Wirtschaft & Politik

Niedrigerer Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte gefordert

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Während von der Politik zum Teil eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro gefordert wird, plädiert das Netzwerk der Spargel- und Beerenverbände dafür, zumindest Erntehelfern einen niedrigeren Mindestlohn zu bezahlen. Ein Lohnanstieg von 25 Prozent von einer Saison auf die nächste sei für heimische Erzeuger nicht zu erwirtschaften – insbesondere, da ihre Produkte im Wettbewerb zu Ländern mit deutlich geringeren Lohnkosten stünden.

Über 100.000 Saisonarbeitskräfte sind laut dem Netzwerk der Spargel- und Beerenverbände pro Jahr in deutschen Betrieben beschäftigt. Foto: Netzwerk der Spargel- und Beerenverbände

Gesetzlicher Mindestlohn derzeit bei 9,60 Euro pro Stunde

Im Zuge der Veröffentlichung des jüngsten Jahresberichts „Saisonarbeit in der Landwirtschaft“ hob die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) erst unlängst die positive Entwicklung durch die aktuellen Tarifverträge im Gartenbau in Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Niedersachsen, Bremen und Mecklenburg-Vorpommern hervor, mit denen ab 1. Januar 2022 für die unterste Lohngruppe – zu der laut IG BAU die meisten Saisonbeschäftigten gehören – ein Brutto-Stundenlohn von zehn Euro gilt. Gleichzeitig soll der gesetzliche Mindestlohn zum Jahresbeginn 2022 von derzeit 9,60 Euro auf 9,82 Euro pro Stunde, und ab 1. Juli 2022 auf 10,45 Euro steigen. Das ist einigen Politikern aber noch nicht genug: Laut dem jüngst vorgelegten Sondierungspapier von SPD, Grünen und FDP soll sich der Mindestlohn im kommenden Jahr sogar auf zwölf Euro erhöhen.

Rentabilität heimischer Erzeuger gegenüber Niedriglohnländern gefährdet

Bildet tatsächlich die sogenannte „Ampel-Koalition“ die neue Bundesregierung und wird die von ihr geforderte Mindestlohnanhebung umgesetzt, würde dies einen Lohnsprung von rund 25 Prozent bedeuten – von einer Saison auf die nächste, wie das Netzwerk der Spargel- und Beerenverbände vorrechnet. Würde, wie politisch gefordert, zudem die sozialversicherungsfreie Beschäftigung für Saisonarbeitskräfte fallen, würde der Anstieg der Lohnkosten sogar bei rund 40 Prozent liegen. Bei gleichzeitiger Konkurrenz aus Ländern, die vielfach zu einem wesentlich geringeren Mindestlohn produzieren können, sei damit die Rentabilität vieler heimischer Spargel- und Beerenerzeuger sowie weiterer handarbeitsintensiver Obst- und Gemüsebetriebe gefährdet. Dazu nennt das Netzwerk Zahlen des Statistischen Bundesamts, nach denen der Mindestlohn beispielsweise in Spanien bei 5,76 Euro pro Stunde liege, in Polen bei 3,64 Euro und in Marokko sogar nur bei 1,20 Euro.

Solche Niedriglohnländer könnten entsprechend auch ihre Produkte günstiger verkaufen, was dazu führe, dass ausländische Ware den heimischen Erzeugnissen vorgezogen werde – unter anderem bei Heidelbeeren würden dies deutsche Beerenbetriebe schon jetzt regelmäßig erleben, so das Netzwerk der Spargel- und Beerenverbände. Die Produkte könnten jedoch nicht nur zu den erforderlichen Preisen über die Hofläden und Verkaufsstände abgesetzt werden, da die Ernte saisonal oft auf wenige Tage beschränkt sei und in kurzer Zeit ein sehr großes Volumen zu sehr vielen Kunden gelangen müsse. Lassen sich aber die Marktpreise für Beeren, Spargel und Co. im Handel nicht realisieren – Modellrechnungen zufolge hätte eine Anhebung des Mindestlohns auf zwölf Euro pro Stunde einen Preisanstieg im zweistelligen Prozentbereich bei den Produkten zur Folge – würde die handarbeitsintensive Obst- und Gemüseproduktion hierzulande reduziert und stattdessen ins Ausland verlagert, so das Ergebnis der diesjährigen Umfrage des Netzwerks unter 278 heimischen Erzeugern.

In Landwirtschaft und Gartenbau überwiegend ausländische Saisonarbeitskräfte

Bei einer Erhöhung des Mindestlohns im Gartenbau und in der Landwirtschaft sei zu berücksichtigen, dass überwiegend kurzfristig Beschäftigte aus dem Ausland eingesetzt werden, die mit den Einnahmen aus der Saisonarbeit für die Verhältnisse in ihrem Heimatland ein sehr gutes Einkommen hinzuverdienen. „Aus diesem Grund fordern wir einen niedrigeren Mindestlohn für Saisonarbeitskräfte in den handarbeitsintensiven grünen Berufen, sowie eine schrittweise parallele Anpassung der Lohnentwicklung in der Branche“, so Simon Schumacher, Vorstandsmitglied des Netzwerks der Spargel- und Beerenverbände. „Als Ausgleich zur moderateren Lohnsteigerung fordern wir weniger Bürokratie, indem eine Prüfung der Berufsmäßigkeit bei einer kurzfristigen Beschäftigung von drei Monaten und einem Lohn bis zu 2.800 Euro pro Monat entfällt.“ Ein moderater Mindestlohn sichere demnach die regionale Produktion von Obst und Gemüse mit geringem CO2-Ausstoß und lasse eine Preisgestaltung zu, die auch Menschen mit geringerem Einkommen eine gesunde Ernährung mit frischen Produkten ermögliche.

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