in Höhe von circa 300 Millionen Euro. Der Handelsüberschuss ist nun seit 2002 feststellbar und vor allem auf den Export von Blumenzwiebeln und Knollen aus der EU zurückzuführen.

Zielmärkte der EU-Exporte nur mit leichten Veränderungen

Die Zielmärkte der EU-Exporte stellen sich auf den ersten Blick ähnlich wie in der Vergangenheit dar. Dabei werden die Exportrückgänge nach Russland durch Wachstum der übrigen Zielmärkte kompensiert. Entsprechend intensiv kümmern sich aktuell die einzelnen exportierenden EU-Länder darum, in Ländern Fuß zu fassen, die sie in der Vergangenheit vernachlässigt haben. So werden Länder wie die Türkei, Ukraine, Vereinigte Arabische Emirate oder auch Japan zunehmend umworben.

Zwei Gesprächsthemen dominieren 2016

Steigende Importe und Exporte der EU bei Blumen und Pflanzen sind ein Indiz für einen stabilen bis steigenden Handel in der Branche. Gerade die Exportwerte der Niederländer, aber auch in Deutschland, weisen Rekordwerte aus und könnten die Branche optimistisch stimmen. So hält die positive Export-Entwicklung der Niederländer auch im Herbst 2016 an, nachdem das Jahr 2015 bereits einen Rekord-Exportwert mit insgesamt 5,6 Milliarden Euro brachte. Trotzdem macht sich 2016 eine Verunsicherung am europäischen Markt breit. „Brexit“ und „Russland“ sind dabei die zentralen Themen.

Neue Absatzmärkte im Blickfeld

Fakt ist, dass insbesondere die niederländischen Blumengroßhändler seit dem Brexit intensiv nach neuen Absatzmärkten Ausschau halten. Dabei wird in alle Richtungen gedacht, sowohl innerhalb der EU als auch außerhalb wie z. B. den USA oder China. Gerade China ist laut Royal FloraHolland „verrückt nach Blumen Made in Holland“ und bleibe trotz wirtschaftlich angespannter Situation ein sehr interessanter Wachstumsmarkt für den Export von Blumen und Pflanzen. Das Land des Lächelns birgt ein Marktpotenzial auf Verbraucherebene von aktuell 5,5 Milliarden Euro und könnte auf 16,5 Milliarden Euro steigen.

Förderliche Rahmenbedingungen für Gartenbauhandel in Deutschland

Ungeachtet aller Turbulenzen am Markt (Brexit / anhaltendes Russlandembargo) stellt sich der deutsche Blumen- und Zierpflanzenmarkt 2016 nach ersten Erkenntnissen stabil bis positiv dar. Diese Tatsache beruht auf der positiven Verbraucherstimmung und damit einhergehend einer guten Konsumlaune.

Ähnlich wie in 2015 sorgen eine stabile Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt mit zunehmender Beschäftigung, steigenden Reallöhnen (+ 2,6 Prozent im ersten Quartal / + 2,3 Prozent im zweiten Quartal 2016) für einen ausgeprägten Einkommensoptimismus mit ungebrochener Konsumlust. Das Konsumklima in Deutschland zeigt sich im Gegensatz zu Großbritannien trotz Brexit und Terroranschlägen überaus widerstandsfähig (Anmerkung zu Großbritannien: 60 Prozent der Briten sind im Herbst 2016 verunsichert über die Zukunft und werden vermutlich ihre persönlichen Ausgaben für Mode, Lifestyle, Home und Living reduzieren.).

Auffälligkeiten 2016: Regionalität und Qualität stärkste Kaufanreize

Deutsche Großhändler stellen fest, dass der Facheinzelhandel Aspekte wie Qualität und regionale Produktion mehr in den Fokus ihres Einkaufs bei Blumen und Pflanzen stellt. Diese Beobachtung wird auch in Frankreich gemacht, wo die Marke „Fleurs de France“ beim Handel und Verkauf an Bedeutung gewinnt.

Hauptentscheidungsmerkmal ist und bleibt die Qualität (Produkt & Prozess). Insofern gilt festzuhalten, dass deutsche Verbraucher auch gerne zu Importware greifen, wenn sie sich durch die Qualität und die ausgelobten Werte (Respekt für Mensch und Umwelt) angesprochen fühlen.
„Nachhaltigkeit“ und „Regionalität“ befördern somit den Verkauf, werden bei der Kaufentscheidung der deutschen Verbraucher aber immer im Zusammenhang mit der Qualität gesehen.